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Donnerstag, 14.12.2017

Interview | Beitrag vom 17.08.2017

RaumfahrtWer wird die erste Deutsche im All?

Insa Thiele-Eich im Gespräch mit Dieter Kassel

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Die Gewinnerinnen des Wettbewerbs «Die Astronautin» Insa Thiele-Eich (l) und Nicole Baumann werden am 19.04.2017 in Berlin bekanntgegeben. (pa/dpa/Kappeler)
Insa Thiele und Nicole Baumann, Gewinnerinnen des Wettbewerbs "Die Astronautin" (pa/dpa/Kappeler)

Insa Thiele-Eich könnte die erste deutsche Frau im All sein: Die Meteorologin wird derzeit in Russland zur Astronautin ausgebildet. Wir haben sie gefragt, was sie daran reizt - und wann in der Raumfahrt mit einer Gleichstellung der Geschlechter zu rechnen ist.

Dieter Kassel: Ursprünglich haben sich über 400 Frauen beworben um einen Ausbildungsplatz zur ersten deutschen Astronautin, die ins Weltall fliegt zur Internationalen Raumstation ISS. Zwei sind am Ende ausgewählt worden, und die beiden haben jetzt in dieser Woche ihre Ausbildung begonnen und trainieren in der Nähe von Moskau. Und eine der beiden wird dann am Ende voraussichtlich 2020 tatsächlich zur Raumstation fliegen. Die eine ist Nikola Baumann, Kampfjetpilotin aus Köln, und die andere ist Insa Thiele-Eich, Meteorologin von der Universität Bonn. Und mit der sind wir jetzt in Moskau verbunden. Frau Thiele-Eich, erstmal einen schönen guten Morgen!

Insa Thiele-Eich: Guten Morgen!

Kassel: Was heißt denn das, die Ausbildung hat begonnen, ich glaube, vorgestern so ganz offiziell? Was machen Sie denn im Moment, wenn Sie nicht mit Journalisten reden?

Thiele-Eich: Wir haben gerade, das nennt sich Familiarization Training, also wir machen uns mit den verschiedenen Modulen bekannt, die die russische Raumfahrtbehörde auf der ISS hat, und natürlich auch Parabelflüge. Und wir durften gestern in die Zentrifuge. Vorgestern waren wir mit der Iljuschin, haben wir zehn [??? wg. Leitungsstörung unverständlich] gemacht. Und gestern dann die Zentrifuge, das sind natürlich dann doch die Highlights.

"Das ist überhaupt kein Konkurrenzverhältnis"

Kassel: Ist das eigentlich – es ist ja normal, dass zwei ausgebildet werden. Es ist normal, dass Astronauten ausgebildet werden, von denen einige nicht ins Weltall kommen. Aber ist das eigentlich zwischen Ihnen beiden ein Konkurrenzverhältnis, oder ist das – ich meine, auch Köln-Bonn ist ja nicht weit weg –, ist das eher so ein bisschen schwesterlich?

Thiele-Eich: Das ist überhaupt kein Konkurrenzverhältnis. Im Moment gibt es ja noch gar kein ...[Leitungsstörung], nein, aber wir sind, also wir verstehen uns sehr, sehr gut. Wir arbeiten extrem gut professionell zusammen, das ist bei Frau Baumann wirklich – da freue ich mich total, dass ich mit ihr zusammenarbeiten kann, weil das macht sie wirklich... da bin ich sehr begeistert. Wir sind jetzt auch nicht Bibi und Tina auf dem Ponyhof. Aber wir verstehen uns sehr gut, wir haben hier auch schon Tränen gelacht zusammen, ich habe wirklich ein bisschen Muskelkater vor Lachen, weil wir wirklich auch viel Spaß miteinander haben.

Die sowjetische Kosmonautin Valentina Tereschkowa steht 1975 während einer Ausstellung in der Münchner Olympiahalle neben dem sowjetischen Mondfahrzeug Lonochod-1. Valentina Tereschkowa unternahm vom 16. bis 19. Juni 1963 als erste Frau der Welt einen Raumflug. (picture alliance / dpa)War die erste Frau im All: die sowjetische Kosmonautin Valentina Tereschkowa, die 1963 einen Raumflug unternahm. (picture alliance / dpa)

Kassel: Ist denn eigentlich, Frau Thiele-Eich, dieser Gedanke, wenn denn alles gut geht, tatsächlich ins All zu fliegen, wäre das, wenn es passiert, für Sie die Erfüllung eines Traums oder wäre es eher die Umsetzung eines wissenschaftlichen Plans?

Thiele-Eich: Beides zusammen. Als Wissenschaftlerin habe ich irgendwann – ich habe realisiert, was mich am Astronautinnendasein reizt: tatsächlich gar nicht nur der Flug ins All, also die Rakete, der Treibstoff, die Schwerelosigkeit, wobei ich das natürlich auch sehr aufregende Facetten davon finde. Aber es ist tatsächlich auch die wissenschaftliche Arbeit auf der Raumstation. Das geht so ein bisschen Hand in Hand. Falls man Nummer zwei wird, ist natürlich auch der Weg das Ziel. Auch im Training erfährt man ja schon viel, lernt man viel dazu als Wissenschaftlerin. Natürlich möchte ich aber auch gern das Ziel erreichen.

Verschiedene wissenschaftliche Experimente auf der ISS geplant

Kassel: Aber was wäre denn für eine Meteorologin so eine konkrete Aufgabe auf der Raumstation?

Thiele-Eich: Wir sehen ja beide nicht nur unsere eigenen wissenschaftlichen Themen weiterführen, dafür ist die Zeit auf der Raumstation auch viel zu teuer, sondern man wird immer angelernt in verschiedenen anderen wissenschaftlichen Experimenten. Zum Beispiel könnte das – das Wissenschaftsprogramm wird jetzt konzipiert, im September beginnen wir damit, gemeinsam auch mit Airbus. Und wir haben da auch im Moment eine Beratung vom Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum, das ist ganz toll.

Und dann beginnen wir, das Programm zu konzipieren, und dann kriege ich erstmal Vorschläge, was alles gemacht werden kann, und dann wird daraus ausgesucht – das machen aber auch gar nicht wir –, und wir werden dann darin geschult. Das heißt, wir – das ist ja auch das Spannende, man bekommt so einen Rundgang durch die verschiedenen Bereiche der Raumfahrt, sei es jetzt humanphysiologische Experimente oder auch psychologische Experimente. Es kann Materialforschung sein, Pflanzenkunde und natürlich auch meteorologische Experimente. Es soll ein Sensor auf der ISS eingebaut werden, der die Wetterbeobachtung mit unterstützt. Und das sind natürlich ganz viele verschiedene Dinge, auf die alle ich mich sehr freue.

Samantha Cristoforetti, derzeit einzige aktive ESA-Astronautin, bekommt vielleicht bald eine Kollegin aus Deutschland  (ESA)Samantha Cristoforetti, derzeit einzige aktive ESA-Astronautin, bekommt vielleicht bald eine Kollegin aus Deutschland (ESA)

Kassel: Wenn es denn klappt. Das ist eine offizielle Mission zum Teil, es ist aber gerade auch die Ausbildung, die Sie mit Ihrer Kollegin gerade machen und die natürlich nicht nur diese Woche dauert, das wird ja alles noch viel länger dauern, ist durch Crowdfunding finanziert worden, also durch private Gelder. Glauben Sie, dass das auch so ein bisschen die Zukunft der bemannten Raumfahrt ist? Weil, das ist eine sehr, sehr teure Angelegenheit, und es gibt ja immer mehr Diskussionen darüber, ob sich die Finanzierung durch reine Steuergelder noch rechtfertigen lässt.

Thiele-Eich: Also, die astronautische Raumfahrt ist mit Sicherheit – in der Tat ist es ein – es ist ja kein Spaß, sondern ein sehr teures Programm. Aber ich finde, es ist ein sehr wertvolles Programm, das definitiv – man merkt, es streben immer mehr private Firmen auch in diese Richtung. Da tut sich gerade ganz viel im Raumfahrtbereich. Das sieht man ja auch, wenn man in die USA schaut, mit SpaceX, die jetzt, wie ich meine, 2018 ihren ersten astronautischen Flug, also mit Personen an Bord planen. Und da wird sich mit Sicherheit auch ganz viel tun in der Auswahl von Astronauten. Es könnte tatsächlich sein, dass es nicht mehr nur über die klassischen Wege geht. Das ist ja immer so im Leben.

Gleichstellung im Jahr 2133 erreicht?

Kassel: Die erste Astronautin – ganz streng genommen war es eine Kosmonautin, weil es eine Russin war –, die gab es schon vor über einem halben Jahrhundert. Aber jetzt reden natürlich alle darüber, dass Ihre Kollegin und Sie die ersten deutschen Frauen sind, die zur ISS fliegen könnten, also eine von Ihnen. Was glauben Sie denn, wie lange es noch dauern wird – nicht, das fragen immer alle, wie lange dauert es, bis wir in ein anderes Sonnensystem fliegen, ich frage Sie jetzt, wie lange dauert es, bis wir sagen werden, so ungefähr die Hälfte aller Astronauten sind Frauen?

Thiele-Eich: Die Frage ist, die Hälfte aller Astronauten sind Frauen?

Kassel: Wie lange dauert – nein, das Sonnensystem lassen wir jetzt weg, das kann ich auch die Männer fragen. Ich will jetzt von Ihnen wissen –

Thiele-Eich: Ich hoffe, wir haben zuerst die Hälfte, bevor wir in ein anderes Sonnensystem fliegen können. Das wäre auch für die Fortpflanzung wahrscheinlich besser. Aber – wie lange dauert das, bis wir die gleiche Anzahl haben – wobei es geht ja nicht immer nur darum, exakt die gleiche Zahl zu haben. Na ja, als Wissenschaftlerin kann ich so antworten: Es gibt eine Studie dazu vom Weltwirtschaftsforum, die haben mal geschaut, was passiert, wenn sich nichts wirklich in der Gesellschaft ändert, haben wir 2133, das war, glaube ich, die Zahl, Gleichheit im Grunde von Zahlen bei den verschiedenen Berufen von Frauen und Männern. 2133. Mir ist dran gelegen, dann vielleicht doch ein bisschen mitzuhelfen, damit es ein bisschen schneller geht. Ich habe ja selbst zwei Töchter.

Kassel: Ich glaube, das tun Sie auch ganz aktiv. Danke Ihnen sehr für das Gespräch, und ein erfolgreiches Training heute und morgen noch!

Thiele-Eich: Danke schön!

Kassel: Insa Thiele-Eich war das. Sie ist eine von zwei Frauen, die gerade zur Astronautin ausgebildet werden, und eine von den beiden wird dann, wenn alles gut geht, das weiß man bei solchen großen Projekten nie, aber wird dann im Jahr 2020 voraussichtlich zur Raumstation ISS fliegen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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