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Sein und Streit | Beitrag vom 31.12.2017

Rauhnächte und Rituale Leben zwischen den Zeiten

Thomas Macho im Gespräch mit René Aguigah

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Furchterregende Gesellen treiben in St. Englmar (Bayern) ihr Unwesen. Mit kunstvoll handgeschnitzten Masken und wilden Pelzgewändern ziehen in der Zeit zwischen Weihnachten und Dreikönig in vielen Gemeinden im Bayerischen Wald Hexen, Teufel und Dämonen lautstark durch die Straßen, um die bösen Geister zu vetreiben. (picture alliance / dpa / Armin Weigel)
Rauhnacht im bayrischen St. Englmar (picture alliance / dpa / Armin Weigel)

Wir befinden uns zwischen den Jahren, während der sogenannten Rauhnächte. Aber was heißt das eigentlich, wie lassen sich solche "Zwischenzeiten" philosophisch fassen? Kulturhistoriker Thomas Macho sieht den Menschen in dieser Zeit in einer Art Schwebezustand.

Dass wir von der Zeit zwischen Ende Dezember und Anfang Januar als "Zwischen den Jahren" sprechen, erinnere an die althergebrachte Differenz zwischen Sonnen- und Mondkalender, sagt der Kulturhistoriker Thomas Macho: Das Mondjahr sei um knapp zwölf Tage kürzer als das Sonnenjahr und diese zwölf Tage Differenz werde in verschiedensten Kontexten als eine Art "Zwischenzeit" begangen. In den europäischen Kulturen umfasse diese ungefähr die Zeit zwischen Heiligabend und dem 6. Januar. Diese astronomische Grundlage sei aber sehr stark kulturell determiniert, denn die älteren Kalender seien alle Mondkalender gewesen, wohingegen heute relativ komplizierte "Mond-Sonnen-Konstruktionen" dominierten. Die Bedeutung dieser kalendarischen Anordnungen erkläre sich vor allem dadurch, dass in den meisten Kulturen und Sprachen der Mond mit der Frau, die Sonne mit dem Mann assoziiert werde – "und wenn die zwei nicht zusammenkommen, dann gibt es Probleme, das kennen wir ja auch aus unserem eigenen Leben…".

Kulturhistoriker Thomas Macho im Gespräch mit René Aguigah von Deutschlandfunk Kultur im Gespräch über sein Buch "Das Leben nehmen – Suizid in der Moderne" auf dem Blauen Sofa auf der Frankfurter Buchmesse 2017 (Deutschlandradio / David Kohlruss)Kulturhistoriker Thomas Macho im Gespräch mit René Aguigah von Deutschlandfunk Kultur im Gespräch über sein Buch "Das Leben nehmen – Suizid in der Moderne" auf dem Blauen Sofa auf der Frankfurter Buchmesse 2017 (Deutschlandradio / David Kohlruss)

Rauhnächte: Dämonen, verkehrte Welt und Wahrsagerei

Die Bezeichnung "Rauhnächte", wie diese zwölf Nächte im Volksmund genannt werden, komme aus dem Germanischen und könne sowohl auf rauh, pelzig, fellig zurückgeführt werden – dann verweise der Begriff auf die felligen Dämonen, die in den Nächten ihr Unwesen treiben sollen – als auch, als Rauchnächte, auf den Brauch des Ausräucherns, der bis heute noch in vielen Gegenden während dieser Zeit betrieben werde, um sich vor bösen Geistern zu schützen. Das habe man vor allem in der Heiligen Nacht, zu Silvester und in der Nacht zum Dreikönigstag (am 6. Januar) praktiziert. Der Beginn der Rauhnächte sei je nach Region und Kultur unterschiedlich festgelegt, mal auf den 24. Dezember, mal auf den 21. Dezember – also die Thomasnacht bzw. die Sonnenwende.

Als einen wichtigen Teil des Brauchtums rund um die Rauhnächte beschreibt Macho die Furcht vor der "Wilden Jagd", einem mythischen Totenheer, von dem man glaubte, dass es des Nachts durch die Wälder ziehe, die man deshalb zu dieser Zeit gründlich mied. Einige Quellen besagen, dieses Heer werde angeführt von einem Dämon namens "Herlechinus", von dem möglicherweise das Wort "Harlekin" abstamme – was bereits auf die karnevaleske Dimension der Rauhnächte hinweise. Denn die Toten seien ursprünglich von den Menschen selbst "performt" worden:

"Das Dorf hat sich vermummt, maskiert und man zog mit Masken durch die Wälder und hat die Zeit zwischen den Zeiten auch genutzt, um das zu tun, was sonst verboten war, Leute zu belästigen, zu erschrecken, durch Lärm und Krach zu irritieren."

Würfelwurf und Bibelstechen

Die Rauhnächte seien auch eine Zeit der Wahrsagerei gewesen, so Macho: Jeder Nacht sei ein Monat des Jahres zugeordnet gewesen und so habe man mit unterschiedlichen Wahrsagepraktiken nach und nach das ganze kommende Jahr vorherzusagen versucht – in der dritten Nacht etwa habe man dann deuten können, was der März bringen würde. Zu solchen Praktiken zählten unter anderem der Würfelwurf – eine Reminiszenz an die römischen Saturnalien, den Feiern des Gottes Saturn, vergleichbar mit unserem Jahreswechsel, in denen das sonst verbotene Würfelspiel ausnahmsweise erlaubt war – oder das sogenannte Bibelstechen, bei dem man den Finger blind auf eine zufällige Bibelstelle legte, die man dann zu deuten versuchte.

Einen Überbleibsel dieser Wahrsagepraktiken erkennt Macho heute in den Medien, mit ihren Jahresrückblicken und -vorausschauen. Ein Beispiel seien auch die Listen mit den prominenten Toten des letzten Jahres, die in Sendungen oder im Internet zusammengestellt würden, "so als müsste man den Neuzugang zu den Toten auch nochmal rubrizieren." Nicht umsonst bezeichne das "Medium" auch Personen, die in die Zukunft schauen oder mit den Toten kommunizieren können. Auch heute noch erlebten wir rund um den Jahreswechsel einen "Schwebezustand" der Zwischenzeit, so Thomas Macho: "Es gibt die Feste, die großen, dazwischen ist es sehr ruhig, man schließt etwas ab. Es ist tatsächlich so eine Übergangsphase, und so fühlen wir uns auch."

In der Politik: Lähmung, Aufbruch und bedrohte Ordnung

Eine andere Art von Übergang, der wir gerade beiwohnen ist der Regierungswechsel, der sich seit der deutschen Bundestagswahl in die Länge zieht. Thomas Macho sieht jedoch, was die politische Stabilität angeht, keine nennenswerten Unterschiede zu seiner österreichischen Heimat, in der die Regierungsbildung bereits abgeschlossen ist. Solche "Zwischenzeiten, die sich ergeben können aus komplizierten Regierungsverhandlungen", seien von den Verfassungen vorhergesehen und reguliert.

Um ein richtiges Interregnum, wie es aus dem römischen Kaiserreich bekannt ist, handele es sich hier nicht. Der Begriff beschreibt die Phase der Unklarheit zwischen dem Ende eines Herrschers, etwa durch dessen Tod, und dem Amtsbeginn des nächsten – etwa wenn es keine Nachkommen gibt. Diese Interregnumszeiten seien in Rom gefürchtet gewesen, weil sie immer drohten, in eine Aussetzung oder Umkehrung der Ordnung zu kippen, wie man sie von den Saturnalien kannte:

"Man hat immer versucht, diese Zwischenzeiten, eben weil ihnen das Odium anhaftete, dass in dieser Zeit womöglich die verkehrte Welt wieder in Gang gesetzt wird, das heißt, alles erlaubt ist, was sonst verboten ist, eher kurz zu halten."

Neue Gesetzesvorhaben bleiben auf der Strecke

Die Kontinuität der Herrschaft und der Ordnung sei unter anderem durch die "zwei Körper des Königs" gewährleistet worden, wie sie der Kulturhistoriker Ernst Kantorowicz analysiert habe: Die Vorstellung, dass es einen sterblichen Körper gebe und einen unsterblichen – die verkörperte "Idee des Königtums" –, der weiterlebe und vom Nachfolger aufgenommen werde. Meistens sei der Übergang von einem Herrscher zum nächsten streng geregelt gewesen, habe aber durch bestimmte Faktoren erschwert werden können – etwa im Falle eines Wahlkönigtums, bei Konflikten zwischen konkurrierenden Dynastien oder im Falle einer Revolution.

Die Sorge, dass der aufgeschobene Regierungswechsel in Deutschland ein Erschlaffen der politischen Auseinandersetzung mit sich bringt, teilt Macho nicht: "Tatsächlich gibt es ja zahlreiche Auseinandersetzungen, die gerade im Zuge der versuchten Regierungsbildung auch sehr sichtbar geworden sind." Was jedoch in der Tat auf der Strecke bleibe, seien neue Gesetzesvorhaben und die "großen Linien der Politik". Einerseits würde damit eine ohnehin vorhandene Tendenz der Großen Koalition noch einmal besonders spürbar – Politik als Verwaltung – andererseits würden gerade jetzt auch wieder – positive wie negative – Alternativen sichtbar.

So träten etwa die großen politischen Fragen immer dann in den Vordergrund, wenn die Parteien "unverzichtbare Forderungen erheben, und das passiert ja im Moment jeden zweiten Tag – dass gesagt wird, ohne die Erfüllung dieser Bedingung wird's aber nicht gehen." Diese Dynamik erkennt Macho sowohl in Fragen der Flüchtlingspolitik wie auch der sozialen Gerechtigkeit.

"Also, eigentlich ist es gar keine langweilige Zeit, in der man das Gefühl hat, es bewegt sich nichts und wir sitzen still, wie in den Rauhnächten, sondern es ist eher eine Zeit, in der man nochmal sieht, was gäbe es für Möglichkeiten, was sind mögliche Inhalte, die in Kontrast und auch in Konflikt zueinander stehen."

Philosophien des Dazwischen: Aufwertung des Unentschiedenen

Zahlreiche Philosophen haben versucht, ein Dazwischen abstrakt zu fassen, wie Macho betont, nicht zuletzt der französische Philosoph und Dekonstuktivist Jacques Derrida, der mit dem Begriff der "différance" – so eine mögliche Interpretation – eben ein Dazwischen, einen Aufschub, "etwas, wo Unterschiede nicht deutlich genug hervortreten können", bezeichnen wollte. Aber auch Immanuel Kant und Georg Wilhelm Friedrich Hegel liest Macho als Denker des Dazwischen: Kant nenne als dritte Kategorie von Relationen – neben der zwischen Substanz und Eigenschaft und der zwischen Ursache und Wirkung – das Verhältnis der Wechselwirkung. Diese, so Macho, sei viel bestimmender für unseren Alltag, als die anderen beiden und gerade dadurch gekennzeichnet, dass man nicht genau wisse, was Ursache und was Wirkung ist, "was welche Ängste, Hoffnungen, Wahrnehmungen, Wahrsagereien und so weiter auslöst oder nicht".

Hegels Dialektik wiederum sei nicht als bloß mechanische Gegensatz- und Synthesenbildung zu verstehen, sondern als Versuch, jene Zwischenphasen auf den Begriff zu bringen, "in denen eine Bewegung von einer ganz anderen abgelöst wird und wo dieses Abgelöstwerden ganz automatisch solche Zwischenräume schafft." Ein Dazwischen sei auch schon in Hegels Begriff des "Werden" eingeschrieben, einem Prozess, der sowohl das Sein wie auch das Nichts enthalte und nicht mit bestimmten Positionen identifiziert werden könne.

Defizit an "kultureller Fantasiebildung"

Ausgehend von Hegel könne man auch diagnostizieren, dass wir uns überhaupt in einer Zwischenzeit befinden: "Von der Postmoderne bis zum Zeitalter des Postfaktischen wird das post immer wieder in den Vordergrund gestellt, wobei dieses post sich dadurch auszeichnet, dass wir noch nicht wissen, was darauf folgt. Man ruft ein Ende aus, man ist nach etwas, man ist daher auch offenbar vor etwas, aber man weiß noch nicht genau, wovor man eigentlich steht." Diese Lücke lasse sich durch verschiedene Praktiken zu füllen versuchen, mit Katastrophenszenarien oder Utopien. "Aber eigentlich ist noch nicht so klar, wohin es geht".

Ein solches "In-der-Schwebe-sein" sei auch charakteristisch für die aktuelle Geschichtsphilosophie. Klar sei nur, dass es große Veränderungen geben werde. In Anlehnung an den Historiker Philipp Blom nennt Macho als Beispiel die Zukunft der Arbeit – und die Konsequenzen, die Automatisierung und Arbeitsschwund für unsere eingeübten Praktiken der Sinnstiftung habe:

"Wenn eine Arbeits- und Leistungsethik zu Ende geht, was tritt dann an deren Stelle? Das weiß im Moment noch niemand zu sagen."

Philosophien wie die Jacques Derridas bemühten sich darum, dass dieses Dazwischen und der Übergang, die ohnehin lebensbestimmend geworden seien, ernster genommen werden als in den geschlossenen Systementwürfen und großen Erzählungen. "Es geht eigentlich darum, den Aufschub, das Noch-nicht-genau-wissen auch als eine positive Zeit zu sehen." Gerade weil davon so eine Beunruhigung ausgehe, sei es "besonders wichtig zu betonen, dass all die spannenden Zeiten, die wir auch in unserem Leben erlebt haben, sehr viel mit solchen Ungewissheiten und Beunruhigungen zu tun haben."

Das Zaudern und Zögern, als uneindeutige "Praxis des Dazwischen", gebe uns die Möglichkeit nochmal zu überlegen und Dinge auszuprobieren. Die Zwischenräume, die etwa durch dialektische Prozesse entstünden, gelte es nicht nur als bedrohliche auszuhalten, sondern auch positiv wahrzunehmen.

"Und das hat man in den alten Rauhnächten auch genauso gemacht. Wahrsagerei hieß ja dann auch, auszuprobieren, was könnte kommen. Und im Moment, scheint mir, verwenden wir ein bisschen wenig Zeit auf diese positive Chance kultureller Fantasiebildung über mögliche Zukünfte."

Rituale als Praktiken des Übergangs

Eine Hilfe, um individuelle wie kollektive Übergangszeiten, jenseits des Jahreszeitenwechsels, erträglicher zu machen, seien Rituale. Mit dem Ethnologen Arnold van Gennep könne man annehmen, dass alle Rituale auf "Passagen" (rites de passages) hinauslaufen. Als solche etablierten sie eine Zwischenzeit, aber markierten und regulierten zugleich deren Anfang und Ende, den Eintritt und Wiederaustritt daraus. Bei Todesfällen ebenso wie bei Hochzeiten sei eine solche Abfolge von Trennungsriten, Zwischenphase und Normalisierung beziehungsweise Neubeginn zu beobachten.

Macho stimmt zwar der Diagnose zu, dass die Gegenwart durch einen "Ritualverlust" gekennzeichnet sei, betont jedoch zugleich, dass diese Tendenz ein Merkmal der "Moderne schlechthin" sei – und nicht etwa bloß eine Folge der 68er.

"Rituale funktionieren am besten, wo eine sehr ungebrochene Kontinuität zwischen den Generationen auf der einen Seite und innerhalb bestimmter Regionen auf der anderen Seite praktiziert werden kann. Diese Zeiten liegen aber lange schon hinter uns, nicht erst seit gestern oder irgendeiner benennbaren Krisenphase."

Gründe lägen unter anderem in der notwendigen größeren Mobilität, den häufigeren Reisen und Wohnortwechseln – statt ein Leben lang im Haus der Vorfahren zu bleiben.

"Wir sind konfrontiert mit Erfahrungen von Beweglichkeit, die für sich genommen großartig sind, aber eben auch immer bedeuten, dass wir mit viel Fremdheit konfrontiert werden, das auch aushalten müssen."

Ein kulturpessimistischer Impetus indes liegt Thomas Macho fern:

"Ja, wir brauchen Rituale und Zeremonien, aber wir sind eben auch immer gefordert, da erfinderisch zu sein."

Sein Buch über Rituale hat er zwar mit einem Zitat des Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein überschrieben, dass Rituale zur anthropologischen Konstante zu erheben scheint ("Das zeremonielle Tier"). Zugleich betont er jedoch, Wittgenstein, der viel gereist ist und das großbürgerliche Milieu seiner Familie verlassen hat, sei selbst das beste Beispiel für einen kreativen Umgang mit Traditionen und Ritualen. Zudem bleibe offen, ob jene Formulierung affirmativ gemeint sei oder nur kritisch eine bestimmte Position referiere – "und vielleicht ist es inzwischen schon ganz anders geworden."

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