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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 25.11.2016

RapsölWenn nicht in den Tank, dann doch bitte in den Magen

Von Udo Pollmer

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Ein blühendes Rapsfeld unter strahlend blauem Himmel (picture alliance / dpa/ Andreas Franke)
Ein typisches Bild: Goldgelbe Rapsblüten im Sommer (picture alliance / dpa/ Andreas Franke)

Rapsöl hat eine beeindruckende Karriere hingelegt: Von schädlich zu herzschonend. Doch wie ungefährlich ist das Öl wirklich?

Raps war früher in der Küche verpönt: Sein Öl schmeckte bitter und beißend, aber es eignete sich wenigstens als Lampenöl. Für den widerlichen Geschmack waren vor allem Senfölverbindungen verantwortlich. Sie führen zu Schilddrüsenstörungen und wurden auch zur Abtreibung genutzt. Zudem enthält Rapsöl eine ungewöhnliche Fettsäure, die Erucasäure; sie machte etwa die Hälfte des Fettes aus. Versuche mit Ratten, die Erucasäure zu fressen bekamen, ergaben oft unerfreuliche Ergebnisse: Die Tiere litten an Herzproblemen, daneben wurden vor allem Nieren und Leber geschädigt. 1977 schritt der Gesetzgeber ein und deckelte die Gehalte an Erucasäure per Höchstmenge.

Die Pflanzenzüchter begannen einen neuen Raps zu züchten, mit wenig Senfölglykosiden und wenig Erucasäure. Das Resultat hieß 00-Raps. Nun schmeckte nicht nur das Öl besser, endlich ließ sich auch der eiweißreiche Rückstand, der Presskuchen, ans Vieh verfüttern. In die Freude über die neuen, gesünderen Sorten mischte sich alsbald ein Wermutstropfen: Es wurde ein Hasensterben beobachtet, die Tiere fand man tot mit rapsgefüllten Mägen in der Nähe der Felder. Offenbar hatte der Mangel an Bitterstoffen Meister Lampe verleitet, sich damit den Bauch vollzuschlagen. Doch welche Rolle der neue Raps beim Tod der Tiere wirklich gespielt hat, ist bis heute nicht geklärt. Sicher ist hingegen, dass der 00-Raps im Winter für den Tod von Rehen verantwortlich ist. Die Tiere vertragen das eiweißreiche Futter nicht, es zerstört die Pansenflora sowie die roten Blutkörperchen.

Unklar, ob Rapsöl Kindern schadet

Nun gibt es eine vorsichtige Warnung für den Menschen. Sie kommt von der Europäischen Lebensmittelbehörde EFSA. Auf gut 170 Seiten hat sie die Erucasäure bewertet. Ergebnis: Es sei nicht auszuschließen, dass Kinder gefährdet sind. Speziell in die Produkte für Kleinkinder sei wohl etwas zu viel Erucasäure geraten. Die EFSA kann Herzschäden durch Kleinkindernahrung nicht sicher ausschließen. Ansonsten seien vor allem Feinbackwaren wie Croissants belastet. Da haben wohl einige Hersteller gespart – und statt Butter ein billigeres Öl verwendet. Die Experten der EFSA haben sich auch um das Wohl des Nutzviehs gesorgt: Entwarnung können sie bei Schweinen geben, die rapsölhaltige Presskuchen fressen, nicht jedoch bei Geflügel.

Wie riskant ist Erucasäure tatsächlich? Die Resultate der Tierversuche sind alles andere als einheitlich. Einigkeit herrscht nur in einem Punkt. Erucasäure schädigt in höherer Dosis das Rattenherz. Das ist schon kurios, denn einige Versuche zeigten, dass Erucasäure den Cholesterinspiegel senkt. Noch kurioser ist eine Beobachtung von Professor Karl Lang, dem Nestor der deutschen Ernährungswissenschaft: Ratten mit viel Erucasäure im Futter lebten "im Durchschnitt 20 bis 25 Prozent länger als Tiere, die mit Butter gefüttert worden waren." Sein Kommentar dazu - aus dem Jahre 1957: "Die Ursache der Lebensverlängerung ist in diesem Falle ungeklärt." So sieht’s aus – bis heute!

Ob Erucasäure krebserregend ist, weiß niemand

Es wurde bisher nicht mal geprüft, ob Erucasäure vielleicht krebserregend ist – sonst immer ein Riesenthema. Insgesamt sind die vorhandenen Daten nach Angaben der EFSA so widersprüchlich und unvollständig, dass die Experten sich außerstande sahen, eine klare Bewertung abzugeben. Um nicht selbst in die Schusslinie zu geraten, empfehlen sie vorsorglich, Kinder vor zu viel Erucasäure zu schützen. Aber niemand weiß, ob das wirklich geboten ist.

Die Erucasäure ist ein reizvolles Beispiel dafür, wie selbst altbekannte Fragestellungen zum Gesundheitswert von pflanzlichen Ölen bis heute im Dunkeln liegen. Je größer die Ahnungslosigkeit, desto hochfliegender die ärztlichen Tipps zum angeblich herzschützenden Rapsöl. Dabei ist der wichtigste Grund für den Rat, doch bitte dieses Öl in der Küche zu verwenden, leicht durchschaubar: Da der Bürger sich weigert, Biodiesel in seinen Tank zu kippen, muss das Zeug nun in die Mägen. Immerhin hat Rapsöl eine ernährungstechnisch interessante Eigenschaft: Es eignet sich wunderbar zum Panschen von Olivenöl. Mahlzeit!

Literatur

EFSA: Erucasäure mögliches Gesundheitsrisiko für stark exponierte Kinder. Pressemeldung 9. Nov. 2016

EFSA (CONTAM): Erucic acid in feed and food. EFSA Journal 2016; 14: e4593

Badawy IH et al: Biochemical and toxicological studies on the effect of high and low erucic acid rapeseed oil on rats. Nahrung 1994; 38: 402-411

Teuscher E, Lindequist U: Biogene Gifte. Fischer, Stuttgart 1987

Laryea MD et al: Fatty acid composition of blood lipids in Chinese children consuming high erucic acid rapeseed oil. Annals of Nutrition and Metabolism 1992; 36: 273-278

Lang K: Biochemie der Ernährung. Springer, Berlin 1957

Carroll KK, Noble RL: Influence of a dietary supplement of erucic acid and other fatty acids on fertility in the rat; sterility caused by erucic acid. Canadian Journal of Biochemistry & Physiology 1957; 35: 1093-1105

Anon: Raps und Senf ist der Tod vom Feldhasen. Landwirt 15. Nov. 2011

Reidt L: Rätselhaftes Hasensterben. Zeit-Online 7. Okt. 1988

Schmid A, Schmid H: Rapsvergiftung wildlebender Pflanzenfresser. Tierarztliche Praxis 1992; 20: 321-325

Sibbald AM et al: The consequences for deer of ingesting oilseed rape (Brassica napus): feeding experiments with roe deer (Capreolus capreolus) and red deer (Cervus elaphus). Journal of Zoology 1995; 235: 99–111

Spitzbart M: Gesunde Fette: Mit Rapsöl verbessern Sie Ihren Cholesterinquotienten. Fachverlag für Gesundheitswissen 22. Juli 2016

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