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Buchkritik | Beitrag vom 24.05.2018

Raja Alem: "Sarab"Die Geburtsstunde des islamistischen Terrors

Von Birgit Koß

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Cover des Romans "Sarab" von Raja Alem, im Hintergrund: Die Kaaba in Mekka in einer Aufnahme von 1960 (Unionsverlag / imago / ZUMA Press )
Cover des Romans "Sarab" von Raja Alem, im Hintergrund: Die Kaaba in Mekka in einer Aufnahme von 1960 (Unionsverlag / imago / ZUMA Press )

Am 20. November 1979 dringen 500 bewaffnete Rebellen in die große Moschee in Mekka ein und nehmen tausende Pilger als Geiseln. Erst drei Wochen später endet die blutige Belagerung. Davon erzählt Raja Alem - und bricht damit ein Tabu.

Manchen Gläubigen gilt es als Sakrileg, über die Pilgerstadt Mekka Romane zu schreiben. Die saudi-arabische Autorin Raja Alem, tut es dennoch. Sie begreift sich als "eine Art Erbin" und Stimme der Stadt. Raja Alem stammt aus einer alteingesessenen Familie, die seit Generationen das Amt der Pilgerführer in Mekka innehat. Die 1970 Geborene sagt, dass Kunst und Glauben schon ihre Kindheit intensiv geprägt haben.

Ein äußerst brutaler Überfall

Im Roman "Sarab" erzählt sie die Geschichte einer gleichnamigen jungen Frau, die an der Besetzung der großen Moschee am Neujahrstag des Jahres 1400 der islamischen Zeitrechnung durch terroristische Fanatiker beteiligt ist. Eben jenem 20. November 1979, an dem der Mahdi – der neue Prophet – ausgerufen werden soll, um so komplett zu den fundamentalistischen religiösen Werten zurückzukehren. Doch Raja Alem will weit mehr, als über diesen im Westen weitgehend vergessenen, äußerst brutalen Überfall zu berichten. Es ist der Versuch zu erklären, wie dieser Tag die islamische Welt in ihren Grundfesten erschüttert hat und so eine Organisation wie den Islamischen Staat hervorbringen konnte.

Sarab bringt gegen Ende der Belagerung einen bewusstlosen französischen Elitesoldaten in ihre Gewalt und flieht mit ihm aus den von Giftgas und elektrisch aufgeladenem Wasser gefluteten Katakomben. Sie verstecken sich in einer Wohnung in Mekka. Ihre Beziehung ist zuerst von tiefstem Abscheu und Hass geprägt. Sarab agiert wie fast in ihrem ganzen bisherigen Leben in Männerkleidern. Aufgezogen von einer Mutter, die die Schande eine Tochter geboren zu haben, nicht auf sich nehmen wollte, wird Sarab zum unscheinbaren männlichen Schatten ihres Zwillingsbruders und gelangt mit ihm zu den radikalmuslimischen Rebellen.

Aus tiefem Hass wird grenzenlose Liebe

Während sich die letzten Belagerer der Moschee ergeben, entdeckt Raphael – eine hochgezüchtete "Tötungsmaschine" der französischen Eliteeinheit –, dass er von einem Mädchen besiegt worden ist. Aus der grundlegenden Ablehnung entwickelt sich langsam und äußerst glaubwürdig eine Zuneigung, die schließlich in einer alle Grenzen überschreitenden Liebesgeschichte mündet. Raphael nimmt Sarab mit nach Paris und hat den Traum mit ihr ein neues Leben zu beginnen.

Raja Alem lässt mit ihrer einfühlsamen, dichten Sprache das Bild zweier äußerlich starker Menschen entstehen, die von ihren Familien, den kulturellen und religiösen Bedingungen nicht nur geprägt, sondern auch zutiefst eingeengt wurden. Immer wieder beschreibt die Autorin dabei äußerst bildreich und detailgenau absolut brutale Szenen. Und sie erzählt ebenso glaubhaft und behutsam davon, wie sich die Beduinin und Kämpferin Sarab langsam als Individuum und Frau begreifen lernt, sich mehr und mehr traut, die Ketten der Vergangenheit abzuschütteln. So gelingt es Raja Alem die Hintergründe von Radikalität und Brutalität offen zu legen und zugleich ein absolutes Plädoyer für Menschlichkeit, Liebe und die Freiheit des Individuums zu halten. Ein facettenreicher, atemberaubender Roman.

Raja Alem: Sarab
Unionsverlag, Zürich 2018
352 Seiten, 24 Euro

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(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 25.11.2015)

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