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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 30.12.2016

"Rafael heißt: Gott heilt"Transsexualität im Judentum

Von Gerald Beyrodt

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Gay Pride Parade in Tel Aviv (picture alliance/dpa/Foto: Abir Sultan)
Gay Pride Parade in Tel Aviv im Juni 2012 (picture alliance/dpa/Foto: Abir Sultan)

Während das liberale Judentum kein Problem mit Transsexualität hat, sehen die meisten orthodoxen Rabbiner darin einen Verstoß gegen göttliche Gebote. Doch eigentlich ist die Bibel beim Thema Transsexualität weniger eindeutig, als es zunächst scheint.

Im Regal stehen zahlreiche jüdische Gebetbücher, spanischsprachige Romane, jiddische Geschichten. Daneben: ein paar Boxhandschuhe. In seiner kleinen Wohnung in Berlin-Kreuzberg erzählt Jonathan-Rafael Balling von seinem Leben als Mann – als Transmann. Der 33-Jährige hatte früher einen Frauennamen, hat seinen Körper bei mehreren Operationen verändern lassen und schließlich auch seinen Vornamen verändert.

"Ich fühle mich zunächst einfach mal als Mann. Wenn ich über meine Transgeschichte rede, dann sage ich meistens, dass ich transsexuell bin. Ich finde das Wort nicht hundertprozentig glücklich, aber es ist das Wort, was die meisten Leute verstehen. Deswegen verwende ich das meistens für mich."

Eigentlich sei der Ausdruck transsexuell nicht ganz richtig. Es gehe schließlich nicht um eine sexuelle Orientierung so wie homo- oder heterosexuell.

"Es gibt zum Beispiel die Kritik daran, dass dadurch, dass der zweite Wortteil sexuell ist, dass das mit Sexualität in Verbindung gebracht wird, was natürlich nicht zutrifft, weil es um die Geschlechtsidentität geht und nicht die Sexualität. Transmenschen können jede Art von Sexualität haben. Das hat mit dem Geschlecht erst mal nichts zu tun."

Regenbogen-Schabbat in der Synagoge

Einmal im Monat organisiert Jonathan-Rafael Balling einen Regenbogen-Schabbat in der Synagoge Oranienburger Straße in Berlin für Transmänner und -frauen, für Lesben, Schwule, Bisexuelle - kurz für Queers, so der Oberbegriff. Erst kommt ein Schabbatsegen über Brot und Wein, der sogenannte Kiddusch mit einem Essen, dann ein Vortrag, ein Gespräch oder Referat zum Beispiel zur Geschichte von Lesben, Schwulen, Transsexuellen in deutschen Synagogen. Die Teilnehmer haben ein Bedürfnis, sich mit anderen jüdischen Queers auszutauschen, denn allzu oft seien jüdisches Leben und lesbisches, schwules oder Transgender-Leben getrennte Welten.

"Die Idee entstand auch letztlich, dass mehrere Leute gesagt haben, sie möchten das zusammenbringen, sie möchten das nicht mehr in getrennten Welten leben. Teilweise sind es auch Leute, die jüdisch geboren sind, mit Religion aber nie viel in Berührung standen und diese Seite an sich kennenlernen wollen und ihre queere Identität aber mitnehmen möchten dabei. Es sind auch Leute dabei, die schlechte Erfahrungen gemacht haben, in den Synagogen, in denen sie aufgewachsen sind und die als queere Menschen zurückkommen möchten und dazu Räume suchen."

Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin – ab 1866 Wirkungsstätte von Louis Lewandowski.Einmal im Monat findet in der Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin ein Regenbogen-Schabbat statt.
Im jüdischen Spektrum gilt prinzipiell: Wo Frauen gleiche Rechte haben wie Männer, wo sich Schwule und Lesben offen zeigen können, dort haben es auch Transsexuelle leichter.

"Transsexualität wird im Judentum traditionell entweder gar nicht wahrgenommen oder negativ gesehen."

Rabbiner Nils Ederberg ist Dozent an der Universität Potsdam.

"Heutzutage sind wir in einer anderen Situation. Wir kennen Transsexuelle, wir wissen, dass sie ganz normale Menschen sind und dass sie nicht irgendwelche Spinnereien haben, sondern dass sie ihr Leben möchten so, wie sie letzten Endes von Gott geschaffen sind. Und das müssen wir in den jüdischen Gemeinschaften ermöglichen."

Zweigeschlechtliche sollen wie Männer leben, sagten die Rabbinen

Das jüdische Gesetz, die Halacha, stellt sich die Menschen entweder männlich oder weiblich vor. Natürlich konnten sich weder die Autoren der Bibel noch die Rabbinen in der Spätantike vorstellen, dass Menschen ihr Geschlecht operativ verändern bzw. ihre äußeren Geschlechtsmerkmale an das innere Gefühl angleichen können. Doch sie kannten schon Intersexuelle, also Menschen, die man einst als Zwitter bezeichnete. Die Rabbinen nannten sie androgynos oder Tumtum. Zweigeschlechtliche Menschen sollten ein Leben wie Männer führen, urteilten die Rabbinen – selbst Männer.

In der Bibel stehen Verbote, die sich bis heute negativ für Transsexuelle auswirken. Etwa dieses im 5. Buch Mose:

"Mannesgewand soll nicht an einer Frau sein und ein Mann lege nicht Frauengewand an, denn ein Gräuel dem Ewigen ist jeder, wer dies tut."

Ursprünglich hatte die Regel nach heutigen Erkenntnissen den Sinn, sich von anderen abzuheben. Häufig deutet das Wort "Gräuel", toewá, auf fremde Kulte hin – und von denen sollten sich die Israeliten fernhalten. 

"Da können wir historisch sagen, das hat sicher Gründe in der Abgrenzung zu anderen Kulturen in der Umgebung, wo das gemacht wurde, weil das eine religiöse Bedeutung hatte. Wir haben sehr viele solche Regeln, die ursprünglich dazu da waren, sich von anderen zu unterscheiden."

Aus Jeffrey wurde Yiscah

Die Rabbinen, die in der Mischna und im Talmud diskutieren, lebten in der Spätantike: von 70 nach Christus bis ins 6. Jahrhundert. Erst in diesem rabbinischen Judentum bildete sich das jüdische Gesetz heraus – die Halacha.  Die Rabbinen interessierten sich nicht für die historischen Intentionen der Bibel. So blieb das Verbot, sich als Mann wie eine Frau zu kleiden, als Vorschrift erhalten.

"Sie haben das übernommen, sie haben das als Wert hochgehalten, man muss das vielleicht sogar radikaler sagen: Die rabbinische Kultur war eine männliche. Es waren Männer, die im Lehrhaus diskutiert haben."

Rabbiner Nils Ederberg gehört der sogenannten Masorti-Bewegung an. "Masorti" bedeutet traditionell. Die Bewegung vertritt im jüdischen Spektrum eine Mittelposition. Auch liberale Juden haben kein Problem mit Transsexualität. Für die meisten orthodoxen Rabbiner gilt sie hingegen als Verstoß gegen göttliche Gebote. Ausgerechnet aus der orthodoxen Welt stammt Yiscah Smith. Die hochgewachsene Lady in Rock und eleganter Jacke ist Anfang 60, lebt in Jerusalem und hieß früher Jeffrey Smith.

"Ich sagte mir: Gott möchte, dass ich noch stärker versuche, nach seinem Willen zu leben. Und das versuchte ich dann auch. Ich lebte in Jerusalem als ultraothodoxer Mann. Meine Familie wuchs und mein Bart wuchs auch. Mein Leben war wie ein riesengroßes Hochhaus. Doch das Fundament bestand nur aus Angst und Verzweiflung."

Geschlechtsangleichung entspricht göttlichem Willen

Auch wenn die Orthodoxie gegenüber Veränderung häufig sehr zurückhaltend ist, lehnen nicht alle orthodoxen Rabbiner Transsexualität ab. Der wichtigste jüdische Experte für Medizin-Halacha im 20. Jahrhundert, Rabbiner Elieser Waldenberg, dachte sich sogar einen eigenen morgendlichen Segensspruch für Transmänner aus. Orthodoxe Männer bedanken sich nämlich morgens bei Gott, dass er sie nicht als Frau erschaffen habe, Frauen bedanken sich, dass er sie "nach seinem Willen erschaffen" habe. Transmänner sollen nach Elieser Waldenberg beten: "Gesegnet seist du, Adonai unser Gott, König der Welt, der du mich zum Mann verändert hast." Die Geschlechtsangleichung sieht Elieser Waldenberg mithin sogar als göttlichen Willen an. Weiter schreibt er, Identität und Geburtsrecht eines Menschen würden nicht durch einzelne Organe bestimmt, sondern durch den Geist und die Seele, die sie bewohnen.

Nach vielen Jahren in der Orthodoxie, nach einer schmerzhaften Scheidung und Jobverlust entschloss sich Yiscah Smith an ihrem 50. Geburtstag, den Weg der Geschlechtsangleichung zu gehen.

"Meine Reise war heilsam und spirituell. Eine Geschlechtsumwandlung war meine Reise natürlich auch."

Vierzig Jahre hat Yiscah Smith gebraucht für ihre Reise zum richtigen Geschlecht. Vierzig Jahre, bis sie endlich auf der Frauenseite der Klagemauer betete – nach ihrer Überzeugung die richtige Seite für sie. Ihre Autobiografie hat sie "Vierzig Jahre in der Wildnis" genannt, fourty years in the wilderness.

Sehr experimentierfreudige Auslegungsliteratur

Wer sich die Bibel und ihre jüdische Auslegungen ansieht, findet wesentlich weniger Eindeutiges zum Thema Transsexualität, als es zunächst scheint. Denn im ersten Buch Mose steht nicht, dass Gott die Menschen als Mann und Frau erschuf. So heißt es bloß in zahlreichen Übersetzungen – und zum Beispiel die katholische Kirche beruft sich auf diesen Bibelvers, wenn sie Transsexualität verdammt. Im hebräischen Text stehen aber Adjektive – keine Substantive: "Männlich und weiblich schuf er sie" lautet die korrekte Übersetzung. Während die Substantive suggerieren, dass Gott die Menschen mit einer festen Geschlechtsidentität schuf, lassen die Adjektive das offen. Der Text lässt auch die Deutung zu, dass jeder Mensch männliche und weibliche Anteile hat. Doch auf das jüdische Gesetz, die Halacha, hat das wenig Auswirkungen gehabt, sagt Rabbiner Nils Ederberg.

"Aus dem biblischen Schöpfungsbericht kann man sehr viel machen, aber es ist eigentlich keine traditionelle halachische Quelle. Formal gesehen, ja, es ist ein Tora-Text, keine Frage, aber daraus wird nichts abgeleitet."

Da sich Juden eher um Vorschriften streiten als um Glaubensinhalte, ist die jüdische Auslegungsliteratur sehr experimentierfreudig. Midraschim nennen sich solche Kommentare und Weitererzählungen. Der Kommentar zum ersten Buch Mose, der Midrasch Bereshit Rabba, erklärt die Menschen kurzerhand für zweigeschlechtlich.

"Rabbi Yirmiyah ben Elazar sagte: Als der Heilige den ersten Menschen schuf, machte Gott ihn androgyn. Das bedeutet es, wenn gesagt wird, 'männlich und weiblich schuf er sie'". Rabbi Schmuel bar Nachman sagte: Als der Heilige den ersten Adam schuf, machte er ihn mit zwei Gesichtern und zersägte ihn später, so dass er zwei Rücken schuf, ein Rücken hier, ein Rücken dort."

Solche Midraschim haben zwar keinen Einfluss auf das jüdische Gesetz, die Halacha, doch sie zeigen, was im jüdischen Denken alles möglich ist.

Geschlechtsangleichung als spiritueller Heilungsprozess

Jonathan-Rafael Balling hat erst mit Anfang zwanzig von der Möglichkeit der Geschlechtsangleichung gehört. Der Weg dahin war für ihn alles andere als leicht, wenn er etwa vor Gericht peinliche Fragen beantworten musste. Doch jetzt ist der 33-jährige Doktorand glücklich, dass er äußerlich so aussieht, wie er sich schon immer gefühlt hat.

"Es hat mir sehr viel Ruhe in mein Leben gebracht. Ich muss nicht mehr ständig kämpfen, um als der gesehen zu werden, als der ich mich fühle. Das Thema der Geschlechtsidentität steht nicht mehr 24 Stunden im Vordergrund. Das ist sehr entlastend." 

Als er anfing, Hormone zu nehmen und sich sein Gesicht veränderte, als sein Spiegelbild immer mehr seinem Selbstbild entsprach, hatte Jonathan Rafael Balling das Bedürfnis, seine Kippa aufzusetzen, die jüdische Kopfbedeckung, traditionell für Männer. Und auch seine neuen männlichen Vornamen erzählen eine Geschichte.

"Meinen neuen Namen habe ich gewählt, teilweise war das, was meine Eltern womöglich für mich ausgesucht hätten. Aber auch, und da kommt jetzt wieder die jüdische Komponente mit rein: Rafael heißt, Gott heilt. So habe ich mich gefühlt in der Zeit. Das war ein Heilungsprozess für mich. Nicht nur ein körperlicher oder psychischer, sondern durchaus auch ein spiritueller Heilungsprozess."


 

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