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Interview / Archiv | Beitrag vom 16.07.2016

Putschversuch in der Türkei"Keiner weiß, wie es hier weiter geht"

Cigdem Akyol im Gespräch mit Ute Welty

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Türken stehen in Istanbul auf einem Panzer.  (dpa-Bildfunk / EPA / Tolga Bozoglu)
Türken stehen in Istanbul auf einem Panzer. (dpa-Bildfunk / EPA / Tolga Bozoglu)

Große Unsicherheit und Chaos, so beschreibt die in Istanbul lebende Journalistin Cigdem Akyol die derzeitige Situation nach dem Militärputsch. Es gebe auch "Verschwörungstheorien" darüber, dass die Regierung daran beteiligt sei, berichtet sie.

"Momentan sind in Istanbul die Straßen voll mit Polizisten, mit Militärs. Die Kämpfe halten an", so beschreibt die in Istanbul lebende Journalisten und Autorin Cigdem Akyol die derzeitige Situation in der Stadt. Nach dem Bekanntwerden des Putschversuchs gestern Abend seien Stunden der absoluten Unsicherheit und des Chaos gefolgt:

"In dem Viertel, in dem ich wohne, unweit des Taksim-Platzes, haben die Menschen angefangen, die Geschäfte leer zu räumen, denn es war nicht klar, ob heute eine Ausgangssperre herrschen würde. Vor den Geldautomaten haben sich Schlangen gebildet. Denn keinen weiß, wie es hier weiter geht und ob man sich eventuell einbunkern muss."

Steckt die Gülen-Bewegung hinter dem Putschversuch?

Akyol ging auch auf Berichte ein, nach denen möglicherweise die Gülen-Bewegung hinter dem Putschversuch in der Türkei stehe:

"Die Gülen-Bewegung ist ganz klar eine islamistische, anti-semistische Bewegung, die auch ziemlich verbreitet ist in der Bundesrepublik. Sie hat international tausende von Nachhilfeschulen und zieht unter dem Deckmantel der Bildung islamistische Kader heran. Es ist aber noch nicht klar, ob die Gülen-Bewegung dahinter steckt. Gülen ist ja der stärkste Kritiker Erdogans im Moment und lebt im Exil in den USA. Die Anhänger der Gülen-Bewegung haben mittlerweile gesagt, dass sie nicht hinter diesem Putsch stecken."

Verschwörungstheorien über Präsident Erdogan

Es gebe Verschwörungstheorien darüber, dass hinter dem Putschversuch des Militärs tatsächlich die Regierung stecke, berichtete Akyol:

"Denn Erdogan könnte sich jetzt wieder profilieren als der starke Mann, der Stabilität bringt, als der starke Mann, der die Demokratie hoch hält. Denn die Türken wollen mehrheitlich auch keinen Militärputsch. Die Türken haben mittlerweile drei Militärputsche in der Vergangenheit erlebt. Und deswegen kann es sein, dass Erdogan erneut als Gewinner aus dieser Krise hervorgeht. Und deswegen seinen Weg in die Präsidialrepublik, die er ja anstrebt, weiter geht."


Das Interview im Wortlaut: 

Ute Welty: Die Lage in der Türkei ist nach wie vor unklar. Offenbar hat das Militär versucht, die Macht zu übernehmen. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat alle Beteiligten zum Gewaltverzicht aufgerufen. Er verfolge die Geschehnisse sehr genau und mit großer Sorge, so Ban in New York. Der Appell des UN-Generalsekretärs ist offenbar in der Türkei noch nicht gehört worden. Immer wieder erreichen uns Informationen über Kämpfe und Explosionen. Zwischendurch hieß es auch, die Putschisten hätten die Kontrolle übernommen über den Flughafen in Istanbul. Dort war vor wenigen Stunden Staatspräsident Erdogan angekommen und von seinen Anhängern begeistert empfangen worden. In Istanbul begrüße ich jetzt die Journalistin und Autorin Cigdem Akyol, die die erste deutsche Erdogan-Biografie geschrieben hat. Guten Morgen, Frau Akyol!

Cigdem Akyol: Guten Morgen!

Welty: Wie haben Sie die vergangenen Stunden erlebt?

Akyol: Die vergangenen Stunden hier in der Türkei, die waren regelrecht absurd. Wir haben Stunden der Unsicherheit und der Angst hinter uns. Gegen halb elf türkischer Ortszeit kam die Meldung, dass das Militär geputscht hätte, und dann folgten Stunden der absoluten Unsicherheit und des Chaos. Die Schlagzeilen überschlugen sich, und in dem Viertel, in dem ich wohne, unweit des Taksim-Platzes, haben die Menschen angefangen, die Geschäfte leer zu räumen, denn es war nicht klar, ob heute eine Ausgangssperre herrschen würde. Vor den Geldautomaten haben sich Schlangen gebildet, weil die Menschen Geld abgehoben haben, denn keiner weiß, wie es hier gerade weitergeht und ob man sich eventuell einbunkern muss. Während der ganzen Nacht haben wir Explosionen gehört und haben wir halt Lautstärken gehabt, sodass wir uns selbst nicht verstehen konnten, weil Kampfjets in die Luft geflogen sind.

Welty: Trauen Sie sich zu, zu sagen, wer zurzeit das Heft in der Hand hat? Was ist Ihr Eindruck?

Akyol: Das ist schwierig einzuschätzen. Aber folgt man den türkischen Medien, auch den regierungskritischen Medien, dann schaut es ganz danach aus, als wenn die Regierung gewinnen könnte bei diesem versuchten Putsch. Es ist ja noch nicht ganz klar, ob das ein Putschversuch war, ein versuchter Putsch. Aber momentan sieht es ganz danach aus, als wenn Ankara, als wenn die AKP-Regierung wird wieder das Heft mit in die Hand nehmen können und die Putschisten wieder in die Kasernen beziehungsweise in die Gefängnisse wird verbannen können.

Welty: Ja, die jüngste Meldung sprach jetzt gerade von mehr als 700 Festnahmen. Und Präsident Erdogan macht natürlich Teile des Militärs für den Putschversuch verantwortlich, dann aber auch die Gülen-Bewegung. Die Einschätzungen dieser Bewegung, die reichen von modern-islamisch bis sektenähnlich. Wie sehen Sie das?

Akyol: Die Gülen-Bewegung ist ganz klar eine islamistische, antisemistische Bewegung, die auch ziemlich verbreitet ist in der Bundesrepublik, international Tausende Nachhilfeschulen hat und unter dem Deckmantel der Bildung islamistische Kader heranzieht. Es ist nicht klar, ob die Gülen-Bewegung dahintersteckt. Gülen ist ja der stärkste Feind, Kritiker Erdogans im Moment und lebt im Exil in den USA. Die Anhänger der Gülen-Bewegung haben sich dazu – haben mittlerweile gesagt, dass sie nicht hinter diesem Putsch stecken. Deswegen ist nicht sicher, ob tatsächlich diese Hizmet-Bewegung, wie sie in der Türkei genannt wird, dahintersteckt. Zumal man dazu sagen muss, dass die Gülen-Bewegung in den letzten Jahren von Erdogan enorm geschwächt wurde.

Welty: Wie, glauben Sie, wird Erdogan weiter auf die Ereignisse reagieren? Das ist ja schon ein massiver Angriff auf seine Macht, auf seine Person. Und wir haben ja in der Vergangenheit durchaus erlebt, dass er auch bei weniger wichtigen Vorkommnissen ziemlich empfindlich sich gezeigt hat.

Akyol: Momentan sind in Istanbul die Straßen voll mit Polizisten, mit Militärs, die Kämpfe halten an. Es sieht ganz danach aus, als wenn das noch einige Stunden so andauern wird. Es gibt diese Verschwörungstheorien, dass hinter diesem Putschversuch, hinter diesem Putsch tatsächlich die Regierung stecken könnte. Denn Erdogan könnte sich jetzt wieder profilieren als der starke Mann, der Stabilität bringt, als der starke Mann, der die Demokratie hochhält. Denn die Türken wollen mehrheitlich auch keinen Militärputsch. Die Türken haben mittlerweile drei Militärputsche in der Vergangenheit erlebt. Und deswegen kann es sein, dass Erdogan erneut als Gewinner aus dieser Krise hervorgeht und deswegen seinen Weg in die Präsidialrepublik, die er ja anstrebt, weitergeht.

Welty: Erdogan hat angekündigt, das Militär zu säubern in Anführungszeichen. Wie müssen wir uns diese Maßnahme vorstellen, mal abgesehen von den Verhaftungen, von denen ich eben schon gesprochen habe?

Akyol: Das ist mir tatsächlich noch ein Rätsel, weil das Militär ist eigentlich weitgehend gesäubert worden von Erdogan. Es gibt die berühmten Ergenekon-Verfahren hier in der Türkei, und da wurde das Militär, das über Jahrzehnte hinweg eine bestimmende Macht hier im Land war, in die zweite oder dritte Reihe, je nach Sichtweise, verbannt. Das heißt, das Militär war eigentlich über Jahre hinweg gar kein starker Gegner mehr für Erdogan. Und deswegen kann ich mir das jetzt nicht erklären. Wie er das nun säubern will, das kann ich mir nicht deuten, denn eigentlich gibt es da nicht mehr so viele Gegner.

Welty: Und mit seinen Gegnern generell – wird dieser Putsch jetzt die Rechtfertigung sein für Erdogan, noch härter gegen Gegner, gegen Andersdenkende vorzugehen?

Akyol: Genauso wird es sein. Er wird noch härter, noch autokratischer gegen Kritiker, gegen Andersdenkende, gegen Oppositionelle vorgehen, und er wird noch weiter seine Macht ausbauen und wird weiterhin schnurstracks seinen Weg zur Präsidialrepublik ausbauen. Und das bedeutet nichts Gutes für die Türkei, für die demokratische Entwicklung hier. Ganz im Gegenteil.

Welty: Die Journalistin und Autorin Cigdem Akyol über den Versuch des Militärs in der Türkei, die Macht an sich zu reißen. Ich danke sehr für dieses Gespräch, Frau Akyol!

Akyol: Herzlichen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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