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Lesart | Beitrag vom 17.04.2018

Pulitzer-Preis für Andrew Sean GreerKammerspiele der Liebe

Hans-Jürgen Balmes im Gespräch mit Andrea Gerk

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Der Schriftsteller Andrew Sean Greer (imago/Leemage)
Der Schriftsteller Andrew Sean Greer (imago/Leemage)

Heute Nacht wurden die Pulitzer-Preise vergeben: Als bester Roman wurde Andrew Sean Greers "Less" ausgezeichnet. In Deutschland erscheinen Greers Bücher im S.-Fischer-Verlag. Wir sprechen mit dessen Programmleiter, Hans-Jürgen Balmes.

Andrea Gerk: Die Pulitzer-Preise sind die wohl angesehensten Auszeichnungen, die man in der US-amerikanischen Medienbranche erhalten kann, fast schon eine Art Nobelpreis. Heute Nacht wurden sie zum 102. Mal vergeben.

Die "New York Times" und die "Washington Post" wurden für ihre Berichterstattung ausgezeichnet. Der Rapper Kendrick Lamar erhielt den für sein Album "Damn", und als bester Roman wurde "Less" von Andrew Sean Greer geehrt.

Wer das ist, das weiß Hans-Jürgen Balmes. Er ist Programmleiter beim S.-Fischer-Verlag, wo Greers Bücher auf Deutsch erscheinen. Guten Morgen, Herr Balmes!

Hans-Jürgen Balmes: Guten Morgen!

Gerk: Der Roman, für den Andrew Sean Greer jetzt den Pulitzer-Preis erhält, heißt auf Deutsch "Mister Weniger". Was ist denn das für ein Buch?

Ein lustiges Buch über das Älterwerden

Balmes: Das ist ein lustiges Buch über das Älterwerden, denkt man zunächst, und es handelt davon, dass ein Schriftsteller nicht weiß, was er tun soll. Er muss die Stadt verlassen, denn sein Liebhaber heiratet einen anderen Mann, und er will bei der Hochzeit nicht dabei sein. Dann sagt er - "ich nehme jede Einladung an, die in den letzten Jahren gekommen ist" - öffnet die Schublade und sagt zu. Und so reist er quasi von einer Literatureinladung zur nächsten einmal durch die Welt, und kommt dabei auch nach Berlin.

Gerk: Sie sagen, das ist lustig, da geht es offenbar um Beziehungen. Ist das typisch für diesen Autor?

Balmes: Ja, er schreibt immer über Beziehungen. In seinen früheren Büchern waren es oft Geschichten von Leuten, die aus der Zeit gefallen sind. Eines der schönsten Bücher von ihm, "Geschichte einer Ehe", da geht es um eine Dreiecksbeziehung. Und das Hinreißende an ihm als Erzähler ist, dass man erst nach 120 Seiten merkt, dass die Frau schwarz ist. Also er ist einer der Erzähler, der ein Geheimnis vor dem Leser verstecken kann, sodass der Leser diesem Geheimnis folgt und immer denkt, was ist denn da los, ich komm nicht drauf. Man ist von einem Rätsel gepackt und dann auch wieder völlig überrascht, wenn man dann auf Seite 120 merkt, huch, das ist ja eine afroamerikanische Frau.

Gerk: Das klingt eigentlich so, dass man sofort Lust kriegt, das zu lesen, was Herr Greer schreibt, aber er ist ja hier bei uns zumindest jetzt nicht so bekannt. Was denken Sie, woran das liegt?

Jemand, der rückwärts altert

Balmes: Er hat einen tollen ersten Roman geschrieben, "Die Nacht des Lichts". Der erschien in Amerika im September 2001, also genau in den Nachwehen von dem Angriff auf das World Trade Center. Das erste Buch war damit quasi total umsonst. Es wurde gar nicht rezipiert. Das zweite Buch dann, "Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli" variiert eine Geschichte von Fitzgerald. Da geht es um jemanden, der rückwärts altert.

Gerk: Wie bei "Benjamin Button", diesem Film, der sehr bekannt wurde.

Balmes: Genau. Und dieser sehr bekannt gewordene Film wurde aufgrund seines Buches begonnen, aber irgendwann hat man gemerkt, dass man mit dem Roman und dem Film nicht so richtig klarkommt, weil der Roman zu vielfältig war, und das konnte man nicht in den Film packen, und dann hat man den Greer quasi aus dem Film rausgeworfen und hat sich dann mehr auf die Kurzgeschichte von Fitzgerald konzentriert. Von daher muss man sagen, da war der Ball schon fast im Tor und wurde dann auf der Linie abgelenkt.

Gerk: Das heißt, er hat zweimal richtig Pech gehabt. Umso besser, dass er jetzt mal so ins Rampenlicht gestellt wird. Ist es denn so, dass wenn jetzt ein Autor von Ihnen den Pulitzer-Preis bekommen, dass Sie das direkt merken, dass das wirklich was bewegt in der öffentlichen Wahrnehmung?

"Ich habe mich wahnsinnig gefreut"

Balmes: Heute Nacht hat es erst mal in mir was bewegt. Ich habe mich wahnsinnig gefreut, weil ich den Greer schon seit 2001 kenne. Wir haben all seine Bücher hier gemacht, und man entwickelt doch dann eine enge Beziehung zu so einem Autor. Man freut sich da, wie wenn es der kleine Bruder ist. Das andere ist natürlich, dass wir erst mal sehen müssen – wir haben das Buch "Mister Weniger" vor vier Wochen veröffentlicht. In der Presse kam bisher noch nichts, und ich nehme an, das wird jetzt gewaltig anziehen.

Gerk: Wenn Sie jetzt uns was empfehlen wollen als denjenigen, die wir Andrew Shawn Greer vielleicht noch nicht kennen, womit sollen wir denn anfangen?

Balmes: Ich würde auf jeden Fall sagen, mit "Mister Weniger", weil er hat hier was Neues versucht. Er hat halt so Kammerspiele der Liebe geschrieben. Dreimal funktioniert das ganz hervorragend. Bei seinem vierten Buch hat er vielleicht sich darauf verlassen, was er alles so gut kann. Und dann hat er eine Suppe gekocht mit all den Zutaten, die ihm am besten in der Hand liegen. Und das ist ein Buch geworden, das ist schön für Anfänger bei ihm, aber dann hat er gesagt, ich will eine Komödie probieren. Und wir haben alle ein bisschen die Luft angehalten, ob ihm das gelingen wird. Und als dann "Mister Weniger" kam, waren wir total glücklich, vor allem über das Berlin-Kapitel.

Er war nämlich mal Gastprofessor für ein halbes Jahr in der FU. Und über diese Erfahrung berichtet er in dem Roman relativ, wie soll ich sagen, frank und frei, aber auch fiktiv. Man kann keine Personen wiedererkennen, auch wenn er die normalen Namen benutzt hat.

Gerk: Hans-Jürgen Balmes über den frisch gekürten Pulitzer-Preisträger Andrew Shawn Greer, dessen Romane auf Deutsch beim S.-Fischer-Verlag erschienen sind.

Vielen Dank, Herr Balmes, für dieses Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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