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Dienstag, 16.01.2018

Interview / Archiv | Beitrag vom 30.10.2015

Psychologe zur Flüchtlingskrise"Die Sehnsucht nach Begrenzung wächst"

Stephan Grünewald im Gespräch mit Dieter Kassel

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Man sieht den auf den Boden gebogenen Zaun im Morgengrauen; er wird von einem Scheinwerfer aus dem Eurotunnel-Gelände angestrahlt. (AFP / PHILIPPE HUGUEN)
"Wenn die innere Ordnung nicht mehr gegeben ist, wächst die Sehnsucht nach einer äußeren Begrenzung", sagt Stephan Grünewald. (AFP / PHILIPPE HUGUEN)

Der Psychologe Stephan Grünewald ist überzeugt: Nur wenn wir uns selbst vergewissern, wer wir sind, können wir die vielen Flüchtlinge integrieren. Es brauche ein gesundes Verhältnis zwischen Abgrenzung und Öffnung.

Für den Psychologen Stephan Grünewald sind die Rufe nach einem Zaun angesichts des nicht abreißenden Flüchtlingsstroms psychologisch nachvollziehbar. Es sei ein "ganz natürliches Bedürfnis", sich abzugrenzen: "Wir brauchen das Gefühl, einen Raum zu haben, der für uns reserviert ist", so Grünewald. Allerdings müssten Abgrenzung und Öffnung in einem gesunden Verhältnis stehen: "Wenn die Ordnung, die innere Stärke nicht mehr gegeben ist, wächst die Sehnsucht nach einer äußeren Begrenzung."

Die deutsche Gesellschaft steht Grünewald zufolge momentan vor einer "wahnsinnig schwierigen Aufgabe":

"Wir können, glaube ich, (...) diese ungeheure Anzahl von Flüchtlingen nur integrieren, indem wir uns selber vergewissern, wer wir sind, was wir sind, was unsere Werte sind - aber was auch unsere Regeln und Grenzen sind. Das heißt, diese Ich-Stärke, diese Selbstvergewisserung, (...) ist eigentlich eine Voraussetzung, um uns zu öffnen."

Der Psychologe beobachtet eine Ambivalenz in der deutschen Bevölkerung: "Einerseits sehen wir natürlich, dass wir eines der letzten Paradiese sind. Andererseits haben wir natürlich Angst, dass durch dieses Fremde das eigene Paradies gefährdet wird." Der Wandel sei bei der Kanzlerin besonders deutlich: vom "Schutzengel der Heimat" sei sie zum "internationalen Willkommensengel" geworden. Jene, die sich früher "quasi in der sichereren Haut von Frau Merkel gut geschützt fühlten", seien nun in Sorge, was mit ihnen und ihrem Leben passiere.

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