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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 17.11.2010

Propaganda und Eisrevue

Vor 100 Jahren wurde der Berliner Sportpalast eröffnet

Von Matthias Bertsch

Die Boxkämpfe mit Max Schmeling entwickelten sich schnell zum Kassenschlager im Sportpalast. (Deutsches Bundesarchiv/CC)
Die Boxkämpfe mit Max Schmeling entwickelten sich schnell zum Kassenschlager im Sportpalast. (Deutsches Bundesarchiv/CC)

Bekannt geworden ist er vor allem durch die Rede Joseph Goebbels, der hier am 18. Februar 1943 den "Totalen Krieg" ausrief: der Berliner Sportpalast. Für die Berliner war die Mehrzweckhalle im Stadtteil Schöneberg allerdings schon lange zuvor eine Institution.

"Das Besondere an diesem Sportpalast war, wie mir ein alter Besucher mal sagte, der Mief, der war das Charakteristische. Es wurden ja viele schweißtreibende Aktionen da durchgeführt: vom Boxen, von den Turnveranstaltungen und dann natürlich diese Massenveranstaltungen politischer Art."

So wichtig der Sportpalast als Ort der politischen Propaganda auch werden sollte - als er am 17. November 1910 mit einer Eisrevue feierlich eröffnet wurde, hatte er eine andere Bestimmung, so der Berliner Kunsthistoriker und Verleger Alfons Arenhövel.

"Eröffnet wurde er, in echt Berliner Bescheidenheit, als größter Eispalast der Welt. Und dann kam das Sechstagerennen. Das Sechstagerennen, eines der frühen war ja in den Ausstellungshallen am Zoo, und die Gemeinde der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche hat gegen diesen Rummel Einspruch erhoben. Also, jetzt mussten die sehen, wo bringen sie das nächste Sechstagerennen unter, und da bot sich natürlich der Sportpalast an."

Mit dem Sechstagerennen kam auch Reinhold Habisch alias "Krücke". Habisch, der als junger Mann durch einen Unfall ein Bein verloren hatte und deswegen selbst nicht mehr Radrennfahrer werden konnte, war eine Institution im Sportpalast. Berühmt wurde er, als er 1923 den Walzer "Wiener Praterleben" von Siegfried Translateur mitpfiff und die Melodie damit als "Sportpalastwalzer" zur Hymne des Sechstagerennens machte. Krücke war aber nicht nur für seine Pfiffe bekannt, sondern auch für seine Berliner Schnauze.

"Zum Beispiel gab es ja damals diese berühmte Eiskunstläuferin, Weltmeisterin, Sonja Henie, und die hieß im Volksmund 'Häseken', und zwar ist das aufgrund einer Bemerkung von Krücke passiert. Als sie 14 war, lief sie schon im Sportpalast auf dem Eis, und er von oben: 'Kiek mal, det Häseken!' Sie hatte sich nämlich eine Hasenpfote umgehängt, als Glücksbringerin, und daraus entwickelte sich dann 'Häseken'."

Bis zu 10.000 Menschen fanden in der Veranstaltungshalle Platz. Sportarten wie Eishockey und Eisschnelllauf feierten hier ihren Durchbruch. In den 20er-Jahren wurden vor allem Boxkämpfe immer populärer: Der Schwergewichtsboxer Max Schmeling entwickelte sich schnell zum Kassenschlager und Publikumsliebling. Doch daneben wurde die Halle immer öfter auch für kulturelle Großveranstaltungen und politische Massenkundgebungen genutzt. Als bekanntestes politisches Ereignis gilt bis heute die "Sportpalastrede" von Joseph Goebbels. Der Reichspropagandaminister forderte die Deutschen im Februar 1943 zum totalen Krieg auf:

"Ich frage euch: Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler als wir ihn uns heute überhaupt erst vorstellen können?"

Nach dem Krieg wurde die durch Fliegerbomben zerstörte Halle zunächst als Freiluftarena wieder aufgebaut und erst Anfang der 50er-Jahre wieder überdacht. Noch lange blieb der Sportpalast eine zentrale Berliner Adresse für Massenveranstaltungen verschiedenster Art: vom Sechstagerennen über den Don Kosakenchor bis zu Louis Armstrong und Bill Haley. Auch die Politik kam wieder: Die SPD diskutierte im Sportpalast über die Notstandsgesetze, und sogar die SED warb drei Jahre vor Mauerbau - wenngleich nicht sehr erfolgreich - in Westberlin um Wählerstimmen:

"Zum ersten Mal seit einem Vierteljahrhundert treten die Marxisten im Sportpalast vor die Werktätigen Berlins. Heute proklamiert die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands von hier aus die Politik des totalen Friedens für Berlin und für ganz Deutschland."

So wichtig die Bedeutung des Sportpalastes für die politische, kulturelle und sportliche Geschichte Berlins auch war, wirtschaftlich war er Zeit seines Lebens kein Erfolg. Als im November 1972 der langjährige Geschäftsführer des Sportpalastes starb, fand sich kein Nachfolger, der die wenig rentable Mehrzweckhalle weiterführen wollte. Mit einer großen Party im März 1973 schloss der Sportpalast seine Pforten, wenig später wurde er abgerissen.

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