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Zeitfragen | Beitrag vom 09.10.2017

Projekt ZukunftsstadtAus Halle-Neustadt wird Ha:Neo

Von Jasmin Galonski

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Frida Kahlo meets Skateboardfaher: Moderner Muralismus soll das Viertel Halle-Neustadt schölner machen. (Freiraumgalerie Halle)
Frida Kahlo meets Skateboardfahrer: Moderner Muralismus soll das Viertel Halle-Neustadt schöner machen. (Freiraumgalerie Halle)

Mausgraue Plattenbauten, Leerstand – seit der Wende hat Halle-Neustadt dramatisch an Einwohnern verloren. Jetzt will sich das Viertel neu erfinden. Mit Kunst und Bürgerbeteiligung soll aus dem grauen Ha-Neu – wie der Ort im Volksmund auch heißt – das bunte Ha:Neo werden.

Leer und eintönig, findet Carola ihr Viertel. Hier in der Muldestraße in Halle-Neustadt zwischen Brachwiese, urbanem Gartenprojekt, BMX-Halle, grauen Plattenbauten und dem Islamischen Kulturzentrum wird sie gefragt, was sie sich für ihren Stadtteil wünscht.

Carola wirkt resigniert, sie macht sich keine großen Hoffnungen auf positive Veränderung. Dennoch schaut sie bei der sogenannten Beteiligungswerkstatt vorbei und macht mit. Für sie ist es eine schöne Abwechslung.

Wie wird die Stadt von den Bürgern wahrgenommen?

Es gibt Musik, im Hintergrund rauscht ein aufblasbares Fußballtor vor dem Kinder Schlange stehen. Organisiert hat das Ganze die Initiative Freiraumgalerie, ein Verbund aus Stadtplanern, Pädagogen, Geografen und Künstlern. An dem bunten Umfragestand ist auf einem Biertisch eine große Karte von Halle- Neustadt ausgebreitet. Hier können Carola und ihre Nachbarn Punkte drauf kleben. Mit roten Punkte markieren die Bewohner Orte, an denen sie sich nicht gerne aufhalten.

Ein Wandgemälde wird in Halle-Neustadt eingeweiht. Die Motive durften die Bewohner teilweise selbst auswählen. (Freiraumgalerie Halle)Ein Wandgemälde wird in Halle-Neustadt eingeweiht. Die Motive durften die Bewohner teilweise selbst auswählen. (Freiraumgalerie Halle)

Die vielen kleinen Punkte sammeln sich allmählich so auf der Karte, dass mehrere rote, grüne und gelbe Ballungszentren zu erkennen sind. Doch nicht jeder Ort werde von allen Anwohnern gleich wahrgenommen, erklärt Ina Threise von der Freiraumgalerie.

"Es gibt so Orte, wo jetzt zum Beispiel ganz viel grüne und rote Punkte geklebt werden. Wo Leute sagen: Das ist mein Lieblingsort. Und andere Leute sagen: Ne, ich halt mich da gar nicht auf, weil ich das nicht leiden kann dort. Und das ist natürlich spannend rauszukriegen: Wo sind solche Orte? Wo häuft sich das? Und wo sind auch Orte, die eigentlich Orte des öffentlichen Raums sind, wo aber niemand hingeht. Wo niemand einen Punkt klebt. Die gar nicht auf der Landkarte von irgendwem vorkommen."

Urbane Kunst soll die Lebensqualität verbessern

Durch ihre Erhebungen werden die Bedürfnisse der Anwohner von Halle-Neustadt erfasst, um herauszufinden, an welchen Stellen es Veränderungsbedarf gibt. An diese Erkenntnisse soll die Stadtentwicklung von Halle-Neustadt im Rahmen des Zukunftstadtprojektes anknüpfen. So soll also Ha-Neu zu Ha:Neo werden. In den Beteiligungswerkstätten werden verschiedenen Beteiligungsformate ausprobiert. Das Motto: Freiraum mitgestalten. Dazu gehört auch die Umgestaltung des öffentlichen Raums durch urbane Kunst, erklärt der Künstler Danilo Halle:

"Der erste Schritt der oft erreicht wird durch Kunst ist: Wow! Da gibt's was, lass uns da mal Sonntags mit unserer Familie mit unserem Fahrrad hinfahren, nach Neustadt fahren. Da waren wir ja noch nie. Es gab ja auch keinen Anlass. Warum soll ich sonst nach Neustadt fahren? – Aber jetzt gibt es dort eine riesengroße Wand, ein Kunstwerk, das für alle zugänglich ist!"

Die großen grauen Plattenbauten bieten in der Tat eine ideale Spielfläche, die zur Gestaltung einlädt. Entstehen sollen dort großflächige Wandgemälde. Das sind keine klassischen Graffitis, sie ähneln vor allem ästhetisch eher der Malerei.

Muralismus, wie sich diese Art der Kunst nennt, hat in Halle-Neustadt aus DDR Zeiten eine lange Tradition, erklärt der Künstler Danilo Halle, der sich selbst als moderner Muralist versteht. 

"Die Tradition Wände als Oberfläche zu nutzen, um zu kommunizieren und gesellschaftliche Zusammenhänge zu vermitteln, die ist nach wie vor komplett richtig. Das damals Propaganda damit gemacht wurde, da brauchen wir nicht drum herum reden und es ist letztlich auch eine Geschmacksfrage, ob einem diese sozialistischen Gestaltungsarten gefallen. Der Grundgedanke aber, die Stadt als Kommunikationsort zu nutzen und Wände natürlich als die offensichtlichsten Flächen zu sehen, die da größte Potenzial haben, weil man sich denen nicht verweigern kann."

Ein Wandbild am Christian-Wolff-Gymnasium in Halle-Neustadt. (Freiraumgalerie Halle)Ein Wandbild am Christian-Wolff-Gymnasium in Halle-Neustadt. (Freiraumgalerie Halle)

Fünf Fassaden wurden im Rahmen des Zukunftsstadtprojektes bereits gestaltet. Und vielen Halle-Neustädtern scheint es gut zu gefallen, an ihre alten Traditionen anzuknüpfen, erklärt der Künstler Danilo Halle. 

"Es ist ein älteres Pärchen auf uns zugekommen, die sagten: Früher, als noch mehr gestaltet wurde, haben wir die Häuser oder die Straßenzüge, in denen die Leute wohnten nicht mit den Namen der Straßen benannt, sondern eben mit Merkmalen aus den Häusern. Und sie meinten für sie ist das Haus, das wir da jetzt gemalt haben, das Frida Kahlo Haus. Wir haben dort nämlich ein Abbild von Frida Kahlo, der mexikanischen Künstlerin gemalt. Das ist ein kleines Beispiel, aber es zeigt, dass durch Wandbilder Identifikation mit dem eigenen Stadtteil entsteht."

Neue Motivideen werden gesammelt

Wie eine Beteiligung der Bürger bei der Motivauswahl aussehen kann, zeigt ein Wandbild von Sebastian Höger. Der hallische Künstler hat auf einer Fassade einen Jugendlichen gestaltet, mit grüner Mütze, kurzer Hose und buntem Hemd. Während der Gestaltungarbeiten wurden die Anwohner des Viertels gefragt, was der Junge mit der grünen Mütze in seiner rechten Hand halten soll.

"Da kamen Sachen wie ein Einhorn oder ein Baseballschläger oder ein Blumenstrauß. Es ist letztlich aber mit großem Abstand ein Skateboard geworden. Weil nämlich wenn man die Straße langgeht, der große Skatepark kommt. Und so hat der Künstler am letzten Tag seiner Gestaltung den Wunsch der Bevölkerung umgesetzt. Wie ich finde, ein wirklich sehr charmanter Weg."

Nun werden neue Motivideen gesammelt, die im nächsten Jahr umgesetzt werden könnten. Die Partizipation findet hier allerdings auch ihre Grenzen: Denn freie Kunst muss bei der Wandgestaltung eine ebenso große Rolle spielen, betont der Wandmaler Danilo Halle.

"Also es wäre falsch nur Bilder zu malen aus unseren Erhebungen, es wäre genauso falsch einfach irgendwie Bilder zu malen von irgendwelche Künstlern, sondern es muss eben die Vielfalt sein, die in der Kunst, gerade durch künstlerische Freiheit widergespiegelt wird."

Die Beteiligungswerkstatt der Freiraumgalerie ist gut besucht. Die Anwohner gehen offen und unverblümt auf die Fragen der Initiative ein. Sie wollen offenbar gesehen und gehört werden. Immerhin sind sie die Experten für ihr eigenes Viertel. 

(mw)

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