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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 04.10.2017

Potsdamer StadtumbauDer Aufbau der Garnisonkirche ist live im Netz zu sehen

Von Matthias Dell

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Ein Eckstück der Balustrade der Garnisonkirche mit Flammenvase und Satyrkopfvase erinnern am 29.07.2014 in Potsdam (Brandenburg) an die gesprengte Garnisonkirche. (picture-alliance / dpa-ZB / Bernd Settnik)
Balustrade der Garnisonkirche vor dem Rechenzentrum: Vergangenheit vorn, Moderne hinten (picture-alliance / dpa-ZB / Bernd Settnik)

Noch mehr Preußen-Glanz für Potsdam? Der Wiederaufbau der Militärkirche ist umstritten, auch weil Reichspräsident Hindenburg und Reichskanzler Hitler hier 1933 den Schulterschluss zelebrierten. Die Baustelle wird per Webcam übertragen. Eine mediale Bildbetrachtung.

Eine städtische Situation, die unaufgeräumt wirkt, zeigt die Webcam. Ganz vorn zieht sich von links nach rechts ein Bürgersteig durch das Bild, in der Mitte ragt das Bau-Grundstück hinein.

Auf dem Grundstück: dreckiges Grün,  – das, was wächst in der Stadt, wenn keiner etwas pflanzt. Darauf ein Baugerüst, links und rechts daneben, zwei Container. Noch nicht viel Baustelle, noch keine Kirche.

Moderne und Neoklassizistmus

Die Dreiteilung wiederholt sich im Hintergrund: Links ein eleganter, aber ungepflegter Moderne-Bau aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, fünf Ebenen, klare Linien, keine Verzierung. Geometrie. Rechts, ein neoklassizistisches Gebäude, zahllose Figuren krönen das Portal, vier Säulen gliedern die Front.

In der Mitte: ein zarter Pavillon mit einem Flachdach, improvisiert für eine temporäre Nutzung.

Von heute aus betrachtet ist das eine städtische Situation, sagt Jakob Hüfner von Medienkunstduo Datenstrudel. Eine städtische Situation…

"die schon eigentlich ein bisschen der Vergangenheit angehört, wo es eben noch Freiflächen gibt, wo das ganz alte neben dem Mittelalten steht und das Neue noch nicht da ist – so'n Zwischenraum, eigentlich, eigentlich interessant, eigentlich ein Raum, in dem viel zusammenkommt, der nicht unbedingt schön ist, aber der viel erzählt."

Duo Datenstrudel

Das Duo Datenstrudel hat schon Anfang der nuller Jahre mit Webcams künstlerisch experimentiert

Der Potsdamer Zwischenraum erzählt von einem historischen Bruch.

Ein Dokumentarfilm aus den neunziger Jahren über die Garnisonkirche zeigt Bilder aus einem Lehrfilm, der in der DDR zu internen Zwecken produziert wurde. Auch die Sprengung der Kirche ist darin zu sehen.

Es handelt sich um ein Stillleben der Geschichte, ein Freeze des gewalttätigen deutschen 20. Jahrhundert. Festgehalten durch die Umwälzungen von 1989/1990. Die Portalfassade rechts stammt von 1781, sie ist alles, was "Langen Stall" nach dem Zweiten Weltkrieg übrig blieb. Ein Marker, der an die Existenz Preußens erinnert. Der Moderne-Bau rechts ist der Eintrag, den die DDR in dieses Bild gemacht hat, errichtet auf dem Platz, an dem 1968 die Ruine abgetragen wurde der ebenfalls im Zweiten Weltkrieg zerstörten Garnisonkirche. 

"Hier, wo jetzt das Rechenzentrum steht, stand einst die Garnisonskirche", heißt es in dem Lehrfilm.

Visionen von einem besseren Morgen

Der hellblaue Architekturführer des Bezirks Potsdam von 1980 notierte nüchtern:

"Datenverarbeitungszentrum, Dortusstraße 46, 1969/71, Kollektiv S. Weber; viergeschossiger Hauptbau (Montagebauweise) mit anschließendem Rechnergebäude; monumentales Mosaikbild 'Der Mensch bezwingt den Kosmos' von F. Eisel"

Während das Portal des Langen Stalls in die Geschichte zurückweist, Richtung Vergangenheit, zeigt der weit ins Bild ragende Modernebau nach vorn, in die Zukunft: Rechenzentrum, Kosmos – das war der Horizont, zu dem sich die optimistischen Visionen von einem besseren Morgen um 1970 streckten.

Nagelkreuz für ein freundliches Gesicht

Das jüngste Gebäude ist der Pavillon in der Mitte, ein temporärer Bau, 2011 eröffnet, die Nagelkreuzkapelle. Sie soll der Geschichtsvermittlung dienen. Das Nagelkreuz stammt von der Kathedrale von Coventry, der englischen Industriestadt, die von deutschen Bombern 1940 stark zerstört wurde. Ein Zeichen der Versöhnung also, das der problematischen, militaristischen Geschichte der Garnisonkirche ein freundliches Gesicht schminken soll.

Dieses Bild wird nun also 15 Minuten neu gemacht.

Kunstgeschichtlich zeigt es einen Triptychon. Der Begriff bezeichnet ein dreiteiliges Altarbild, bei dem die beiden Außenseiten dem Motiv in der Mitte zu größerer Bedeutung verhelfen. Für das Bild der Garnisonkirchen-Webcam heißt das: Das modernistische Rechenzentrum links und das neoklassizistische Portal rechts zeigen auf die Baustelle. Nur: Wenn der nun begonnene Wiederaufbau der Garnisonkirche vollendet ist, wird das nach vorn drängende DDR-Rechenzentrum, das einst Zukunft versprach, verschwunden sein. Die Portalfassade des Langen Stalls darf dagegen auf eine Nachspielzeit im neopreußenseligen Potsdam hoffen.

In dem Lehrfilm zum internen Gebrauch heißt es: "So oder ähnlich werden Sie es vielleicht ihren Kindern erklären, wenn Sie in fünf oder zehn Jahren einmal einen Rundflug über Potsdam machen."

Das Bild, das die statische Webcam liefert, weckt aber noch andere Assoziationen, erklärt Jakob Hüfner:
 
"Der ist wie eingerahmt, der Raum. Man hat die hintere Front, das ist praktisch wie eine Theaterrückbühne, dann hat man vorne diese Freifläche, die man schön bespielen kann. Es ergibt sich, aus der Perspektive zumindest, wenn man auch so draufschaut, eine bühnenhafte Situation."

Künstlich wiederhergestellte Kontinuität

Dieser Blick birgt eine interessante Idee. Betrachtet man diesen städtischen Raum nämlich tatsächlich als Bühne, dann sieht man durch die Webcam also einer Inszenierung zu. Gebaut wird nicht aus stadtplanerischer Notwendigkeit, sondern aus Lust auf eine Wiederaufführung der schwierigen preußischen Geschichte.

Man sieht dem Making-of einer künstlich wiederhergestellten Kontinuität zu, der Ausprägung eines geschichtsvergessenen Sehnsuchtsbilds:

Von heute direkt zurück ins 18. Jahrhundert, damit die unangenehmen Spuren deutscher Geschichte, die Kriege, die Kolonialverbrechen, die NS-Zeit aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden.

Die ironische Pointe liefert ausgerechnet die Webcam: Sie stammt von der Firma ArgosGuard, einer auf Baustellensicherheit spezialisierten Firma.

Die Webcam-Bilder haben also nur oberflächlich den Zweck einer selbstbewussten Dokumentation des Garnisonkirchen-Wiederaufbaus. In Wahrheit sind sie nur das Nebenprodukt von ängstlicher Überwachung – eine treffende Metapher für den bangen Blick auf die Potsdamer Versuche, über die deutsche Geschichte zu triumphieren.


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