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Tonart | Beitrag vom 08.04.2016

Popmusik gegen FremdenhassEin Soundtrack für den Aufstand

Von Ina Plodroch

Der Frontmann der deutschen Band Tocotronic, Dirk von Lowtzow, steht am 07.06.2013 in Nürnberg (Bayern) beim Musikfestival "Rock im Park" auf der Bühne. (picture-alliance / dpa / Daniel Karmann)
Dirk von Lowtzow: "Der Zweck scheint mir zu sein, Spendengelder zu sammeln. Und das ist ja auch sehr richtig." (picture-alliance / dpa / Daniel Karmann)

Heute erscheint ein Benefiz-Sampler mit dem Titel "Refugees Welcome - Gegen jeden Rassismus": 22 Musiker und Bands aus Deutschland und Österreich haben dafür Songs beigesteuert oder exklusiv neue aufgenommen. Mit dabei ist auch Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow.

Nachrichten-Schnipsel im Rap-Song von der Hamburger Rap-Gruppe Neonschwarz. Pegida marschiert seit mehr als einem Jahr, die AfD ist bittere Realität im zweistelligen Prozentbereich geworden. Willkommenskultur trifft auf Fremdenhass. Und die deutsche Popmusik?

"Fuck you Frontex"

Rappt die politische Parole oder hofft auf Besserung wie Dirk von Lowtzow, Sänger von Tocotronic, in seinem Song-Entwurf.

FUCK YOU FRONTEX

Ein kleiner Protestsong zwischendurch Toco-Dirk in FUCK YOU FRONTEX Enjoy! Toc

Posted by Tocotronic on Freitag, 31. Januar 2014

"Fuck you Frontex. Entgrenzung jetzt bis es euch zerfetzt. Ich bin mir sicher, es kommt der Tag an dem der Ausschluss ein Ende hat."

"Das war 2014 nach einer weiteren Flüchtlings-Havarie, spontan geschrieben, auf Videokamera gefilmt und ins Netz gestellt. Alles innerhalb von 20 bis 25 Minuten, um meiner Empörung über die mörderische europäische und damit natürlich auch deutsche Abschottungspolitik Ausdruck zu verleihen. Der Song findet sich jetzt eben in genau der Version auf dem Sampler."

Mit dem Titel "Refugees Welcome", zusammengestellt von Jonas Engelmann vom Ventil-Verlag und Torsten Nagel von dem Verein Kupo, der sich für Projekte mit emanzipatorischem Inhalt einsetzt. Ein Soli-Sampler, weil "Wir schaffen das" und Willkommenskultur gar nicht mehr selbstverständlich scheinen. Torsten Nagel:

"Die Übergriffe gegenüber Geflüchteten nahmen zu, das ging bis weit in die bürgerliche Mitte rein, sodass wir es in Düsseldorf erlebt hatten, dass eigentlich in gut situierten Stadtteilen sich Initiativen gründeten, die gegen eine Flüchtlingsunterkunft mobil machten. Und wir haben dann gedacht: 'Jetzt müssen wir das machen mit dem Sampler'."

Viele Songs gab's schon, andere sind neu

22 Protest-, Polit- und Flüchtlings-Songs über "The Walking Deutsch", die sich für das Volk halten, offene Grenzen, befremdlicher Fremdenhass. Elektro-Punk von Egotronic, Frittenbude, Indie-Pop von A Tribe Called Knarf oder Hip Hop von Denyo oder Sookee. Viele Songs gab's schon, andere sind neu. Der "Soli-Sampler" funktioniert natürlich wie ein Benefiz-Konzert. Pop für "die gute Sache":

"Der Zweck scheint mir zu sein, Spendengelder zu sammeln. Und das ist ja auch sehr richtig",

findet Dirk von Lowtzow. Pop als Spendensammelapparat hat eine lange Tradition: Peter Gabriel, U2, Bob Geldof. "Arsch Huh" aus Köln, Tocotronic unterstützt "Pro Asyl". Und auf dem Sampler "Kein Mensch ist illegal" haben männliche Popmusiker aus Deutschland im Oktober 2015 geflüchtete Menschen willkommen geheißen. Etwa 10.000 Mal wurde der Sampler verkauft. Vier bis fünf Euro gehen pro CD als Spende an "Pro Asyl" und "Kein Mensch ist illegal".

Torsten Nagel rechnet zusammen: Wenn sich alle 1000 Schallplatten und 2000 CDs von "Refugees Welcome" verkaufen – bei Soli-Sampler gar nicht unwahrscheinlich, weil die musikalische Qualität zweitrangig scheint - dann könnten 10.000 Euro gespendet werden. Ist das viel?

"Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein, aber es hilft. Aber es sind ja nicht nur die Spendengelder, sondern der Sampler wirkt ja auch für sich."

Popmusik über Migration und geschlossene Grenzen

Popmusik über Migration, über offene und geschlossene Grenzen. Als Denkanstoß oder mit Parole. Bewirkt das wirklich etwas gegen Fremdenhass, integriert das geflüchtete Menschen. Unter Dirk von Lowtzows "Fuck You Frontex"-Song auf Facebook kommentierten die Fans "liebe und dankbarkeit" oder "love love love for this". Sind diese 22 Songs – die fast alle ziemlich gut sind – also letztlich "Preaching to the converted"? Erreichen Popsongs über die Flüchtlingswelle also nur die, die eh sagen "Fuck you Frontex"? Dirk von Lowtzow meint:

"Sicherlich ein Problem dieser Songs, dieser Sampler. Ich persönlich sehe das als nicht so problematisch an, dieser Song und Sampler das sind Dinge, die Mut machen sollen, im gemeinsamen bemühen, gemeinsamen Kampf und so weiter – insofern möchte ich Rassisten und Flüchtlingsfeinden und Angsthasen gar nicht erreichen oder umstimmen, sondern ich möchte sie bekämpfen."

Ein Soundtrack für den Aufstand. Oder doch eher drei Minuten politischer Tanz. Die Antilopen Gang aus Düsseldorf ruft nicht zum Protest auf wie Neonschwarz aus Hamburg beispielsweise. Sondern reflektiert gesellschaftliche Stimmungen in ihren Songs, erzählt Koljah von der Antilopen Gang:

"Wir sind der Meinung, dass wir den Rap, den wir machen, dass wir den keinen Zweck unterordnen müssen. Also wir haben kein Politisches Programm, was wir mit Rap vermitteln wollen. Für uns steht Rap, die Kunst, an erster Stelle."

Deutsche Indie-Musiker oder Rapper gegen Deutschland, für offene Grenzen über Menschen, die flüchten müssen. Ein innerdeutscher Dialog. Der sagt: 'kommt her, ihr seid willkommen'. Das ist wichtig, allzu große Hoffnungen sollte man daran aber nicht knüpfen.

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