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Lesart / Archiv | Beitrag vom 24.07.2014

PopTritt die Braut bis vor den Altar!

Über die kontroversen Texte des neuen Morrissey-Albums "World Peace Is None of Your Business"

Von Florian Werner

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Der britische Pop-Sänger Steven Patrick Morrissey (picture alliance / dpa / Terje Bendiskby)
Der britische Pop-Sänger Steven Patrick Morrissey (picture alliance / dpa / Terje Bendiskby)

Auf dem zehnten Soloalbum des ehemaligen "Smith"-Sängers Morrissey triumphiert die Kreatur über den Menschen. Außerdem wird eine Frau ziemlich unsanft in die Ehe befördert.

Wohl kaum ein Popmusiker der Gegenwart wird so kultisch verehrt wie der 1959 geborene britische Sänger Morrissey. Seine Band The Smiths galt als eine der wichtigsten Gruppen der 1980er Jahre, inspirierte unzählige Nachfolger-Bands und prägte den Britpop-Sound der folgenden Dekade.

Seit der Auflösung der Gruppe 1987 ist Morrissey mit wechselndem Erfolg als Solokünstler unterwegs. Außerdem setzt er sich für den Vegetarismus ein und ist für die Tierschutz-Organisation PETA aktiv.

Im vergangenen Jahr veröffentlichte er bei Penguin Classics seine Autobiografie. Nun ist seine erste neue Platte seit fünf Jahren erschienen, "World Peace Is None of Your Business". Einer der schönsten – und umstrittensten − Songs darauf heißt "Kick The Bride Down The Aisle".

Der Anfang ist feierlich, getragen. Der Orgelklang legt nahe, dass wir uns in einer kleinen Kirche befinden − auf dem Weg zum Altar womöglich, um den Bund fürs Leben zu schließen. Doch der britische Sänger, Dichter und Meistermisanthrop Steven Patrick Morrissey predigt von einer anderen Kanzel − und ganz sicher nicht über die Freuden der Ehe.

Kick the bride down the aisle

And make no mistake

It's the best you can do

For everyone's sake

"Kiss the bride" – den Ausdruck kennt man. "Walk the bride down the aisle" tönt ebenfalls vertraut: Die Braut zum Altar führen, das macht in konservativen Kreisen der Vater, bevor er die Braut ihrem künftigen Gatten in den Arm drückt. Aber "kick the bride down the aisle", dass jemand also die Braut mit Fußtritten den Mittelgang der Kirche entlang befördert − das ist in den Hochzeitszeremonien der großen christlichen Kirchen eigentlich nicht vorgesehen. Trotzdem beteuert Morrissey, ein solches Vorgehen sei für alle Beteiligten das Beste. Warum?

She just wants a slave

To break his back in pursuit of a living wage

So that she can laze and graze

For the rest of her days

Write down every word I say

Schreib jedes Wort auf, das ich sage. Morrissey gebärdet sich in seinem Eifer wie ein Religionsstifter: Wie Jesus schreibt er seine Äußerungen nicht selbst auf, sondern vertraut ganz auf die Macht des gesprochenen Wortes und die Aufzeichnungen seiner Jünger. Und wahrlich, er sagt euch: Die böse Frau will keinen ebenbürtigen Partner, sondern nur einen Sklaven, der sich für sie abrackert, "so that she can laze and graze" –  damit sie bis ans Ende ihrer Tage auf der faulen Haut liegen … und grasen kann?

Kick the bride down the aisle

Look at that cow −

Augenblick − hat Morrissey die Braut gerade wirklich Kuh genannt?

− in the field

It knows more than your bride knows now

Nein: Es handelt sich nur um ein sogenanntes Enjambement, einen Zeilensprung − und um einen der wenigen Scherze, die Morrissey sich in seiner Anti-Ehe-Tirade gestattet. Mit "cow" ist tatsächlich ein weibliches Hausrind gemeint, das neben der Kirche auf einer Weide steht − und angeblich klüger ist als die menschliche Braut: "It knows more than your bride knows now." Und was sich so schön reimt, das stimmt bestimmt.

You're that stretch of the beach

That the tide doesn't reach

No meaning, no reason

The lonely season

Am Ende steht der Angesprochene folgerichtig nicht mehr in der Kirche, sondern alleine am Strand − dort, wo nicht einmal das Wasser mehr hinkommt. Es ist Herbst, "the lonely season", und die Braut ist erfolgreich aus dem Leben des Mannes verjagt worden. Wer könnte ihm Trost spenden? Hört man sich den Rest von Morrisseys neuem Album an − vor allem die Anti-Stierkampf-Hymne "The Bullfighter Dies", bei der ebenfalls der Mensch unterliegt und das Tier triumphiert − möchte man sagen: die Rinder. "Das Himmelreich", heißt es schon bei Friedrich Nietzsche, "ist bei den Kühen."

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