Seit 07:05 Uhr Feiertag
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 07:05 Uhr Feiertag
 
 

Politisches Feuilleton | Beitrag vom 19.05.2017

Polen - mehr als NachbarnFür einen Vorschuss an Verständnis

Von Matthias Buth

Beitrag hören Podcast abonnieren
Grenzpfähle am ehemaligen Grenzübergang zwischen Deutschland und Polen in Linken (Mecklenburg-Vorpommern) an der Bundesstraße B104, aufgenommen am 06.04.2017.  (picture alliance / dpa / Bernd Wüstneck)
Grenzpfähle am ehemaligen Grenzübergang zwischen Deutschland und Polen in Linken in Mecklenburg-Vorpommern (picture alliance / dpa / Bernd Wüstneck)

Wenn der Bundespräsident heute nach Polen fährt, besucht er ein Land, das Deutschland eng verbunden ist. In letzter Zeit gab es allerdings Verstimmungen und Auseinandersetzungen zwischen den Nachbarn. Der Schriftsteller Matthias Buth wirbt um Verständnis für die polnische Sicht.

Geht Polen Europa verloren? Die EU und nun auch die USA wollen und können sich nicht damit abfinden, dass die europäischen Werte in Polen ausgehöhlt und dann abgeschafft werden: die Pressefreiheit, die Unabhängigkeit der Gerichte und - vor allem - die Solidarität und Loyalität der 27 Vertragsstaaten der EU.

Polens Regierung betont gerne, großzügig gegenüber der Ukraine zu sein. Das muss erstaunen, denn 2016 bekamen ganze 5.328 Ukrainer in Polen Asyl, rund 900.000 sind Pendler und Arbeitsmigranten mit polnischem Visum. Davon zu sprechen, "einer Million" ukrainischen Flüchtlingen sei Zuflucht gewährt worden, ist irreführend. Und Araber aus Irak, Syrien, Afghanistan ins Land zu lassen wird erst recht beharrlich verweigert. Und diese Angst bricht sich auch nicht am Gebot der Nächstenliebe, an Bergpredigt und Samaritertum.

Kaczynski sieht sich als Bewahrer des Polentums

In bestimmter Weise wird Polen nämlich von Vorstellungen eines christlichen Gottesstaates getragen, der polnische Messianismus steht dafür. Und so sieht sich Parteichef Kaczynski zum einen als Retter des christlichen Abendlandes und zum anderen als Bewahrer des Polentums, umgeben von Staaten und Mächten, die "seinem" Polen Böses wollen.

Deutschland zuerst, auch wenn Bundeskanzlerin Merkel im persönlichen Gespräch mit ihm und seiner Statthalterin Szydlo im Februar Ängste abbauen wollte, obwohl deutschen Soldaten auf polnischem Boden Nato-Verteidigung üben, obwohl die EU jährlich zwischen 9 und 13 Milliarden Euro an Transferleistungen ins Land spült.

Dass Donald Tusk am 9. März 2017 als Präsident des Europäischen Rates wiedergewählt wurde, ist Warschau ein politisches Ärgernis und sollte verhindert werden. Denn er steht für das freiheitliche, weltzugewandte Europa und könnte 2019 bei der nächsten Wahl des polnischen Parlaments als Spitzenkandidat der bürgerlichen Opposition antreten - mit sehr guten Aussichten.

Polen ist gespalten

Die großen Demonstrationen der Bürgerlichen im Mai machen deutlich: Polen ist gespalten. Deshalb nun die Eile der PIS-Regierung, dem Staat unumkehrbar neue, das heißt, PIS-Strukturen zu geben, möglicherweise forciert durch eine neue Verfassung, die jetzt auch noch im politischen Gespräch ist. Fakten schaffen ohne Waffen. Oder: Wem gehört Polen?

Die Figuren von PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski (M), Ministerpräsidentin Beata Szydlo und dem polnischen Präsidenten Andrzej Duda als Marionetten inmitten von Demonstranten, die am 6.5.17 in Warschau auf die Straße gingen.  (Janek SKARZYNSKI / AFP)PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski, Ministerpräsidentin Beata Szydlo und Präsident Andrzej Duda als Marionetten. (Janek SKARZYNSKI / AFP)

Nationales Trauma

Wir in Deutschland verstehen das alles nicht, doch wir sollten versuchen, die Mentalitäten unseres Nachbarn jenseits von Oder und Neiße zu ergründen. Und diese wurzeln im nationalen Trauma: 1795 war Polen nach der 3. Teilung von der Landkarte verschwunden, tauchte als sog. Kongress-Polen unter russischer Führung nach 1815 noch einmal auf und erstand erst nach dem 1. Weltkrieg.

Der 2. Weltkrieg vertiefte das nationale Trauma. Dann kam die Abtrennung der polnischen Ostgebiete durch Stalins Diktat mit Unterstützung der Westallliierten. Das alles ist nicht vergessen.

Erst nach 1989, nach der sog. Wende, konnte sich Polen von der politischen Unterdrückung Russlands und der von Moskau gesteuerten Kommunisten befreien. Dann im Jahre 2004 der EU-Betritt und schon 1997 die Nato-Mitgliedschaft. Dies alles ist unserem Nachbarn kostbar, wertvoller als manchem Staat ohne diese geschichtlichen Erfahrungen. Deshalb hat Polen einen Vorschuss an Verständnis verdient.

Im Kölner Dom liegt eine polnische Königin begraben

Und vergessen wir nicht: Im Kölner Dom liegt eine polnische Königin begraben, direkt hinter dem Dreikönigsschrein, nämlich Richeza, die Ehefrau des polnischen Prinzen Mieszko, der 1024 als Mieszko II. König von Polen wurde und sie Königin an seiner Seite.

Na also: Nicht nur die rund zwei Millionen polnisch sprechenden Bundes- oder EU-Bürger in Deutschland verbinden. Polen lebt in uns, wir sind mehr als Nachbarn.

Der Jurist und Schriftsteller Matthias Buth (privat)Der Jurist und Schriftsteller Matthias Buth (privat)Matthias Buth, geboren 1951 in Wuppertal, veröffentlicht seit 1973 Gedichte, Feuilletons und Rezensionen, soeben den Gedichtband "Paris regnet". Seine Lyrik wurde ins Arabische, Englische, Französische, Polnische, Rumänische und Tschechische übersetzt sowie vertont in Kammermusik- und Chorwerken. Zudem ist er Rechtsanwalt. Er ist Mitglied des VS und des PEN.

Mehr zum Thema

Polen und seine Flüchtlinge - Sicherheit statt Freiheit
(Deutschlandfunk Kultur, Weltzeit, 12.04.2017)

Deutsch-polnische Grenzregion - "Warschau ist weit weg"
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 17.06.2016)

Europäische Kulturhauptstadt 2016 - Wie aus Breslau Wroclaw wurde
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 15.06.2016)

Görlitz und Zgorzelec - Über die alten Grenzen hinweg
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 25.02.2016)

Hörerkommentare

Wir behalten uns vor, Kommentare vor Veröffentlichung zu prüfen. Bitte befolgen Sie unsere Regeln. Für die Kommentarfunktion nutzen wir testweise ein System der US-Firma Disqus, Inc. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

comments powered by Disqus

Politisches Feuilleton

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur