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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.09.2011

Polemiker, Widersprecher und Fabulierakrobat

Wilfried F. Schoeller: "Alfred Döblin. Eine Biografie", Carl Hanser Verlag, München 2011, 875 Seiten

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Der Mediziner Alfred Döblin (1878-1957) verfasste Weltliteratur - aber unter Pseudonym auch polemische Essays. (picture alliance / dpa)
Der Mediziner Alfred Döblin (1878-1957) verfasste Weltliteratur - aber unter Pseudonym auch polemische Essays. (picture alliance / dpa)

Der Literaturkritiker Wilfried F. Schoeller rekonstruiert mit "Alfred Döblin" minutiös und umfassend das verschlungene Lebenslabyrinth des herausragenden und vielseitigen Autors. Dabei kommt auch der literarische Kosmos Döblin nicht zu kurz.

Jeder Döblin-Leser, so formuliert es Wilfried F. Schoeller in seiner äußerst faktenreichen und weit ausholenden Biografie über den am 10. August 1878 in Stettin geborenen Autor, würde einen Satz des promovierten Mediziners im Munde führen: "Wenn ein Roman nicht wie ein Regenwurm in zehn Stücke geschnitten werden kann und jeder Teil bewegt sich selbst, dann taugt er nicht."

Doch Döblin, so hat es Günter Grass in "Über meinen Lehrer Döblin" formuliert, "verführt wenig Leser", weshalb der Bekanntheitsgrad dieses Satzes eher gering sein dürfte. Von Döblin kennt man den Franz Biberkopf – häufig aber nur aus den Verfilmungen von Phil Jutzi (1931) und Rainer Werner Fassbinder (1980). Die sind beeindruckend, aber – und das macht Schoeller deutlich – der Roman, den man gelesen haben muss, ist großartig.

Die Biografie – es handelt sich um die erste umfassende – soll auf den Weg zu einem Autor führen, der immer noch zu wenig gelesen wird. Der Wert von Biografien besteht u. a. darin, dass sie kaum Wahrgenommenes ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken. Die von Schoeller tut dies überzeugend, denn sie schlägt eine Bresche in ein verschlungenes Lebenslabyrinth, das von Stettin über Berlin, Paris, Hollywood nach Baden-Baden führt.

Dabei verliert Schoeller nie das Döblinsche Werk aus den Augen, von dem die schreibenden Kollegen Günter Grass, Ingo Schulze oder Reinhard Jirgl in den höchsten Tönen sprechen. Der seinen "Döblinismus" pflegende Autor ist zwar immer noch weitgehend unbekannt, aber zu Unrecht, wie Schoeller immer wieder betont.

Schoeller sieht ihn auf Augenhöhe mit Thomas Mann, von dem Döblin sagte, er würde "Bügelfaltenprosa" schreiben. Döblin war ein Polemiker, ein Widersprecher, ein Fabulierakrobat, der es verstand, mit der linken "Pfote" – unter dem Pseudonym "Linke Poot" – glänzende essayistische Attacken zu Papier zu bringen, und der mit der rechten Hand Weltliteratur geschrieben hat.

Die chronologisch angelegte Biografie gliedert sich in acht Kapitel. Häufig kommt dabei Döblin selbst zu Wort, der ja nicht nur sein Werk, sondern in verschiedenen Essays auch ausführlich sein eigenes Leben kommentiert hat. Das dabei auf Anführungszeichen verzichtet wird und die Zitate kursiv gedruckt sind, erweist sich als ausgesprochen lesefreundlich.

Wilfried F. Schoeller vermag in seiner Biografie die entscheidenden Querverbindungen zwischen den poetologischen Überlegungen Döblins und dessen literarischen Texten zu ziehen. Darüber hinaus rekonstruiert er minutiös die Lebensstationen des Mannes, der nach seiner Rückkehr aus dem Exil die Bundesrepublik 1953 enttäuscht wieder verlassen hat, weil er sich in dem Land, in dem er und seine Eltern geboren wurden, "überflüssig" fühlte.

Wer Döblin kennt, ist dankbar für diesen umfassenden Wegweiser durch das Leben und das Werk eines herausragenden Autors und wer erst dabei ist, sich den literarischen Kosmos Döblin zu erschließen, der wird dankbar für die vielen Zusammenhänge sein, die Schoellers Biografie herstellt.

Besprochen von Michael Opitz

Wilfried F. Schoeller: Alfred Döblin - Eine Biografie
Carl Hanser Verlag, München 2011
875 Seiten mit Abbildungen und Register, 34,90 Euro

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