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Religionen / Archiv | Beitrag vom 24.09.2017

Polarisierung in VenezuelaHunger als Waffe, Denunziantentum und Repression

Von Wolf-Dieter Vogel

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An einem Rolltor eines Geschäfts in Caracas steht "Maduro Diktator". (dpa / picture-alliance / Rayner Pena)
An einem Rolltor eines Geschäfts in Caracas steht "Maduro Diktator". (dpa / picture-alliance / Rayner Pena)

Die Regierungspolitik in Venezuela spaltet die Gesellschaft zunehmend. Das zerstört auch das soziale Netz im Armenviertel La Vega am Rand der Hauptstadt Caracas, erklärt Jesuit Infante, der sich um soziale Projekte kümmert. Etwa mit der Lebensmittelzuteilung übe das Regime soziale Kontrolle aus.

Mittagspause in der Schule der Kirchengemeinde San Alberto Hurtado. Höchste Zeit für eine Mahlzeit. Etwa zwei Dutzend Jungen und Mädchen drängeln sich um einen langen Tisch. Ungeduldig warten sie auf das Essen.

Für einige von ihnen ist der Teller mit Bohnen, Reis und Kochbananen das einzige, was sie an diesem Tag zu sich nehmen. Denn im Armenviertel La Vega am Rande der venezolanischen Hauptstadt Caracas fehlt es an allem. Die Ladenregale sind leer, Grundnahrungsmittel sind nur für teures Geld auf dem Schwarzmarkt erhältlich. Pfarrer Alberto Infante spricht von einer humanitären Krise.

"Der Mangel und die Inflation ruinieren die Haushalte der Ärmsten des Landes, insbesondere hier in dieser Gegend. Immer wieder werden Kinder vor lauter Hunger in der Schule ohnmächtig."

Einfach war es nie in La Vega. Schon lange gehören Gewalt und Kriminalität zum Alltag. Die katholische Kirche betreibt deshalb dort seit 25 Jahren mehrere Kindergärten und Schulen. 1200 Kinder und Jugendliche nutzen die Einrichtungen, um die sich auch der Jesuit Infante kümmert.

Früher bot die sozialistische Regierung in speziellen Supermärkten günstige Lebensmittel an und stellte eine medizinische Grundversorgung zur Verfügung. Der hohe Ölpreis machte das möglich. Aber heute ist das schwarze Gold nur noch die Hälfte wert. Für soziale Projekte fehlt das Geld. Rafael Uzcateguí vom Menschenrechtszentrum Provea erklärt:

"Die Menschen geben 80 Prozent ihres Geldes für Nahrung aus, und selbst das ist zu wenig für eine angemessene Ernährung. Das führt dazu, dass die Leute jeden Tag weniger essen können."

"Mehrheit in den Armenvierteln zutiefst unzufrieden"

Auch die Behörden ergreifen Notmaßnahmen. Im Rahmen eines Ernährungsprogramms verkaufen sie zu niedrigeren Preisen ab und zu Tüten mit Grundnahrungsmitteln. Zumindest einige Tage kommen die Familien damit über die Runden. Allerdings hat die Sache einen Haken, kritisiert Pfarrer Infante.

"Wer andere Ideen hat und anders denkt, wird im Viertel als Feind gebrandmarkt. Die Verantwortlichen für den Verkauf der Tüten entscheiden ganz diskret, wem sie eine geben und wem nicht. Normalerweise erhalten Leute keine Lebensmittel, wenn sie politische Differenzen mit der Regierung haben."

Der Jesuit bezeichnet die subventionierten Zucker-, Bohnen- und Maismehlrationen als Mechanismus sozialer Kontrolle. Er erinnert an die Wahl zur Verfassungsgebenden Versammlung Ende Juli. Die Opposition hatte sich dagegen gewehrt, dieses Gremium einzurichten. Es diene nur dazu, die Macht des Präsidenten Nicolás Maduro abzusichern, kritisierte sie. Auch Ana Karina Gonzalez aus der Kirchengemeinde von La Vega war dagegen. Mit entsprechenden Konsequenzen.

"In meinem Häuserblock haben wir Protestkundgebungen organisiert und dabei auf Kochtöpfe geschlagen. Nun verkaufen sie uns seit einem Monat keine Lebensmitteltüten mehr. Sie lassen uns spüren, was es heißt, dass sehr wenige von uns für die Verfassungsgebende Versammlung gestimmt haben."

Bei Protesten gegen die Verfassungsgebende Versammlung kamen im letzten halben Jahr über 120 Menschen ums Leben. Auch Bewohnerinnen und Bewohner von La Vega lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei. Das war neu. Lange Zeit galt das Viertel als Hochburg der Chavisten, wie die Anhänger des 2013 verstorbenen Präsidenten Hugo Chavez genannt werden. Doch seit Lebensmittel knapp sind und der Chavez-Nachfolger Maduro immer schärfer gegen seine Gegner vorgeht, ist La Vega tief gespalten. Das kommt auch in den zahlreichen Graffiti im Viertel zum Ausdruck. Parolen wie "Mörder Maduro" stehen dort neben solchen, die revolutionäre Erfolge der Regierung anpreisen. Infante:

"Heute, in Zeiten von Maduro, ist die Mehrheit in den Armenvierteln zutiefst unzufrieden. Fast 80 Prozent halten nichts mehr von der Politik der Regierung. 20 Prozent unterstützen sie dagegen sehr entschieden. Das hat aber auch damit zu tun, dass sie dem Machtapparat angehören. Es sind Leute, die in die Machtstrukturen eingebunden sind und davon profitieren."

Menschen bespitzeln sich gegenseitig

Infante liebt das Leben in seinem Viertel. Man spricht miteinander und hilft sich. An jeder Straßenecke grüßt er Bekannte, redet, schmiedet Pläne. Doch die Polarisierung zerstöre dieses soziale Netz, sagt er. Luis Gonzalez, ein Jugendlicher, den Infante auf der Straße trifft, kann das nur bestätigen:

"Ich bin Oppositioneller, aber ich respektiere die Ideale jedes Menschen. Doch mich nennen sie einen Terroristen. Sie behaupten, ich sei Anführer einer Widerstandsgruppe, würde stehlen und Leuten aus der Regierung schaden. Sie können dich sogar aus der Universität werfen. Wenn Polizisten hier in der Nähe sind, kommen sie auf den Sportplatz, durchsuchen dich, wollen deinen Namen wissen und schreiben ihn in eine Liste, ohne zu erklären, um was es geht."

Die repressive Stimmung beeinflusst auch Infantes Einsatz. Die Menschen begännen, sich gegenseitig zu bespitzeln, erklärt er.

"Da sind die berühmten so genannten kooperativen Patrioten, die wir im Viertel als Kröten der Diktatur bezeichnen. Also Leute, die andere anschwärzen sowie einschüchtern und im Stadtteil Misstrauen säen. Sie sind eine Minderheit, die mit den Mächtigen verbunden ist. Diese Leute profitieren von den Regierungsprogrammen, weil sie Andersdenkende diskriminieren und ausschließen. Zugleich etablieren sie im Viertel diktatorische Verhältnisse."

Der Pfarrer will keine Vergleiche zu den lateinamerikanischen Diktaturen der 1970er Jahre ziehen. Aber das Regime nutze Hunger als Waffe, indem es mit der Lebensmittelzuteilung soziale Kontrolle ausübe. Das habe totalitäre Züge. Ebenso das Denunziantentum und die Repression.

Langer Weg der Versöhnung

Dennoch hat Infante beide Seiten im Blick. Mit Sportturnieren, Konzerten und anderen Veranstaltungen versucht er, Gegner und Befürworter des Regimes zusammenzubringen. Nicht die politische Partei, sondern der Mensch müsse im Vordergrund stehen, betont er. Seine Kirchengemeinde setzt nicht auf Konfrontation – aber auch nicht auf reine Sozialarbeit.

"Uns Jesuiten in Venezuela und speziell mich, der ich in diesem Viertel von Caracas tätig bin, beschäftigt vor allem, dass die Armen Subjekte werden. Damit meine ich, dass sie Bewusstsein entwickeln und lernen, ihre Rechte organisiert einzuklagen. Ich stehe für einen Glauben, der nicht einschläfert, sondern aufweckt, damit die Menschen sich organisieren und ihre Würde verteidigen."

Im Kindergarten ist die Mittagspause vorüber. Einige Mädchen spielen Theater und tanzen zu Trommelmusik. Die Mütter der Kleinen erhalten unterdessen eine Fortbildung, um sich eine berufliche Existenz aufzubauen. Und sie lernen, wie sie mit den wenigen Lebensmitteln ein reichhaltiges Essen zubereiten können. Zudem bietet die Gemeinde Kurse zum Thema Menschenrechte an.

Neben dieser Unterstützung der Ärmsten sieht Infante für sein gespaltenes Land nur eine Lösung.

"Venezuela muss sich auf einen langen Weg der Versöhnung machen. Dazu brauchen wir einen politischen Wechsel, eine Regierung, die begreift, dass das Land tief verwundet ist. Venezuela braucht einen Führer vom Stile Mandelas. Jemand, der alle Bereiche der Gesellschaft einlädt, zusammenzukommen. Wir müssen einen gemeinsamen Weg suchen, der uns alle voranbringt."

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