Montag, 18.12.2017

Lange Nacht / Archiv | Beitrag vom 07.09.2013

Poets, Pipers and Patriots

Die Lange Nacht der schottischen Kultur

Von Tom Daun

Die Burg Eilean Donan in Schottland (AP Archiv)
Die Burg Eilean Donan in Schottland (AP Archiv)

In einem Jahr wollen die Schotten in einem Referendum über ihre Unabhängigkeit abstimmen. Mehr als 400 Jahre nachdem die beiden Königshäuser vereinigt wurden, ist der Patriotismus vieler Schotten ungebrochen. Wie die Chancen für die Auflösung der "Union" mit England stehen, ist ungewiss.

Whisky, Dudelsack und Schottenrock, Schafe, Dauerregen und der sprichwörtliche Geiz – Klischees über das Land gibt es mehr als genug. Aber wie sehen sich die Schotten selbst? Gern werden die keltischen Ursprünge der Nation beschworen – aber heute beherrscht nur noch ein Prozent der Bevölkerung die gälische Sprache.

Die großen Mythen der schottischen Geschichte sind allgegenwärtig – und die meisten haben mit "The old enemy" zu tun, mit England: Braveheart kämpft für die Freiheit, Maria Stuart um den Thron, die Jakobiten unter "Bonnie Prince Charlie" für die Unabhängigkeit.

Dank des Nordseeöls, so hoffen die Schotten, könnten sie auch wirtschaftlich überleben – doch die einstmals sprudelnden Quellen versiegen langsam. Heute wird Schottland finanziell großzügig vom südlichen Nachbarn alimentiert. Viele heimische Stimmen befürchten wirtschaftliche und politische Nachteile bei einer Trennung von England oder warnen vor nationalistischen Strömungen.

In der "Langen Nacht" sprechen Politiker, Schriftsteller und Künstler über das schottische Selbstverständnis, über das Verhältnis zum großen Nachbarn im Süden und über die Zukunftshoffnungen.

Dick Gaughan
Texte und Erläuterungen


Sklaverei
Robert Burns und Sklaverei (engl.)
"Call for memorial to Glasgow slave trade" - Artikel im schottischen Herald

Highland Clearances

Besuch George IV in Edinburgh (engl. Wikipedia)

Essay zur schottischen Identität von Chris Gibbs


Zitate:

Jean Urquhart, Politikerin und Abgeordnete im schottischen Parlament in Edinburgh

"Wenn dein Land das kleinere ist in einer Union mit einem sehr viel größeren, zehnmal so groß, dann besteht die Gefahr, dass du als Kind aufwächst, ohne deine eigene Identität wirklich zu kennen. Es gab eine Zeit in der schottischen Geschichte, als das nicht gefragt war. Die Menschen waren zufrieden damit, Briten zu sein; nach dem Krieg war man stolz: wir hatten den Faschismus besiegt, das Vereinigte Königreich hatte seine eigene Identität. Aber in den letzten 20 oder 30 Jahren haben wir entdeckt, dass es so etwas wie eine Identität des Vereinigten Königreichs nicht gibt. Es gibt eine sehr ausgeprägte walisische, eine starke englische, irische und eben schottische Identität. "

Die Situation ist paradox: wirtschaftlich scheint die Verbindung mit England sinnvoll. Historisch und gesellschaftlich sind die Bindungen zwischen beiden Ländern eng - immerhin folgten auf die Jahrhunderte langen Scharmützel, Schlachten und Kriege mehr als 250 Jahre Frieden. Viele, fast alle Schotten haben Verwandtschaft in England.

Dass sie "nicht-englisch" sind, darin sind sich die Schotten einig; aber "nicht-britisch"? Die gegenwärtige Stimmungslage ist ambivalent - nach aktuellen Umfragen würde ein Drittel der Bevölkerung für die Unabhängigkeit votieren, zwischen 40 und 50 % dagegen. Beide Seiten buhlen um die noch unentschiedenen Wähler; bis September 2014 bleibt viel Zeit - alles ist denkbar.

David Francis, Sänger und Mitglied des "Scottish Music Forum"
"Ich glaube, dass wir Schotten unsere Identität finden müssen, ohne uns dabei immer auf England zu beziehen. Positive Dinge zu finden, nach denen wir uns definieren können und nicht nur zu sagen: "Wir sind keine Engländer!" Aber natürlich ist es eine sehr komplizierte und enge Beziehung - wir sind eher wie Bruder und Schwester als wie entfernte Vettern. Und sehr viele Menschen sowohl in England als auch in Schottland haben familiäre Verbindungen ins andere Land. Ich auch - mein Vater war Engländer und seine Vorfahren stammten aus Wales. Es ist nicht so einfach."

Wendy Stewart, Harfenistin und Sängerin
"Manchmal gibt es auch diese hässliche Seite, dieses anti-englische Ressentiment: "Die Engländer sind alles schuld..." - Wer so etwas sagt, hat seine Geschichtsbücher nicht richtig gelesen: es war ein Konflikt zwischen den Leuten im Hochland und denen im Lowland, zwischen der gebildeten Klasse und den anderen. Du kannst für Schottland sein ohne dabei anti-englisch zu sein."



Rab Wallace, Direktor des "College of Piping" in Glasgow über "Pibroch", die traditionelle Dudelsackmusik Schottlands

"Im 16. und 17. Jahrhundert entwickelte sich im nordwestlichsten Zipfel Europas eine klassische Musik, die von der musikalischen Strömung im Rest des Kontinent völlig abgeschlossen war, also von Bach und seinen Zeitgenossen. Das war etwas wunderschönes. Leute, die keinen Kontakt nach Europa hatten, schufen ganz ohne äußere Einflüsse diese wunderbare Musik, die heute auf der ganzen Welt bekannt ist. Man kann heute sagen, Pibroch ist Schottlands wichtigster Beitrag zur Kultur der Menschheit."


Die Jahreszahl 1746 bildet in der schottischen Geschichte den entscheidenden Wendepunkt: in Culloden unweit von Inverness wurde das Heer des jakobitischen Thronanwärters Prince Charles vernichtend geschlagen - von einer Armee, in der englische Soldaten und schottische Truppen aus den Lowlands gemeinsam kämpften. Die "Battle of Culloden" beendete die Träume der Stuarts, den britischen Thron zurück zu erobern, den sie in der "Glorious Revolution" von 1688 an das Haus Oranien verloren hatten.

Mit dem Sieg über "Bonnie Prince Charlie" wendete die britische Monarchie die Gefahr der Re-Katholisierung des Landes ab und beendete darüber hinaus den Einfluss Frankreichs: großzügig versorgt mit französischem Gold war Prinz Charles 1745 aus dem Pariser Exil heimlich in Schottland gelandet, um von dort mit Unterstützung der Hochland-Clans einen Feldzug nach London zu starten. Der Marsch auf die Hauptstadt war zunächst erfolgreich, immerhin standen die schottischen Truppen im Dezember nur 150 Kilometer vor London. Doch die versprochene militärische Hilfe der Franzosen blieb aus; das schottische Heer von Charles Stuart wurde zum Rückzug gezwungen und schließlich in Culloden besiegt.

Reisebericht des Dr. Samuel Johnson von 1773:
"Niemals wohl gab es einen solch raschen und vollständigen Wechsel nationaler Sitten und Gebräuche wie im Hochland seit der letzten Eroberung und den darauffolgenden Gesetzen. Wir kamen zu spät, das zu sehen, was wir erwartet hatten, nämlich ein Volk mit eigenen Charakter und einem altertümlichen Lebensstil. Die Clans haben keine Bedeutung mehr für die Menschen; ihr wildes Temperament ist gezähmt, ihr Kampfeswillen erloschen, ihre Würde zerstört, ihre Unabhängigkeit verloren, ihr Hass auf die Regierung unterdrückt und die Hochachtung vor den eigenen Führern geschwunden. Herüber gerettet aus der Zeit vor der Eroberung ihres Landes haben sie nur ihre Sprache und ihre Armut. Die Sprache aber wird von allen Seiten bekämpft. Die Schulen, die gebaut werden, unterrichten nur in Englisch; und in letzter Zeit gibt es sogar Versuche, ihnen ihre Version der Heiligen Schrift zu verwehren, damit sie kein Buch mehr in ihrer Muttersprache haben."


Der englische Dichter und Gelehrte Dr. Samuel Johnson bereiste 1773 mit seinem schottischen Freund James Boswell das Hochland. Sein kurz darauf erschienener Reisebericht "Journey to the Western Isles of Scotland" ist ein beeindruckendes und bewegendes Dokument der Zustände im schottischen Hochland 30 Jahre nach der Schlacht von Culloden.

Reisebericht des Dr. Samuel Johnson von 1773:
"Ihr Stolz wurde von einem rachsüchtigen Eroberer mit harter Hand gebrochen. Die Gesetze, die seit der Schlacht von Culloden erlassen wurden, führen zu steter Unzufriedenheit; sie schränken das tägliche Leben ein und lassen erkennen, dass ihr einziger Zweck in der Bestrafung und Unterdrückung liegt. Der Zwang, ihre herkömmliche Tracht gegen neue Kleidung zu tauschen bedrückt sie. Die ehemals patriarchalischen Clan-Chiefs sind zu habgierigen Grundbesitzern geworden. Die Unzufriedenheit breitet sich im ganzen Hochland aus. Wer nicht vertrieben wird, wandert freiwillig aus.

Aufstände dadurch zu verhindern, dass man die Bevölkerung verjagt; friedlich regieren zu können, weil man überhaupt keine Untertanen mehr hat - das zeugt nicht von einer durchdachten Politik. Es wäre eines Staatsmannes eher würdig, die Halsstarrigen zu besänftigen und den Irrenden Halt zu geben. Ein Gesetzgeber kann nicht stolz darauf sein, dass er dort, wo es einen Aufstand gab zur Strafe eine Wildnis erschafft."






Reiner Luyken, Korrespondent der Wochenzeitschrift "Die Zeit", der seit vierzig Jahren in Achiltibuie im Nordwesten Schottlands lebt

"Also ich kenne kaum eine Gegend von der Welt - und ich habe sehr viel gesehen von der Welt - die sich nur im Entferntesten damit vergleichen lässt. Es ist auch gar nicht so die typische schottische Landschaft, gerade auf dieser Halbinsel sondern auch innerhalb Schottlands ne sehr ungewöhnliche Landschaft, die sehr roh ist, aber doch ständig sich ändert und hochdramatisch ist. Wenn man aus diesem Tal kommt auf die Halbinsel, da sieht man so vereinzelte Bergriesen stehen. So groß sind die gar nicht, aber die schauen aus, wie Riesen, weil sie aus der flachen Landschaft ganz steil mit den bizzarsten Formen rauswachsen - und dann ist nichts. Da ist nur der eine Berg - und dann ist wieder flach. Und dann kommt der nächste Berg. Und dann wieder einer. Und die stehen da einfach so. Jeder ist so ein Charakter, das ist unglaublich."


"Es wird ungeheuer viel Geld rein gesteckt ins Gälische. Wenn man Gälisch macht gibt's keine Jobprobleme. Also es gibt nen Lehrermangel für gälische Schulen, gälischen Fernsehen, gälisches Radio, gälisches dies, gälisches das. Da wird Geld hingeschaufelt, da gibt's Jobs. Da ist es ganz vernünftig, Gälisch zu machen. Aber warum wird das Geld alles hierhin geschickt? Weil in der Vorstellung dieser SNP Leute - und nicht nur der SNP Leute, sondern überhaupt in Edinburgh und Glasgow, die Seele der Nation wohnt hier im Nordwesten. Und dann nennen sie es noch "The Gaeltachd", das hat dann zu tun mit diesem Gälischen: ach, wo die Leute noch Gälisch sprechen und wo diese eng verflochtenen Gemeinden leben. Das hat alles so 'nen romantischen Anstrich, da kommt so ein bisschen Rousseau rein und ist natürlich alles völliger Unsinn."


Sorley MacLean
- Das Gedicht Hallaig auf Gälisch und Englisch

- Biografie bei der BBC
- Eintrag in der Scottish Poetry Library
Tribal Totems and Clan Trees

CD Fifteen Poems of Sorley MacLean: Association for Scottish Literary Studies, Glasgow, October 2007 ISBN 978-0-948877-81-0

Sorley MacLean (1911 - 1996): Wichtigster schottisch-gälischer Dichter des 20. Jh; stammte von der Insel Raasay. In seinem Gedicht "Hallaig" erinnert er an ein Dorf auf der Insel, das im 19. Jh im Zuge der "Highland Clearances" geräumt wurde. Dabei lehnt er sich an die alt-keltische Mythologie an

" Das Fenster, durch das ich nach Westen schaue
Ist mit Brettern vernagelt.
Meine Liebste steht am Bach in Hallaig
Eine zarte Birke, so wie sie es immer war.

Eine Birke, eine Hasel,
Eine schlanke, gerade Eberesche
Dort in Screapadal, wo mein Volk war.

Bäume sind unsere verlorenen Töchter und Söhne
und sie säumen das Ufer des Bachs.

Ich gehe hinunter nach Hallaig
Zum Sabbat der Toten
Wo sich die Menschen versammeln,
jede einzelne Generation, auch die, die von dort weg gingen.

Sie sind alle noch dort, in Hallaig,
die MacLeans und MacLeods,
Alle, die seit den Zeiten von Mac Gille Chaluim dort waren.
Dort kann man die Toten leben sehen.

Die Männer, sie wachsen auf dem Gras,
dort wo einst das Haus stand.
Die Mädchen: ein kleiner Birkenwald,
der sich im Winde wiegt.
Hand in Hand laufen sie leise den moosigen Weg entlang
Jung, auf ihren hohen Absätzen.
Ohne zu wissen vom herzzerreißenden Kummer der Geschichte. "




Jean Urquhart, Politikerin und Abgeordnete im schottischen Parlament in Edinburgh

"Ich habe das Gefühl, wir müssen als Nation erwachsen werden; wir haben viele Gründe das zu tun. Den Leuten ist klar geworden, dass Schottland groß genug ist um zu überleben. Es gibt viele Länder, die kleiner sind als Schottland und trotzdem ökonomisch gut dastehen. Nicht dass das der Grund wäre - es hat nichts mit Geld zu tun. Ich glaube es geht um Motivation."

"Ich glaube, wir haben jede Menge Probleme zu lösen. Aber wir können sie nur lösen, wenn wir sie in Angriff nehmen. Und wir werden sie nicht in Angriff nehmen, so lange wir Teil des Vereinigten Königreichs sind. Weil wir dann alles unter der Decke lassen - wir können ja immer jemand anders dafür verantwortlich machen: das war Westminster, die da unten in London sind schuld. Sobald wir die Decke hochheben und uns über unsere eigene geschichtliche Rolle klar werden, werden wir uns selbst besser verstehen. Und vielleicht erkennen wir, dass wir nicht sehr nett waren - aber wir können uns bessern."



Ian McCalman, bekannter Singer-Songwriter

"Ich glaube, wenn ich ein Kriterium nennen sollte, das Schottland vom Rest der Welt unterscheidet, dann ist das England. Das Verhältnis zu unserem Nachbarn beschäftigt uns schon immer - daher rührt der Minderwertigkeitskomplex vieler Schotten; sie können den Gedanken nicht loswerden, dass England uns irgendwie geschadet hat und für alle unsere Wehwehchen verantwortlich ist. Wenn die Wirtschaft in Schottland Probleme hat, wenn die Arbeitslosigkeit steigt, wenn die Produktion stagniert - England ist schuld. Wenn dein Hund stirbt - England ist schuld. Wir haben einen sehr bequemen Sündenbock direkt vor unserer Türe."


Scottish Development International über Investitionen in den Tourismus (PDF)

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