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Profil / Archiv | Beitrag vom 26.06.2014

Poetry-SlamSelbstzweifel in Reime verpackt

Julia Engelmann bringt ein Buch heraus

Von Kerstin Burlage

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Poetry-Slammerin und Psychologie-Studentin Julia Engelmann während einer NDR-Fernsehsendung (dpa picture alliance/ Georg Wendt)
Poetry-Slammerin und Psychologie-Studentin Julia Engelmann während einer NDR-Fernsehsendung (dpa picture alliance/ Georg Wendt)

Poetry-Slammerin Julia Engelmann wurde mit einem einzigen Video im Internet schlagartig bekannt. Nun hat sie ein Buch herausgebracht und geht damit auf Tour. Den Rummel um ihre Person sieht sie gelassen.

"Jetzt wird's 'n bisschen ruhiger und da werd' ich auch ruhiger - ist ok."

Ziemlich ruhig wirkt sie - fast noch ein bisschen müde. Es ist zehn Uhr morgens. Julia Engelmann sitzt an einem Tisch in einem kleinen Bremer Szenecafé und trinkt Pfefferminztee: Schlichte schwarze Kleidung, lange blonde Haare, braune Augen. Ein Blick, der in einem Moment sehr offen ist - und im nächsten wieder etwas beinahe Abgeklärtes bekommt. Julia Engelmann gibt nicht allzu viel Privates von sich preis. Ihre Mutter, die als Glückscoach in Bremen arbeitet, schon eher: In einer Talkshow hat sie verraten, dass Julia einen Bruder hat - und, so sagte sie wörtlich, eine "coole Famile". Aber über die spricht die 22-Jährige nicht. Treffen wollte sie sich auch nicht zuhause in ihrer Studenten-Wohngemeinschaft sondern hier, im Lieblingscafé.

Es werde jetzt ruhiger, sagt sie, weil es schon ein paar Wochen her sei, dass ihr Buch "Eines Tages, Baby" erschienen ist. Da hat sie eine Menge Interviews gegeben. Jetzt ebben die Presseanfragen gerade mal wieder ab - für's erste. Dass sie vor lauter Medienpräsenz nur wenig Zeit hat für ihr Psychologie-Studium, scheint sie nicht sonderlich zu stören:

"Ich mein', wenn ich schon ein Buch hab', dann kann ich mich ja ein bisschen drum bemühen, dann will ich auch, dass es schön wird."

Und bekannter soll es doch sicherlich auch werden?

"Mmmmmhh ... . Ach ja!"

Schön soll es sein - die Bekanntheit ist ja auch so schon ziemlich groß: An die sechseinhalb Millionen Klicks hat ihr Video inzwischen im Internet bekommen. Ein Video von einem Text, den sie im vergangenen Sommer bei einem Poetry-Slam in Bielefeld performed hat:

" ... Lass' mal an uns selber glauben. Ist mir egal, ob das verrückt ist und wer genau guckt, sieht, dass Mut auch bloß ein Anagram von Glück ist. Und wer immer wir auch waren, lass' mal werden, wer wir sein wollen. Wir haben schon viel zu lang gewartet, lass' mal Dopamin vergeuden. Der Sinn des Lebens ist Leben ..."

"One-Day-Slash-Reckoning-Text" heißt er und ist ungefähr fünf Minuten lang. Er stand ein halbes Jahr eher unbeachtet im Internet. Dann machte ein Blogger auf ihn aufmerksam und plötzlich schossen die Klickzahlen in die Höhe. Der Hype war da.

"... und eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby und an all die Geschichten denken, die für immer unsere sind ... "

Während die einen diesem Text zutrauten, das Leben seiner Hörer zu verändern, kritisierten die anderen, er sei auch nur eine Kopie von einer Kopie. Sicher ist: Mit ihrem "One-Day-Slash-Reckoning-Text" hat die junge Frau einen Nerv getroffen. Warum - das kann sie sich selbst nicht erklären:

"Das kann sich ja auch irgendwie keiner erklären, weil es ja ein Stück weit ein Mythos bleibt. Für mich ist es einfach Zufall irgendwie."

Beim Schreiben ihrer Texte habe sie nie daran gedacht, sich zum Sprachrohr ihrer Generation zu machen - so, wie es ihr gerne unterstellt wird:

"In erster Linie geht es mir darum, Sachen klar zu kriegen - ich nutz das so für mich ..."

... und sie sieht den Hype erstaunlich gelassen - als Chance:

"Ich denk', dass ich nur den Druck habe, den ich mir selber mache oder den ich selber zulasse. Also sehe ich alles mehr als: Ich hab' jetzt wahnsinnig viele Möglichkeiten, aber ich lasse mich nicht stressen damit."

An Möglichkeiten mangelt es wirklich nicht: Der Sänger Tim Bendzko nahm die Autorin mit auf seine Tour, wo sie im Vorprogramm slammte. Ihr Buch wird bald auch als Hörbuch erscheinen. Sie tritt mit ihrer Poesie nicht nur bei Poetry-Slams, sondern auch in Talkshows und bei Literaturfestivals auf. Was man ihr dabei stets ansieht ist, dass sie gern auf der Bühne steht. Schließlich ist Julia Engelmann auch Schauspielerin: schon mit 14 spielte sie in einem Musical mit, später in verschiedenen Theaterstücken und zwei Jahre lang auch in der RTL-Soap "Alles was zählt".

Mit 20 ist sie dort ausgestiegen - weil sie Psychologie studieren wollte. Sie sei "eine von diesen naiven Alltags- und Hobby-Psychologinnen", sagt sie:

"Das interessiert mich einfach von Haus aus - alles, was irgendwie mit Denken, Fühlen, Handeln zu tun hat: Warum ist das so - woher kommt das alles?"

Das zu ergründen, interessiere sie vor allem bei sich selbst. Und so gehe es ihr beim Schreiben immer auch darum, ihre eigenen Gedanken und Gefühle zu verstehen:

"Und warum ich das laut sage ist, weil bei vielen von diesen Themen über die ich schreibe, dass einfach manchmal zu wenig drüber gesprochen wird. Dass man sich Fragen stellt und nachdenklich ist und denkt oh mann ... ich find es irgendwie wichtig, dass das manchmal Leute laut sagen."

Julia Engelmann schreibt über Mut, Toleranz und Vertrauen ins Leben - aber auch über verpasste Chancen, Trennung und Einsamkeit:

"Manchmal hab ich das Gefühl, ich bin anders. Und allein. Keiner scheint mir ähnlich und keiner scheint mir nah zu sein. Und manchmal hab ich das Gefühl, niemand ist wie ich. Und ein Platz, an den ich passe, den gibt es einfach nicht."

Und sie spricht laut darüber, klar und unerschrocken - auch in ihrem neueren Text "Stille Wasser sind attraktiv". Auf Poetry-Slams, wo andere sich gern hinter Coolness oder Witzen verstecken, gibt sie plötzlich Privates von sich preis, reimt leichthin über ihre ganz persönlichen Belange: ihre Ängste, ihre Selbstzweifel, ihre Liebe.

"Und auf den ersten Blick bin ich vielleicht nicht so cool,
für manche vielleicht sogar langweilig,
aber ich hör Dir gern beim Reden zu,
und ich mag Deinen Klang,
weil ich Dich mag."

"Es geht nicht um Physik, sondern um Fantasie. Und vor allem geht's um was, viel mehr als um das wie. Danke schön!"

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