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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 06.01.2017

Platzmangel auf Friedhöfen in IsraelDie Grabsuche meiner Eltern

Von Igal Avidan

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Jüdischer Friedhof auf dem Olivenberg (dpa picture alliance/ Sebastien Nogier/IP3)
Jüdischer Friedhof auf dem Olivenberg (dpa picture alliance/ Sebastien Nogier/IP3)

Aus religionsgesetzlichen Gründen ist Juden nur eine Erdbestattung erlaubt und das für die Ewigkeit. In einem kleinen Land wie Israel schafft dies inzwischen echte Probleme. Igal Avidan hat mit seiner Mutter und deren Freundinnen über die schwierige Suche nach einem Grab gesprochen.

Es gibt Themen, die man in der Familie normalerweise verdrängt. Dazu gehören der Tod und die künftige Beerdigung. Weil meine Eltern darüber sprachen, nämlich einen Begräbnisplatz zu finden, und meine Mutter - ich nenne sie auf Hebräisch "Ima" - mir spontan von ihrem Besuch bei der Tel-Aviver Beerdigungsgesellschaft erzählte, bat ich sie um ein Interview. Meine erste Frage: Stell dich bitte vor.

"Ah, ich bin deine Mutter. In meinem Personalausweis steht 'Carmelia‘, weil der Beamte hier am Flughafen (gemeint ist die Einwanderung) den Namen 'Camelia‘ nicht kannte. Also schrieb er 'Carmelia Câldâraru‘. 'Camelia‘ ist der Name einer Blume. Unser Familienname ist ein rein rumänischer und bedeutet: 'Der Kesselmacher‘. Vaters Großvater hieß noch 'Kupferschmidt‘, aber der rumänische Beamte konnte mit diesem Namen nichts anfangen. Man sagte ihm, dass der Kesselmacher einen Sohn bekam. Also trug er als Familienname 'Câldâraru‘ ein."

Carmela ist 83 Jahre alt, Dan ist 81. Beide sind gesunde, aktive und vor allem gut organisierte Menschen. Wie die meisten Israelis sind sie säkulare Juden. Dennoch wollten sie die Frage ihrer künftigen Gräber bei der orthodoxen Beerdigungsgesellschaft "Chevra Kadischa" klären, die jüdische Beerdigungen auf kommunalen Friedhöfen durchführt. "Chevra Kadischa" ist Aramäisch für "wahre Güte", denn der Verstorbene kann die Gefälligkeit nicht mehr belohnen.

1964 neuer Friedhof in Holon eingeweiht, 1991 war er voll

Bis Anfang der 1990er Jahre wohnten meine Eltern in der Stadt Holon, zehn Kilometer südlich von Tel Aviv. Der dortige regionale Friedhof wurde 1964 eingeweiht, nachdem die beiden Tel Aviver Friedhöfe beinahe voll waren. Carmela erzählt:

"Meine Eltern starben schon vor langer Zeit. Vater Michael 1967, ein halbes Jahr bevor Mickey geboren wurde, der nach ihm benannt wurde. Mama Riva starb 1984. Papa ist daher im vorderen Teil des damals neuen Friedhofs in Holon begraben, meine Mutter irgendwo in der Mitte."

Die Eltern von Igal Avidan sind auf der Suche nach einem Friedhof. (Igal Avidan)Die Eltern von Igal Avidan sind auf der Suche nach einem Friedhof. (Igal Avidan)

Aus Platzmangel auf Holons Friedhof wurde 1991 der Friedhof Yarkon für die Bewohner im Großraum Tel Aviv eingeweiht. Meine Eltern zogen zwar inzwischen nach Tel Aviv, mussten aber nun fast eine Stunde zum neuen Friedhof fahren:

"Opa Leon und Oma Netti, Vaters Eltern, sind dort begraben, jeder von ihnen woanders, aber nicht weit voneinander, weil wir im Friedhof-Holon für sie keinen Platz mehr fanden. Natürlich haben sie normale Gräber."

Damit meint sie gewöhnliche, sogenannte "Feldgräber". Diese wurden in den letzten Jahren jedoch ein Problem, das man kurz so beschreiben kann: Land gegen ewigen Frieden.

Aus Platzmangel entstanden mehrstöckige Grabhäuser

Jährlich werden 35.000 Juden in Israel beigesetzt, ein Drittel von ihnen im Großraum Tel Aviv, wo auf sechs Friedhöfen keine Grabplätze zu bekommen sind. Würden alle Juden ihre letzte Ruhe in Feldgräbern finden wollen, bräuchte man jedes Jahr eine Fläche von drei Hektar dafür, das entspricht einem neuen Stadtviertel.

Daraufhin beschloss die israelische Regierung 1996 im Einklang mit dem staatlichen Oberrabbinat, die Gräber zu verdichten. Der neue Begriff "gesättigte Bestattung" entstand. Rabbiner erlaubten die ewige Ruhe in mehrstöckigen sogenannten "Grabhäusern", die wie Parkhäuser aussehen, in Nischen, und in zweistöckigen Familiengräbern.

Angesichts dieser Bandbreite an Beisetzungsmethoden mussten meine Eltern sich informieren. Ima fragte keinen Rabbi, sondern ihre gute Freundin Rely. Den neuen Friedhof Yarkon lehnte Rely strikt ab:

"Warst du schon mal auf dem Yarkon-Friedhof? Furchtbar! Warum? Es ist laut, man verkündet in Lautsprechern die nächsten Beerdigungen. Im Hochhaus fährt man mit dem Fahrstuhl zum passenden Stockwerk. Eine Freundin hat ihren Mann in einer Wandnische dort begraben. Sie sagte, die leere Schublade darunter sei ihre. Wenn man einmal im Jahr zum Grab kommt, gibt es nicht einmal Platz für eine Blume! Überall nur lauter Schubladen."

Mama schaute auch bei ihrer guten Freundin Mia nach, die sich für ein Begräbnis in einem Kibbutz entschieden hatte. Zum einen wollte Mia keinen Vertreter der orthodoxen Beerdigungsgesellschaft dabei haben, zum anderen eine individuell gestaltete Zeremonie in einem ruhigen Friedhof mit vielen Bäumen und Pflanzen, zur ausgewählten Musik und in einem Sarg. In Israel werden in der Regel nur Soldaten oder Staatsmänner wie zuletzt Shimon Peres in einem Sarg begraben:

"Wir suchten und fanden. Innerhalb von zwei Wochen stand alles fest. Nach der Suche im Internet rief ich zwei Kibbutzim an, deren Friedhofsplätze aber bereits vergeben waren. Ein anderer Kibbutz passte uns nicht. Kibbutz Chorashim hingegen gefiel uns sofort, weil man dort das Gefühl hat, sich in einem Garten zu bewegen. Der Kibbutz verwaltet den Friedhof zusammen mit einem Privatunternehmen."

25.000 Euro für einen Grabplatz im Kibbutz?

Die Stimmung bei der Beerdigung von Mias Ehemann Mishu war ausgezeichnet, bestätigt Ima. Sie fühlte sich wie in einem Hain. Aber umgerechnet 25.000 Euro für einen Grabplatz waren ihr einfach zu viel. Aus dem gleichen Grund lehnten meine Eltern die theoretische Beisetzung auf dem alten Friedhof von Tel Aviv, der mitten in der Stadt liegt, nur anderthalb Kilometer von ihrer Wohnung entfernt, ab. Dort ruhen zum Beispiel Israels Nationaldichter Chaim Nachman Bialik, der erste Bürgermeister Meir Dizengoff und der Schriftsteller Ephraim Kishon.

"Es lohnt sich nicht, dafür viel Geld auszugeben. Der Ort muss nicht unbedingt prominent sein, sondern nur sauber, ordentlich und für Besucher gut zugänglich. Es bringt keine Ehre, neben dem ersten Bürgermeister, dem Nationaldichter Bialik oder einem anderen Prominenten bestattet zu sein."

Die Einäscherung ist in Israels einzigem Krematorium selten, vor allem wegen der Shoah, aber auch weil das orthodoxe Judentum das ablehnt.

Meine Eltern wollten aber weder einen Hain, noch einen Sarg, weder eine Wandnische noch Musik und sicherlich keine Urne. Imponiert hat ihnen die Lösung, die Rely, Imas Freundin für ihren verstorbenen Mann Adi ausgesucht hatte: Sie ließ Adi über ihrem Vater beerdigen. Beide Gräber des sogenannten "Übergrabs" werden durch Steine und Erde voneinander getrennt. Beide Tote müssen aber nahe Verwandte sein. Fest entschlossen wandten sich meine Eltern an die benachbarte Tel Aviver Beerdigungsgesellschaft. Ima sagte, sie möchte in ihrem Elterngrab in Holon beerdigt werden:

"Ich bin Einzelkind. Das ist wichtig, damit keine Geschwister kommen würden, um ebenfalls einen Grabplatz über meinen Eltern zu fordern. Ich musste in einem Formular erklären, dass ich keine Geschwister habe, um diese Plätze zu bekommen, denn in Holon kann man nur zwei Menschen übereinander begraben, aber nicht drei. Wir vereinbarten, dass Vater über meinem Vater beigesetzt wird und ich über meiner Mutter."

Nun ist die lange Grabsuche zu Ende. Diese brachte auch folgende Erkenntnis: Manche Rabbiner meinen, dass, wer sich noch zu Lebzeiten um seinen Grabplatz kümmert, so wie Abraham, lange leben wird. Der Grund: Die jüdischen Gerechten haben keine Angst vor dem Tod, weil sie an die Wiederauferstehung glauben.

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Kaddisch - Gebet für die Verstorbenen - Spurensuche, Hommage, Schicksalsmelodie
(Deutschlandradio Kultur, Religionen, 24.01.2016)

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