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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 26.02.2012

Plastik aus nachwachsenden Rohstoffen

Zukunft der Biokunststoffe liegt im Wasser

Von Udo Pollmer

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Mais kann zu haltbaren Erzeugnissen verarbeitet werden oder zu Waren, die schnell verrotten.  (AP)
Mais kann zu haltbaren Erzeugnissen verarbeitet werden oder zu Waren, die schnell verrotten. (AP)

Jeder kennt sie: die kompostierbaren Müllbeutel, hergestellt aus nachwachsenden Rohstoffen. Plastik vom Acker und nicht mehr aus Erdöl. Speziell bei Verpackungen für Lebensmittel gewinnen diese Materialien zunehmend an Terrain.

Der Markt für Plastik aus nachwachsenden Rohstoffen wächst schnell. Die globale Produktion an Bioplastik soll letztes Jahr etwa eine Million Tonnen erreicht haben - als Alternative zu den bisher üblichen Kunststoffen aus Erdöl. Gerade für Verpackungen von Lebensmitteln sind diese Materialien interessant, obwohl sie teurer sind. Denn sie sorgen für eine ökologischere Anmutung. Speziell Limoflaschen aus PET enthalten immer öfter einen Anteil an Kunststoff aus Zuckerrohr. Bioplastik aus Maisstärke wird vor allem für Einwegbecher, Strohhalme, Obstnetze, Gemüseschalen und Müllbeutel verwendet. Das Spektrum wird von Jahr zu Jahr breiter.

Die Umwandlung von Maisstärke in Zucker, von Zucker in Bioethanol und von da in die wichtigsten Rohstoffe Polymilchsäure oder Polyhydroxybutyrat erledigen Mikroorganismen. Die Kleinstlebewesen lassen sich relativ leicht mittels Gentechnik zu nimmermüden Chemieproduzenten umbauen. Die weitere Verarbeitung unterscheidet sich logischerweise nicht von der klassischen Kunststoffchemie. Auch zur Herstellung von Bioplastik braucht man je nach Verfahren Katalysatoren, Lösungsmittel und viel Energie in Form von Hitze und Druck. Und damit das Endprodukt die vertrauten Eigenschaften aufweist, sind Zusätze wie Weichmacher, Antistatika oder UV-Stabilisatoren üblich.

Soweit die Herstellung. Doch auch beim Entsorgen kommt wenig Freude auf. Die meisten Menschen glauben, Bioplastik sei "biologisch abbaubar" im Gegensatz zum Erdölplastik. Das ist Unsinn. Egal ob Erdöl oder Mais, beides sind Naturprodukte, die man zu haltbaren Erzeugnissen verarbeiten kann - oder zu Waren, die schnell kaputt gehen, die verrotten. Das ist grundsätzlich nicht vom Rohstoff abhängig, sondern vom Verfahren.

Natürlich gibt es auch "biologisch abbaubare" Kunststoffe, aber auch die sind was anderes, als sich der brave Bürger vorzustellen geneigt ist. "Biologisch abbaubar" bedeutet nicht "kompostierbar". Biologischer Abbau heißt nur, dass sich das Material irgendwann in Kohlendioxid und Methan zersetzt. Die Bundesgütegemeinschaft Kompost e.V. warnt deshalb davor, Verpackungen aus nachwachsenden Rohstoffen in die Biotonne zu werfen. Über die Recyclingtonne kann man sie aber auch nicht entsorgen: Denn das Zeug stört beim Kunststoffrecyceln. Deshalb gehört das Ökoplastik in die Restmülltonne. Es wird verbrannt, so wie früher das Plastik aus Erdöl. Die berühmte thermische Verwertung.

Nicht nur Mais und Zuckerrohr - auch Milch und Molke dienen als nachwachsende Rohstoffe und lassen sich zu Kunststoff verarbeiten. Das Eiweiß wird versponnen, gewebt und daraus werden Designerklamotten geschneidert. Wäre es da nicht klüger, mit der Molke weiterhin Schweine zu mästen, statt damit eine ökologisch höchst fragwürdige Branche zu füttern: die Modeschöpfer, die nicht bessere Kleidung erfinden, sondern künstliche Nachfrage schaffen. Sie sind in meinen Augen ja nur Schöpfer der Wegwerfgesellschaft.

Die Ökobilanz der Biokunststoffe ist ernüchternd. Ihre Gewinnung erfordert reichlich Dünger, Pflanzenschutz, Ackerfläche und Energie. Im Mittel ist die Umweltbelastung durch Bioplastik aus nachwachsenden Rohstoffen etwa gleich groß wie aus Erdöl. Der wichtigste Effekt ist, dass damit Ackerfläche der Nahrungsproduktion entzogen wird. Das erhöht den Druck auf die Landwirtschaft, die Erträge weiter zu steigern; der Trend zu Öko zwingt die Landwirte auf der ganzen Welt zur Intensivierung.

Die Zukunft der Biokunststoffe liegt nicht auf dem Acker, sondern im Wasser. Dort leben Algen und die brauchen keine guten Böden, sondern lassen sich im Fermenter züchten. Allerdings ist dabei - wie beim Maisanbau - der Einsatz von Chemie unausweichlich: Denn auch sie benötigen Nährstoffe, sprich Dünger, und natürlich allerlei Pestizide, um sie vor Schadorganismen zu schützen. Letztlich sind die Ökobilanzen ein Nullsummenspiel. Mahlzeit!

Literatur

Hesselbarth K: Alternative oder Mogelpackung?
DLG-Mitteilungen 2012; H.2: 78-81
Tabone MD et al: Sustainability metrics: life cycle assessment and green design in polymers. Environmental Science & Technology 2010; 44: 8264-8269

Beier W: Biologisch abbaubare Kunststoffe
Umweltbundesamt Dessau-Roßlau 2009
Bader HJ: Nachwachsende Rohstoffe. FCI, Frankfurt/Main 2009

Hempel F et al: Microalgae as bioreactors for bioplastic production 2011 10: e81
Gachon CMM et al: Algal diseases: spotlight on a black box
Trends in Plant Sciences 2010; 15: 633-640

Dangaran K et al: Edible Films and Coatings for Food Applications
In: Embuscado ME, Huber KC (Hrsg) Structure and Function of Protein-Based Edible Films and Coatings
Springer, Dordrecht 2009, 25-56

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