Seit 11:07 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 11:07 Uhr Tonart
 
 

Tonart | Beitrag vom 25.01.2017

Plastic People of the UniverseDie Band, die vor 40 Jahren die ČSSR erschütterte

Von Bernd Gürtler

Beitrag hören
Eva Turnova und Vratislav Brabenec von der legendären tschechischen Undergroundband The Plastic People of the Universe spielen am 15.5.2012 bei einem Benefizkonzert für die russische Punkrockband Pussy Riot in Prag. (picture alliance / dpa / Katerina Sulova / CTK)
Eva Turnova und Vratislav Brabenec von der legendären tschechischen Undergroundband The Plastic People of the Universe bei einem Auftritt in Prag (picture alliance / dpa / Katerina Sulova / CTK)

Freigeister, Individualisten, Underground: Die Musiker der Plastic People of the Universe gerieten vor 40 Jahren ins Visier der tschechoslowakischen Staatsmacht. Haftstrafen gegen die Bandmitglieder veranlassten damals Václav Havel, die Petition Charta 77 zu verfassen.

Sie sind die Undergroundband des ehemaligen Ostblocks, gegründet 1968 in Prag, als Truppen der Warschauer Pakt-Staaten den Prager Frühling zerschlagen, diesen zarten Ansatz eines demokratischen Sozialismus. Aber bitte keine voreiligen Schlüsse ziehen, ermahnt Langzeitmitglied Vratislav Brabenec, die beiden Ereignisse sind zwei verschiedene Paar Schuhe:

"Es bestand keinerlei Verbindung zum Truppeneinmarsch im August 1968 oder sonst zum Prager Frühling. Wir wollten unabhängig sein, uns selbst ausdrücken. Deshalb hassten sie uns. Wir ignorierten das System, die politischen Verhältnisse generell."

Sie halten es mit den Doors, mit Jimi Hendrix, mit Lou Reed und Velvet Underground, deren Songs sie am Anfang covern. Oder mit Frank Zappa, nach dessen Song "Plastic People" die Band benannt ist.

Den Zorn des Systems auf sich gezogen

Die Plastic People of the Universe sind Freigeister, Individualisten. Das reicht in einer auf Kollektivismus ausgerichteten sozialistischen Gesellschaftsform, den Zorn des Systems auf sich zu ziehen.

Auftrittsverbote sind eher noch harmlose Repressalien. Nach einem Rockfestival 1976 außerhalb von Prag verhaftet die Polizei mehr als einhundert Festivalbesucher und 27 Musiker. Es kommt zum Prozess, mehrere Freiheitsstrafen von bis zu achtzehn Monaten werden verhängt, Vratislav Brabenec kommt mit acht Monaten davon. Unter den Prozessbeobachtern, Václav Havel. Der Theaterdramaturg und spätere Staatspräsident der Tschechischen Republik und die Plastic People kannten sich da schon.

"1976 wurde ich in Václav Havels Sommerhaus am Fuß des Riesengebirges eingeladen. Wir diskutierten über Politik, Kultur, Philosophie und wurden Freunde. Er war ungeheuer wichtig für uns, für die Kultur der 60er-Jahre. Ich kannte seine Stücke, seine Bücher."

Ein Anlass für die Charta 77

Das rigorose Vorgehen der Staatsmacht gegen den Rockunderground sorgt für Prostest im In- und Ausland und lässt Václav Havel die Charta 77 verfassen. Er fand, die Plastic People verkörperten das "dem Leben innewohnende Verlangen, sich frei auf seine ureigene Weise zu äußern". Was eine sehr genaue Beschreibung dessen ist, was sowohl die Demokratie als auch den Geist des Rock'n'Roll ausmacht. Vratislav Brabeneces sarkastischer Kommentar lässt ungefähr seine Enttäuschung erahnen über das, was danach kam:

"Bestimmt bin ich derjenige gewesen, der die Charta 77 als Erster aus der Band unterzeichnet hat. Da habe ich mich für sowas Dummes wie Menschenrechte engagiert. Na gut, ich scherze."

Einmal Underground, immer Underground

Vratislav Brabenec wird 1982 des Landes verwiesen und emigriert nach Kanada. Nach dem Tschechischen Wendeherbst von 1989 kehrt er zurück und muss feststellen, Geschichte wiederholt sich doch:

"Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte jeder aus dem Böhmisch-Mährischen Protektorat ein Partisan gewesen sein. Die Wahrheit ist, die meisten Tschechen sind Kollaborateure der Nazis gewesen. Nach der Samtenen Revolution wollte jeder ein Untergrundkämpfer gewesen sein. Tatsache ist, 99,9 Prozent arbeiteten dem kommunistischen Regime in die Hände. Man kann es nicht oft genug erwähnen."

Mit den neuen Verhältnissen gehen die Plastic People genauso wenig auf Kuschelkurs. Einmal Underground, immer Underground, was auch etwas Tragisches hat. Bis heute wird die Band mehr für ihre Haltung als wegen ihrer Kunst geschätzt. Immerhin, die Plastic People geben dem Rock eine tschechische Note.

Die Macht der Machtlosen – Das Erbe der Charta 77: Anlässlich einer Podiumsdikussion im Tschechischen Zentrum kommen The Plastic People of the Universe am 25.1.2017 zum ersten Mal nach zehn Jahren wieder nach Berlin, um ein Konzert zu spielen.

Mehr zum Thema

Václav Havel - Vom Dissidenten zum Staatspräsidenten
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 15.11.2014)

Prager Frühling - Querdenker in vielen Genres
(Deutschlandradio Kultur, Kalenderblatt, 24.9.2014)

Weg zur Freundschaft mit Tschechien und der Slowakei
(Deutschlandradio Kultur, Kalenderblatt, 27.2.2012)

Tonart

Cody ChesnuttAnleitung zum Gutsein
Cody Chesnutt in Aktion, hier auf dem North Sea Jazz Festival in Rotterdam (picture alliance / dpa / Paul Bergen)

"Anything can happen, when the music is good" - mit dieser Beschwörung beginnt das neue Album von Cody Chesnutt. Und das legt Zeugnis ab von seiner spirituellen Berufung. Der Soulmusiker will seine Hörer anregen, sich für eine höhere Sache zu engagieren. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur