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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.02.2009

Plädoyer für die soziale Gerechtigkeit

Robert Misik: "Politik der Paranoia", Aufbau Verlag 2009, 202 Seiten

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Lebensmittelverteilung an Bedürftige in München (AP)
Lebensmittelverteilung an Bedürftige in München (AP)

Sie fordern einen Rückzug des Staates, verlangen die Deregulierung der Märkte, sehen im Sozialstaat eine Belohnung der Faulen und warnen vor dem Zerfall der Familie. Die neuen Konservativen sind seit Jahren auf dem Vormarsch. Robert Misik entlarvt in "Politik der Paranoia" die Widersprüche der Konservativen und stellt eine Politik der sozialen Gerechtigkeit dagegen.

Sie sind für die absolute Freiheit der Wirtschaft und des Privateigentums, aber gegen die Freiheit von Homosexuellen oder Frauen; sie sind für die gute alte Großfamilie, aber gegen die zeitgenössische türkische Großfamilie; sie sind grundsätzlich für die Rückkehr zu religiösen Werten, aber gegen islamische Werte; sie sind gegen einen starken Staat, aber für militärische Interventionen. Was in den letzten Jahren alles als "rechte", "konservative" oder "neukonservative", Politik aufgetreten ist, manchmal im gemäßigten Tonfall, oft auch etwas aufgeregter, ist sichtlich weder einheitlich noch widerspruchfrei.

Den Widersprüchen und Fallstricken konservativer Politik und Polemik ist das neue Buch von Robert Misik "Politik der Paranoia. Gegen die neuen Konservativen" gewidmet. Der österreichische Journalist, der sich schon häufiger mit linker Kritik ("Genial dagegen. Kritisches Denken von Marx bis Michael Moore") und weltanschaulichen Themen ("Das Kultbuch. Glanz und Elend der Kommerzkultur") befasst hat, geht der nicht ganz simplen Frage nach, wie sich die beträchtlichen weltanschaulichen Differenzen zwischen Links und Rechts beschreiben lassen. Er bezieht sich dabei vor allem auf die deutschsprachige und die amerikanische Debatte, und analysiert Wortmeldungen in großer Bandbreite –von extremen Krawall-Polemikern wie der amerikanischen Publizistin Ann Coulter bis hin zu seriösen Denkern wie dem Philosophen Robert Nozick.

Der Kapitalismus bringt, so Misik, eine hedonistische Konsumkultur hervor, die im Widerspruch zu seinen ursprünglichen Werten von Fleiß, Pflicht und Beharrlichkeit steht – ein Widerspruch der modernen Welt, mit dem sich der neue Konservatismus sichtlich abmüht. "Neu" ist dieser Konservatismus, weil es ihm, wie Misik überzeugend darlegt, ums Bewahren von Althergebrachtem schon längst nicht mehr gehen kann – das Althergebrachte ist bereits verändert, dynamisiert, verwandelt. Neuer Konservatismus spricht deshalb auch von einer Rückkehr zu alten Werten, denn die Welt ist nicht mehr die alte. Der zeitgenössische Konservatismus muss also als Reaktion auf die Moderne verstanden werden – auf die säkulare, liberale Gesellschaft, die sich im Westen überall mehr oder weniger durchgesetzt hat.

Dennoch sind die politischen Ideale zwischen Links und Rechts himmelweit verschieden. Misik zeigt das unter anderem an den zentralen Begriffen der "Werte" und der "Freiheit". Wie er überzeugend darlegt, haben konservative Denker weder mehr noch bessere Werte als progressive: Während die linksliberale Seite eher Werte wie Respekt, Achtung, Fairness und Gleichbehandlung für wichtig hält, sind die konservativen Werte eher auf bestimmte erwünschte Gesellschaftsformen ausgerichtet und meist weitaus weniger toleranter Natur. Trotzdem machen viele konservative Geister, etwa der Papst, mit Stichworten wie "Relativismus" und "Wertezerfall" die progressive Seite der Gesellschaft für alle Übel der Welt verantwortlich.

Für ganz fundamental hält Misik auch die unterschiedliche Auffassung des Begriffs der Gleichheit: "Tatsächlich kann man den Aufstieg der neuen Konservativen nicht verstehen, wenn man ihn nicht als Angriff auf das Gleichheitsideal deutet." Der tiefste Kern des Mentalitätsunterschiedes zwischen Rechts und Links liege darin, dass konservatives Denken Ungleichheit und Hierarchien bejahe und an für ihre progressiven Mitmenschen zweifelhafte Kriterien binde, etwa das männliche Geschlecht oder die wirtschaftliche Elite; linkes Denken sei dagegen am Ideal der Gleichheit ausgerichtet.

Neben solchen philosophischen Grundfragen behandelt Misik auch kenntnisreich die Geschichte des konservativen Denkens im 20. Jahrhundert; er geht auf die Fetischierung des Unternehmers als Held des Kapitalismus ein, erläutert unterschiedliche ökonomische Theorien und macht Anmerkungen zur Ästhetik des neu-bürgerliches Spießertums.

All dies ist weitgehend überzeugend und erhellend, wenn auch an manchen Stellen etwas redundant. Dass Misik beherzt für die von ihm als richtig angesehene progressive Denkweise spricht, kann man ihm kaum vorwerfen und sein Werk ist nicht halb so polemisch, wie es der Titel annehmen lassen könnte. Wer stramm auf der anderen Seite des Grabens steht, wird von diesem Buch nicht überzeugt werden können, aber für die gemäßigte Mitte werden doch viele gute Argumente angeführt. Dass ein expliziter Linker wie Misik sich außerdem begeistert zum wahrhaftig nicht sehr linken US-Präsidenten Barack Obama bekennt, spricht diesbezüglich Bände.

Rezensiert von Catherine Newmark

Robert Misik: Politik der Paranoia. Gegen die neuen Konservativen
Aufbau Verlag, Berlin 2009
202 Seiten, 17,95 Euro

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