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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.03.2012

Pilotin und Gräfin

Thomas Medicus: "Melitta von Stauffenberg - Ein deutsches Leben", Rowohlt, Berlin 2012, 416 Seiten

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Biograf Medicus: "Sie fürchtete weder um Leib noch Leben."  (Stock.XCHNG / luc sesselle)
Biograf Medicus: "Sie fürchtete weder um Leib noch Leben." (Stock.XCHNG / luc sesselle)

Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg war Tochter eines jüdischen Baurats und Schwägerin des Hitler-Attentäters Oberst Stauffenberg. Dennoch testete sie für die Nazis Kampfflugzeuge. Thomas Medicus beschreibt das Leben einer widerspruchsvollen Flugkapitänin.

Zum Mittagessen, wir schreiben den 28. Januar 1943, gibt es "Fisch, Topfenpfannkuchen und leichten Tischwein". In der Villa von Reichsmarschall und Luftfahrtminister Hermann Göring wird dabei munter über die Diät des Hausherren geplaudert und über die frische Kiefernoperation der Gattin Emmy. Ehrengast: Frau Flugkapitän (seit 1937), Diplom-Ingenieurin (seit 1927) Melitta Schenk Gräfin (seit 1937) von Stauffenberg, die vor dem Mittagessen aus der Hand Görings das Eiserne Kreuz II. Klasse überreicht bekam. Das Goldene Militärfliegerabzeichen mit Brillanten und Rubinen war da noch bei den Juwelieren in Arbeit.

Später, nach dem 20. Juli 1944, wird sie sich nur noch "Gräfin Schenk" nennen dürfen – als ihre Schwager Claus und Berthold Stauffenberg von den Nazis ermordet und deren Frauen und Kinder in "Sippenhaft" genommen worden waren. Während sie, nach kurzer Haft und unter der schützenden Hand Görings, unermüdlich ihre lebensgefährlichen Testflüge mit Kampfflugzeugen zugunsten der Kriegsfähigkeit der großdeutschen Luftwaffe fortsetzt, aber auch gelegentlich über dem KZ Buchenwald kreist, in dem ihr Mann Alexander einsitzt. Die Ingenieurpilotin Dr. Gräfin Schenk, der "Sturzflug-Junkie", wie ihr Biograf Thomas Medicus sie nennt, die "erste Sturzkampftestfliegerin des Dritten Reiches" und "jüdischer Mischling ersten Grades", der zum sogenannten "Ehrenarier" erklärt worden war.

Diese Frau – "ein" deutsches Leben? Selten führt der Untertitel eines Buches mehr in die Irre. Melitta von Stauffenberg: seit 1937 Gattin des Althistorikers Alexander, der als Einziger der drei Stauffenberg-Brüder die Nazi-Zeit überleben sollte, 1903 als Tochter eines Beamten aus einer jüdischen Pelzhändlerfamilie, der zum evangelischen Glauben übergetreten war, und einer "protestantischen Schulratstochter" geboren.

In München studierte "Litta" Mathematik, Physik und Flugmechanik, verlor Herz und Hirn an die junge, avantgardistische Luftfahrt. Und mit der hatten es auch die Nazis, die die Luftwaffe für ihren Krieg aufrüsteten. "Der totalitäre Staat bot Melitta die Gelegenheit, zur totalen Ingenieurpilotin zu werden", schreibt Thomas Medicus über die für die Rüstungsindustrie "unverzichtbare fliegende Amazone", die Navigations- und Steuerungssysteme entwickelte und Sturzflugvisiere für Bombenabwürfe testete.

Mehr als 2000 "kriegswichtige" und lebensgefährliche Sturzflüge hat sie insgesamt absolviert: "Mit vierzig Jahren glich Melitta einer alten Frau." Göring persönlich hatte geholfen, damit das Reichssippenamt sie 1941 für "deutschblütig" erklärte, als "arischen" Personen "Gleichgestellte". 10.000 Deutsche mit jüdischen Wurzeln haben zwischen 1935 und 1941 entsprechende Anträge gestellt, knapp 300 mit Erfolg. Melitta Stauffenberg wurde "Sympathiewerberin für den NS-Staat".

Die Loyalität endete nach dem 20. Juli 1944. Da war sie kurz in Haft, aber dann doch als tollkühne Fliegerin zu wichtig für den Krieg und wurde freigelassen – und sorgte sich nun um die Stauffenbergschen "Sippenhäftlinge", besuchte sie in den Konzentrationslagern, feierte Weihnachten mit den Kindern, die in ein Heim im Harz verschleppt worden waren. Und wie immer: "Ihr Einsatz war total, sie fürchtete weder um Leib noch Leben."

Mit dem Attentat ihres Schwagers Claus hatte sie "nichts zu tun", schreibt Thomas Medicus und widerlegt plausibel anderslautende Darstellungen, die bislang durch die Widerstandsliteratur geisterten. Er tut das unaufgeregt, reiht Fakten an Indizien. Und er beschreibt die letzten Monate dieser Frau, deren Flugzeug am 8. April 1945 von einem amerikanischen Jagdflugzeug unweit des bayerischen Straubing abgeschossen wurde. Medicus beschreibt die "Rätselfrau", "die nervöse Unrast einer extremen Persönlichkeit", fesselnd und um Fassung bemüht. "Ein verwirrendes, an Unwahrscheinlichkeiten reiches Leben, in dem vieles vereinbar ist, was auf den ersten Blick unvereinbar scheint."

Vieles – aber eben nicht alles. Eine Frau und wie viele Leben?

Besprochen von Klaus Pokatzky

Thomas Medicus, Melitta von Stauffenberg. Ein deutsches Leben.
Rowohlt, Berlin 2012,
416 Seiten, 22,95 Euro

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