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Sein und Streit | Beitrag vom 01.04.2018

Philosophischer WochenkommentarWarum die Religionen mehr eint als trennt

Von Georg Bertram

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Die Heiligen Isaac, Abraham und Jakob – Fresko in der Orthodoxen Felsenkirche Abuna Yemata Guh in Äthiopien. (ImageBroker / GuenterxFischer)
Die monotheistischen Religionen bezeichnen Abraham als ihren Stammvater: Ein Fresko mit Isaac, Abraham und Jakob in der Orthodoxen Felsenkirche Abuna Yemata Guh in Äthiopien. (ImageBroker / GuenterxFischer)

Religionen seien wie Kinder eines gemeinsamen Vaters, heißt es bei "Nathan der Weise". Ähnlich argumentiert Georg Bertram: Die verschiedenen Religionen erinnerten uns daran, dass unsere Existenz im Letzten unergründlich ist. Religionen gegeneinander auszuspielen, sei deshalb falsch.

Ostern, eine neu aufgelegte Islamdebatte und Antisemtismus verschiedener Abkunft – all dies konfrontiert uns letztlich mit der Frage, welche Bedeutung Religion für uns heute hat. Nun mag man sich wundern, dass ausgerechnet die Philosophie etwas zur Bedeutung von Religionen sagen will. Stammt nicht unter anderem von einem Philosophen das Diktum, Religion sei Opium fürs Volk? Und waren es nicht Philosophen, die über viele Jahrhunderte immer wieder den Eindruck erweckt haben, Religionen seien ein historisches Relikt?

Ja, es ist richtig: die Philosophie ist mit der Religion nicht ganz im Reinen. Das hindert sie aber nicht daran einzusehen, dass Religionen für uns Menschen und für die Gesellschaften, in denen wir leben, wichtig sind. So hat es zuletzt eine regelrechte Renaissance der Religions-Verteidigung in der Philosophie gegeben. Nicht zuletzt Jürgen Habermas hat – wie ehedem Immanuel Kant – für die Vereinbarkeit von Glauben und Vernunft argumentiert. Und mehr noch schreibt er Religionen eine wichtige Rolle für das Funktionieren von Gesellschaften zu.

Warum? Religionen sind für uns relevant – ganz unabhängig davon, ob wir ihnen angehören oder nicht. Sie erinnern uns alle daran, dass unsere existenzielle Situation für uns im Letzten unergründlich ist, dass wir nicht wissen, woher wir gekommen sind und wohin wir gehen werden. Diese Frage können auch Atheisten nicht abschließend beantworten.

Ist jeder seines Glückes Schmied?

Dass eine solche Erinnerung wichtig ist, zeigt sich besonders dort, wo Menschen sich ganz auf sich selbst verlassen wollen. Sowohl in Form steter technischer Optimierung als auch in Form technokratisch organisierter Gesellschaften sind wir immer wieder von der Vorstellung geleitet, wir Menschen könnten alles, was uns betrifft, selbst in die Hand nehmen. Religionen haben grundsätzlich die Bedeutung, uns bewusst zu machen, dass dies zum Scheitern verurteilt ist. Unsere existenzielle Situation wird für uns immer unergründlich bleiben.

Nun mag man einwenden, dass eine solcherlei kosmische Perspektive mit Blick auf die Erfordernisse unseres Alltags keine Bedeutung hat. Sind wir auf Erden nicht doch einfach unseres Glückes Schmied? Es ist zweifelsohne richtig, dass uns nichts Anderes bleibt, als uns nach Kräften darum zu bemühen, die Welt möglichst gut einzurichten. Die Vorstellung aber, wir könnten das durch umfassende Kontrolle leisten, führt uns in die Irre – und hat, wie die Geschichte uns lehrt, katastrophische Folgen. Das betrifft vor allem auch unser Verhältnis zu anderen Menschen.

Von Religionen ist – wie nicht zuletzt Hannah Arendt sagt – zu lernen, dass wir Andere in ihrer Einzigartigkeit respektieren und schützen müssen. Sie sind uns genauso unverfügbar wie die Kultur, in die wir hineingeboren sind. In dieser Weise hat unsere existenzielle Situation wichtige praktische Konsequenzen für uns.

Gehört der Islam zu Deutschland?

Zwar erschöpfen Religionen sich bei weitem nicht in einer Botschaft dieser Art; aber sie steht doch in ihrem Zentrum. In allen Religionen werden Feste gefeiert, in denen wir unserer Unergründlichkeit gedenken – Feste wie das christliche Osterfest.

In Lessings Theaterstück "Nathan der Weise" wird eine berühmte Parabel erzählt: Religionen seien wie Kinder eines gemeinsamen Vaters, der diese alle in gleicher Weise liebt. Religionen haben, so können wir das übersetzen, ein gemeinsames Anliegen. Gehört der Islam also zu Deutschland? Und was sollen wir zu antisemitischen Vorfällen sagen? Wir sollten dazu sagen, dass man Religionen missversteht, wenn man sie gegeneinander ausspielt. In ihrer Bedeutung für uns hängen sie von Grund auf zusammen.

Georg Bertram ist Professor für Ästhetik und theoretische Philosophie am der Freien Universität Berlin.

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