Seit 14:05 Uhr Kompressor
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 14:05 Uhr Kompressor
 
 

Sein und Streit | Beitrag vom 16.07.2017

Philosoph Wilhelm Schmid Wofür es sich zu leben lohnt

Moderation: Svenja Flaßpöhler

Beitrag hören Podcast abonnieren
Der Philosoph Wilhelm Schmid am 24.08.2016 in Berlin (picture alliance / dpa / Paul Zinken)
Der Philosoph Wilhelm Schmid am 24.08.2016 in Berlin (picture alliance / dpa / Paul Zinken)

Wilhelm Schmid hat zehn Jahre lang als philosophischer Seelsorger mit Patienten über deren Leben nachgedacht. Svenja Flaßpöhler hat mit dem Philosophen über seine Erfahrungen und Erkenntnisse jener Jahre gesprochen.

Gefragt nach seinem Weg in die Philosophie antwortet Wilhelm Schmid, er sei im Grunde ein Bildungsverweigerer gewesen, habe nicht rausgewollt aus seinem Dorf. Irgendwann ist er aber doch aufgebrochen, zum Studieren nach Augsburg in den 1970er-Jahren, einer Zeit der freien Liebe und wechselnden Partner, was ihn, so Schmid, in tiefe Krisen gestürzt habe. Unglückliche Beziehungen habe er am laufenden Band gehabt, weshalb er sich tiefer mit dem Phänomen der Liebe beschäftigen wollte. In dieser Phase hat Schmid die Philosophie entdeckt, und zwar in einem Buchladen in Berlin, dem "Scheißladen", so hieß das Geschäft. Dort sei er auf Michel Foucaults Buch "Der Wille zum Wissen" gestoßen, ein für Schmids Werdegang zentrales Buch.

Ich oder Du - wer ist wichtiger in meinem Leben?

Im Krankenhaus sei oft die Frage aufgetaucht, welchen Stellenwert das eigene Ich im Leben hat beziehunsgweise haben sollte. Wer ist wichtiger: ich selbst oder die anderen? Schmid hat eine klare Position: Die anderen sind wichtiger, denn nur, wenn die anderen glücklich sind, kann auch ich glücklich sein. Der Narzisst schade folglich letztlich sich selbst, Trump sei hierfür das beste Beispiel, meint Schmid.


Selbstverständlich gebe es schwierige Situationen, in denen das eigene Glück dem Glück der anderen unversöhnlich gegenüber stehe, etwa in einer gescheiterten Liebe. Die moderne Gesellschaft habe hier, beklagt Schmid, einen wenig hilfreichen Ratschlag: Geh! Such dir eine nächste Beziehung, und wenn die nicht klappt, wieder eine nächste... Bei aufgeklärten Menschen jedoch sollte die Einsicht wachsen, dass dieser Weg nicht zielführend ist: "Vielleicht muss ich auch ein bisschen was aushalten."

Verliebte Menschen fragen nicht nach Sinn, sie spüren ihn.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens sei in seiner Zeit als Krankenhausseelsorger immer wieder gestellt worden. Die Frage sei verunsichernd und werde in unserer Gesellschaft durch eine allzugroße Fixierung auf das Glück verstellt. Sinn, so Schmid, habe fundamental mit Beziehungen zu tun. Verliebte Menschen fragen nicht nach Sinn, sie spüren ihn. Um Sinn zu empfinden, müssen wir uns also Beziehungen suchen und diese dann pflegen. 

Schmid ist zutiefst davon überzeugt, dass das Leben einen Sinn hat und alles miteinander im Zusammenhang steht. Die Natur sei das beste Beispiel. Vom Existenzialismus, der von einer fundamentalen Sinnlosigkeit ausgegangen sei, hält er nichts. Dennoch könne man letztlich natürlich nicht mit Gewissheit sagen, dass alles einen Sinn habe, weil man für diese Aussage einen Überblick brauche, den der Mensch naturgemäß nicht habe.

Den roten Faden im Erzählen finden

Um das eigene Leben als sinnhaft zu empfinden, sei es wesentlich, den roten Faden des Lebens im Erzählen zu finden. Geschichten stiften Sinn. Wer sich eine Geschichte über das eigene Leben erzählt, erzeugt Lebenssinn. Gewiss sei es immer möglich, dass ein Mensch sich mit seiner Geschichte selbst täusche. Selbsttäuschung sei aber nicht an sich schlimm, sondern nur misslich, wenn sie so groß werde, dass sie den Menschen am Leben hindere. Dann müssen die Illusionen wieder auf ein gesundes Maß gebracht werden, so Schmid.

Mehr zum Thema

Philosoph Wilhelm Schmid - "Glück ist nur ein Wort"
(Deutschlandfunk, Kulturfragen, 31.12.2016)

Sinnvolle Lebensführung - Muße muss sein
(Deutschlandfunk Kultur, Sein und Streit, 21.08.2016)

Die ganze Sendung - Wie wir alle etwas gelassener werden
(Deutschlandfunk Kultur, Sein und Streit, 04.01.2015)

Religionen

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur