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Sein und Streit | Beitrag vom 14.01.2018

Philosoph Gernot BöhmeWas ist "Gut-Mensch-Sein"?

Moderation: Stephanie Rohde

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Menschen in der Fußgängerzone Ludgeristraße in Münster. (imago / Rüdiger Wölk)
Sich bemühen, eine gemeinsame Welt mit anderen aufzubauen, in Diskurse eintreten und damit rechnen, das andere anderer Meinung sind - zwei Punkte in Böhmes Konzept "Gut-Mensch-Sein" (imago / Rüdiger Wölk)

Nicht um die Qualitäten des Gutmenschen geht es dem Philosophen Gernot Böhme, sondern darum, wie man das Menschsein gut vollziehen kann. Die Allgegenwart der Technik stehe diesem "Gut-Mensch-Sein" entgegen. Böhme empfiehlt: direkten Austausch und In-sich-hinein-spüren.

In seinem jüngsten Buch beschäftigt sich der Philosoph Gernot Böhme mit der Frage danach, wie man "gut Mensch sein" kann: Eine Wendung, die er dezidiert von der klassischen philosophischen Frage danach, wie man ein "guter Mensch" sei und erst recht vom polemischen Begriff des "Gutmenschen" unterschieden wissen will. Anders als die – zu Unrecht diffamierten – "Gutmenschen", die "aus dem Bauch heraus das Gute" täten, gehe es ihm um eine philosophisch reflektierte Praxis. "Das 'gut' bezieht sich bei mir auf das Sein und nicht auf die ethischen Qualitäten des Menschen. Es geht um den Vollzug des 'Menschseins'". Darin sieht Böhme eine permanente Aufgabe und einen nie abgeschlossenen Prozess.

"Menschsein" kennt keine Bedingungen

Entscheidend sei, "dass wir von Geburt an Mensch sind, ganz egal, wie wir uns verhalten und mit welchen Kompetenzen wir aufwachsen." Aus ethischer Sicht sei das außerordentlich wichtig, weil jedes Ideal des Menschseins automatisch Ausschlüsse produziere: "Wenn man irgendwelche Kompetenzen voraussetzen würde, dann würden mindestens Komapatienten oder Schwerbehinderte aus dem Bereich der Menschenwürde herausfallen." Vor diesem Hintergrund stelle sich dann bloß die Frage, "ob man dieses Menschsein, dass man faktisch nun einmal hat, mehr oder weniger gut vollzieht."

Nicht zuletzt vor dem Hintergrund langjähriger Japan-Aufenthalte und einer genauen Kenntnis der dortigen Kultur, weist Böhme die Auffassung zurück, es gebe etwas, das allen Vorstellungen vom Menschen gemein sei. Im Gegenteil berge der Versuch, ein solches "Wesen des Menschen" allgemein festzulegen oder universale Kriterien zu bestimmen, die bereits benannte Gefahr, "dass wenn jemand dem gegenüber zurückbleibt, er nicht mehr im vollen Sinne Mensch ist."

Böhme vergleicht das mit der Ideenlehre Platons: Dieser zufolge orientiere sich der Schreiner beim Bauen eines Bettes an einer höheren "Idee des Bettes", der er mehr oder weniger gut gerecht werde – was im Extremfall heiße, dass sein Erzeugnis nicht mehr als Bett gelte. "Und das könnte eben auch sehr leicht passieren, wenn man das Menschsein an einem Ideal orientiert, so dass man von da aus sehr leicht in den Gedanken des 'Untermenschen' hineinfällt."

Technik beschränkt die menschliche Entfaltung

Erschwert werde ein ganzheitlicher Vollzug des Menschsein, aus Böhmes Sicht, durch die Technik: "Die technische Zivilisation ist – neben Konsumgesellschaft und Leistungsgesellschaft – eine der Randbedingungen des Menschseins heute, der condition humaine, sofern sie eben von außen bestimmt ist." Ein Beispiel dafür sieht Böhme in der zwischenmenschlichen Kommunikation, die heute meist technisch vermittelt sei. Durch diese äußere Bestimmung und Beschränkung führten die technischen Rahmenbedingungen im Allgemeinen zu einer "mageren, unentfalteten Form" des Menschseins.

Dagegen wendet sich Böhme, auch im Rahmen seines Darmstädter Instituts für praktische Philosophie, mit verschiedenen "Übungen zum Gut-Mensch-Sein", die darauf setzten, der Tendenz zur "Telematisierung der Kommunikation" einen direkten Austausch und "leibliche Anwesenheit" entgegenzusetzen.

Gegenüber den gegenwärtigen Versuchen einer Verbesserung des Menschen – auch bekannt als "human enhancement" – zeigt sich Böhme, im Anschluss auch an Herbert Marcuse skeptisch: Diese Verbesserungsversuche setzten immer schon bei einem "depravierten, dem verkümmerten Menschen, dem 'eindimensionalen Menschen'" an, insofern das Menschsein hier auf bestimmte Fähigkeiten und Leistungen reduziert werde. Das müsse notwendig dazu führen, dass der betreffende Mensch "auch eindimensional verbessert wird, auf bestimmte Leistungskompetenzen hin." Dem hält Böhme sein Konzept eines ganzheitlichen Vollzugs des Menschsein entgegen.

Für eine Selbsterfahrung der "Leiblichkeit"

Zentral für diese Gegenüberstellung hält Böhme auch die Unterscheidung zwischen "Körper" und "Leib": Während der "Körper" immer schon den Blick von außen impliziert, den "Organismus", die objektiv-wissenschaftliche Einteilung, bezeichne die "Leiblichkeit" unsere innere Selbstwahrnehmung. "Leider ist es so, dass in unserer Gegenwart die meisten Menschen, wenn sie an ihre eigene Natur denken, sich als Organismus und als 'Körper', nicht als 'Leib' denken, das heißt, sich daran orientieren, was andere an ihnen sehen – also unsere Natur im Auge des Naturwissenschaftlers, nicht wie wir sie selbst erfahren." Das führe dazu, dass auch die Verbesserungsversuche immer von unserer Erscheinung "für andere" ausgehe statt von der Selbsterfahrung.

Diese Selbsterfahrung müsse man erst wieder neu erlernen, etwa durch verschiedene Übungen, von denen Böhme unter anderem das sogenannte autogene Training als Beispiel anführt, "wo man in seinen Leib hineinspürt" und durch gerichtete Konzentration auf einen bestimmten Körperteil etwa auch dessen Temperatur erhöhen könne. Dieses innere Spüren sei eine "subjektive Tatsache", also nur uns selbst zugänglich. "Diese Erfahrung von innen macht uns mit unserer eigenen Natur in ganz anderer Weise vertraut."

Wichtig sei diese andere Selbstwahrnehmung auch deshalb, weil sie uns für die eigenwilligen Regungen unseres Leibs sensibilisiere, die wir dann anerkennen könnten, statt sie sofort als befremdliches Krankheitssymptom einzustufen. In dieser Hinsicht seien wir "nicht Herren im eigenen Hause, sondern aus der eigenen Leiblichkeit steigen von selbst Empfindungen auf", weil der Leib eben immer auch "Natur" sei.

Ein "Gut-Mensch-sein" ergebe sich eben nicht aus einem Ideal, sondern gerade aus dieser leiblichen Selbsterfahrung beziehungsweise aus der Erfahrung ihres Mangels: "Man spürt, dass hier einem etwas entgeht" – nämlich, "eine adäquate Erfahrung von uns selbst". Als Beispiel für die existentielle Dimension dieses leiblichen Zugangs zu sich selbst nennt Böhme die heute eher juristisch definierte Figur des "mündigen Patienten": Um wahrhaft mündig und ernsthaft etwa über eine lebensverändernde Therapie oder Operation zu entscheiden, müsse man "erstmal in sich selbst zu Hause sein, man muss ein Gefühl davon haben: "dies ist mein Leib, dies ist mein Herz, dies ist meine Hand."

"Gut-Mensch-zu-sein" braucht Betroffenheit

Eine weitere wichtige Dimension des "Gut-Mensch-Seins" ist für Böhme eine Öffnung für die Welt jenseits der eigenen Person, die er mit "Betroffenheit" bezeichnet. Darunter versteht er, eine Situation nicht als reinen Sachverhalt wahrzunehmen, sondern sich davon angesprochen zu fühlen: "Jetzt bist du dran, das ist deine Sache!" Durch die massenmedialen Bedingungen unserer Zeit, mit ihren Informationsfluten, werde eine solche Haltung deutlich erschwert – soweit, "dass der durchschnittliche moderne Mensch heute durch eine gewisse 'Coolness' ausgezeichnet ist." Er lasse sich nicht mehr ohne weiteres betreffen, auch aus Selbstschutz, da er sonst permanent – etwa durch die Nachrichten – von Aufforderungen zum Engagement überschwemmt werde, denen er unmöglich allen genügen könne.

Andererseits sei es für die psychische Ökonomie auch nötig, sich "zumindest an einigen Stellen" zu engagieren. Die Extremform der Betroffenheit bezeichnet Böhme als "Goldmarieprinzip", nach der Figur aus dem Grimm-Märchen "Frau Holle". Die Goldmarie zeichne sich eben "dadurch aus, dass sie Sachverhalte immer mit einem Aufforderungscharakter sieht – zum Beispiel die fertig gebackenen Brote im Ofen sieht sie nicht als Faktum, sondern sie hört sie rufen: 'Hol mich raus!'."

Eng mit der Betroffenheit verbunden sieht Böhme das Prinzip der Achtsamkeit, das für ihn nicht nur die Aufmerksamkeit für sich selbst meint, die Selbstsorge, sondern gerade auch gesellschaftliches Engagement umfasse. Letzteres sei auch eine wichtige Säule seines Institutes: Unter anderem gehe es ihnen darum, eine "Kultur der Privatheit" zu etablieren – die sich aber im Sinne einer "geteilten Privatheit" nicht auf das einzelne Individuum beziehe, sondern auf bestimmte soziale Konstellationen, etwa im Familienleben.

Achtsamkeit impliziere die "Würdigung der Individualität des anderen" in der gemeinsamen Kommunikation. Als Übung, um eine solche Achtsamkeit zu entwickeln, empfiehlt er zum Beispiel das Gespräch mit der "Kassiererin im Supermarkt" zu suchen: "Sie können sich gar nicht vorstellen, was es für ein Ereignis ist, für eine Frau, die dauernd nur als Funktion verstanden wird, angesprochen zu werden, dass sie jemand ist, der einen Namen, der ein Leben hat, und der in dieser Situation betroffen ist."

Verteidigung der gemeinsamen Wirklichkeit

Eine Gefahr für die "gemeinsame Wirklichkeit" auf die sich eine solche Achtsamkeit richtet, sieht Böhme in der Tendenz, bloß noch subjektive Meinungen zu äußern und keine allgemeine Geltung für bestimmte Standpunkte zu fordern. Diesen Trend habe er auch an der Universität unter seinen Studierenden beobachtet: Diese hätten sich gar nicht getraut, "überhaupt etwas zu behaupten, was sie dann eventuell verteidigen müssen", sondern jede Aussage vorsorglich auf sich selbst beschränkt: "für mich".

Diese Überbetonung der eigenen Subjektivität sei regelrecht als Errungenschaft gefeiert worden – Böhme hingegen sieht sie im Gegensatz zum "Gut-Mensch-Sein": Dazu gehöre, "sich darum zu bemühen, eine gemeinsame Welt mit anderen aufzubauen, dass man überhaupt in Diskurse eintritt und damit rechnet, dass der andere anderer Meinung ist, aber sich gleichzeitig der eigenen aussetzt; dass man lernt, sich mit Argumenten zu verständigen."

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