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Interview | Beitrag vom 23.11.2017

Philosoph Andreas Urs SommerLob des Kompromisses

Moderation: Liane von Billerbeck

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(imago/Mark Airs)
Die Kunst des Kompromisses - wo trifft man sich? Wie hält man das Gleichgewicht? (imago/Mark Airs)

Die schwierige Regierungsbildung zeigt auch, wie schwer man sich bei uns mit Kompromissen tut. Der Philosoph Andreas Urs Sommer kritisiert diese Tradition des "Hier-stehen-und-nicht-anders-können". Für ihn gehören Kompromisse zu den größten Errungenschaften der Geschichte.

Wer soll Deutschland in den nächsten vier Jahren regieren? Die Situation scheint verfahren, ohne Kompromisse wird es keine Einigung geben. Doch mit Kompromissen tun sich die Deutschen traditionell schwer, meint der aus der Schweiz stammende und in Freiburg lehrende Philosoph Andreas Urs Sommer.

Im deutschen Traditionskontext gehe es häufig darum, seine Interessen um jeden Preis zu bewahren, sagte Sommer im Deutschlandfunk Kultur. 

"Natürlich haben wir eine geistesgeschichtliche Tradition, und daran darf man jetzt gerade im sogenannten Lutherjahr erinnern, eine Tradition, wo es ums Rechthaben und ums Hier-stehen-und-nicht-anders-können sehr, wie soll ich sagen, gut bestellt ist."

Kompromisse lehren, die Perspektive des Anderen zu verstehen

Dieser Haltung, dass es darauf ankommt, seine Sicht der Dinge unbedingt durchzusetzen, haftet Sommer zufolge "etwas sehr Ideologisches" an.

"Ich würde im Gegenteil sagen, dass ohne Kompromiss es überhaupt nicht geht außer in einer totalitären Gesellschaft, wo nur einer das Sagen hat und seine Interessen absolut durchsetzen kann."

Kompromisse gehörten zu den größten Errungenschaften der Menschheitsgeschichte, betont Sommer unter Verweis auf den Soziologen und Philosophen Georg Simmel. Denn mit ihnen sei verbunden, die Perspektive des Anderen nicht nur wahr-, sondern auch ernst zu nehmen.

(uko)


Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Die erste Nacht nach dem Ende der Sondierungsscheiterung ist ja vorbei. Die FDP hat für diesen Abbruch ja eine Menge Dresche kassiert, und nun befinden sich die Liberalen in ständiger Verteidigungsposition: Wir wollten ja, aber wir konnten nicht weitergehen, mehr Kompromisse seien einfach nicht gegangen. Die SPD ist nun in dem Dilemma, gegen die Entscheidung vieler wird sie gedrängt, doch noch mal über die große Koalition nachzudenken oder eine Minderheitsregierung zu tolerieren oder irgendeinen anderen Kompromiss einzugehen, der hierzulande zu einer Regierung führt.

Anlass für uns, über dieses Dilemma hinaus über den Kompromiss zu sprechen. "Zwischen Überzeugung und Pflicht" lautet die Frage. Wie weit darf, kann der Kompromiss gehen. Das wollen wir jetzt Andreas Urs Sommer fragen, er ist Professor für Philosophie, Schwerpunkt Kulturphilosophie an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg und hat im vorigen Jahr ein Buch über Werte geschrieben, warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt. Herr Sommer, schönen guten Morgen!

Der "faule" und der "gute" Kompromiss

Andreas Urs Sommer: Guten Morgen, Frau von Billerbeck!

von Billerbeck: Grundfrage: Wie viel Kompromisse darf eine Partei eingehen?

Sommer: Wie das so ist mit solchen Grundfragen, es gibt dafür keine generelle Antwort. Kompromisse zeichnen sich dadurch aus, dass sie eben ausgehandelt werden müssen, also wo dann die rote Linie ist, die berühmte, die nicht überschritten werden darf, das muss immer im Einzelfall gesehen werden. Kompromisse zeichnen sich dadurch aus, dass eben keine Partei, keine gesellschaftliche Gruppe, kein Individuum sein oder ihre Interessen vollständig durchsetzen kann. Und da die Interessen der Leute unterschiedlich sind und sie aber irgendwie zusammenleben müssen, ist es ganz offensichtlich so, dass wir ständig Kompromisse brauchen.

von Billerbeck: Aber es gibt zwei Adjektive, die immer vor den Kompromiss gesetzt werden. Das eine ist "gut", der gute Kompromiss, und das Zweite ist, Sie ahnen es, der "faule" Kompromiss. Wo verläuft denn die rote Linie zwischen beiden?

Sommer: Auch das ist immer eine Frage der Perspektive. Wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie bei einem Kompromiss, den Sie eingegangen sind oder den zum Beispiel die Partei, die Sie gewählt haben, eingegangen ist, dann werden Sie gleich ausrufen, das war ein fauler Kompromiss, weil Ihre Interessen nicht berücksichtigt worden sind. Hingegen wird derjenige, der das Gefühl hat, er ist mit seinen Interessen doch zu einem guten Teil durchgekommen bei dem Abkommen, das man geschlossen hat, den Kompromiss für einen guten Kompromiss halten.

Ein notwendiges Instrument der politischen Kultur

Also auch da hängt es von der Frage ab, wie sehr Sie in Ihren eigenen Interessenswahrnehmungen sich haben durchsetzen können, oder aber, wie sehr Ihre Interessen durch den Kompromiss geschmälert worden sind, beziehungsweise die Interessen, für die Sie dann gerade in der Beurteilung eines Kompromisses Partei zu ergreifen geneigt sind. Also da auch keine generelle Antwort.

von Billerbeck: Der Kompromiss, das höre ich da raus, ist also ein ganz notwendiges Instrument für die politische Kultur?

Sommer: Unbedingt. Der Kompromiss, der gerade im Deutschen so eine durchaus negative Konnotation hat, Sie sagten es schon, "fauler Kompromiss", das ist die Formel, die sehr häufig auftritt im deutschen Traditionskontext ist es häufig so, dass man ganz offensichtlich seine Interessen um jeden Preis zu bewahren in die Waagschale wirft. Man möchte gern, dass man seine Sicht unbedingt durchsetzt. Das hat was sehr Ideologisches. Ich würde im Gegenteil sagen, dass ohne Kompromiss es überhaupt nicht geht außer in einer totalitären Gesellschaft, wo nur einer das Sagen hat und seine Interessen absolut durchsetzen kann. Das politische Gefüge, das gesellschaftliche Gefüge ist in ganz vielen Hinsichten ein Gefüge von Kompromissen.

Der Soziologe und Philosoph Georg Simmel hat einmal, und mir scheint, sehr zu Recht, die Kompromisse zu den größten Errungenschaften der Menschheitsgeschichte gerechnet, weil wir eben lernen müssen, dass andere andere Perspektiven, andere Interessen haben und wir diese Interessen und Perspektiven der anderen ernst nehmen müssen. Entsprechend geht es im Zusammenleben nicht ohne Kompromisse. Selbst die Staatsform, die wir haben, ist eine, die sich vielerlei Kompromissen verdankt.

Es ist so, dass sich da im Aushandeln dessen, was politisch gemacht werden soll, immer wieder neue Kompromisse auftun, natürlich Kompromisse nicht zustande kommen, das haben wir jetzt gerade erlebt. Und die Frage ist natürlich, wie weit sie gehen können, und die Frage muss aber immer individuell entschieden werden, immer in der jeweiligen Situation, kontextabhängig entschieden werden.

Keine Kompromiss-Tradition in Deutschland

von Billerbeck: Sie haben darauf verwiesen, dass es in der deutschen Sprache und auch bei den Deutschen eben, dass der Kompromiss da so einen verdammt schlechten Ruf hat. Da schließt sich für mich die Frage an, hat das mit unserer totalitären Vergangenheit zu tun in Deutschland, dass wir so ein gestörtes Verhältnis zum Kompromiss haben, dass wir so unentspannt sind und immer recht haben wollen?

Sommer: Das ist eine berechtigte Frage. Natürlich haben wir eine geistesgeschichtliche Tradition, und daran darf man jetzt gerade im sogenannten Lutherjahr erinnern, eine Tradition, wo es ums Rechthaben und ums Hier-stehen-und-nicht-anders-können sehr, wie soll ich sagen, gut bestellt ist. Das heißt, dieses "von seiner Position um gar keinen Deut abweichen" scheint für die deutsche mentalitätsgeschichtliche Tradition eine größere Rolle zu spielen als zum Beispiel in der Schweiz. Ich bin Schweizer und sozusagen von früh an politisch sozialisiert, dass man Kompromisse eingehen muss, weil immer klar ist, dass sich nie einer durchsetzen kann, während die deutsche Geschichte bekanntlich viele Fälle kennt, wo sich eine Partei meinte durchsetzen zu können und durchsetzen zu müssen, und das gegen alle Widerstände von Menschen mit anderen Interessen auch getan hat.

Kompromittieren ist nur im Deutschen negativ

Also, in der Tat wird dieser schlechte Ruf des Kompromisses auch mit einer spezifisch deutschen Tradition zusammenhängen. Ich erinnere noch mal an ein anderes Wort, das wir aus dem etymologischen Umfeld von Kompromiss ebenfalls benutzen, nämlich das Sich-Kompromittieren. Wir kompromittieren uns oder wir kompromittieren andere, wir stellen sie nämlich bloß. Und die etymologische Wurzel ist dasselbe Wort, "compromittere", zusammen ein Versprechen eingehen, und zwar ein Versprechen eingehen, sich gegenseitig nicht zu drangsalieren, bis ein Schiedsrichter entschieden hat. Aber dies kann eben auch sein ein Sich-Versprechen gegenseitig, um schließlich den anderen bloßzustellen. Also, im Deutschen haben wir da Begriffe, die im einen Fall, "kompromittieren", negativ besetzt sind, und "Kompromiss", der halb positiv, halb negativ besetzt ist, die es dem Kompromiss als politischem Instrument oder als sozialem Instrument nicht leicht machen.

von Billerbeck: Bis hierher und nicht weiter, sage ich dann. Über den Kompromiss haben wir gesprochen mit dem Freiburger Kulturphilosophen Professor Andreas Urs Sommer. Ich danke Ihnen!

Sommer: Ich danke Ihnen auch fürs Gespräch, Frau von Billerbeck!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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