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Montag, 20.11.2017

Lesart | Beitrag vom 10.11.2017

Philippe Soupault: "Die Zeit der Mörder"Reportage mit Ewigkeitswert

Von Manuela Reichart

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Cover von Soupault-Buch, im Hintergrund eine Haftsituation (dpa / picture alliance / Valerio Bispuri - Cover: Wunderhorn)
Philippe Soupault: "Ganz und gar Bewundernswertes" (dpa / picture alliance / Valerio Bispuri - Cover: Wunderhorn)

In Tunis, um eine antifaschistische Radiostation aufzubauen, gerät der Journalist 1942 in die Fänge des Vichy-Regimes. Monatelang in Haft, schreibt er, um nicht durchzudrehen. Über das System, vor allem aber über das Individuum in Haft.

1942 sitzt der französische Autor und Journalist Philippe Soupault ein halbes Jahr in Tunis im Gefängnis. Er ist macht- und hilflos, beobachtet aber genau, was um ihn herum geschieht, was das Gefängnis mit und aus den Menschen macht.

Seine eindrucksvollen Erinnerungen erschienen 1945 in New York und erst 70 Jahre später in Frankreich. Jetzt ist der umfangreiche Band auch in deutscher Übersetzung herausgekommen, im Heidelberger Verlag Wunderhorn, der sich um das Werk des französischen Surrealisten einmal mehr verdient macht.

Auf Wunsch León Blums in Tunis

Philippe Soupault hatte 1938 von Léon Blum, dem ersten sozialistischen Premierminister Frank­­reichs, den Auftrag bekommen, in Tunis eine Radiostation aufzubauen. Tunesien war damals französisches Pro­tekto­rat.

Nach der Besetzung Frankreichs durch die Nazis wurde Soupault sofort seines Postens ent­hoben. Das Vichy Regime hatte die Macht übernommen und ging auch in Tune­sien gegen die Widerständigen vor. Soupault wurde denunziert und im März 1942 wegen Hochverrats verhaftet. Die Hausdurchsuchung hatte zwar kei­ne verwertbaren Ergebnisse, auch das Verhör nichts Verwertbares zu Tage gefördert. Trotz­dem wurde er – gemeinsam mit seinem Denunzianten – ins Gefängnis geworfen. "Dank der vom Vichy-Regime eingeführ­ten Ausnahmegesetze für Verbrechen gegen die Staatssicherheit setzten sich die Militärrichter ab 1940 über alle gesetzlichen Bestimmungen hinweg. Ich saß in strenger Einzel­haft."

Portrait von Philippe Soupault, 1934 (Foto: Ré Soupault)Portrait von Philippe Soupault, 1934 (Foto: Ré Soupault)

Dieser Büchermensch in Anzug und Krawatte, der gerade zum Abendessen bei Freunden auf­bre­chen wollte, wird von einem Augenblick zum anderen aus seinem Leben gerissen. Er liegt auf der Pritsche und versucht, sich zu beruhigen, nicht durchzudre­hen, nicht zu schreien. Er denkt an seine Frau, die nicht weiß, wo er ist und wie es ihm ergeht.

Soupault tut in diesem Augenblick und in den folgenden Wochen etwas ganz und gar Bewun­derns­wertes und Ungewöhnliches. Er versucht über die eigene Lage hinweg zu kommen, in dem er seine Mit­gefangenen ins Zentrum des Interesses rückt. Er hört ihnen zu, wenn sie von ihren Taten erzählen und von ihren Träumen.

Er beschreibt, wie eine Flucht erst gelingt und dann schei­tert, wie ein junger Mann zu einer absurd hohen und ein an­derer, ein dem Regime gegenüber willfähri­ger, zu einer skandalös geringen Haftstrafe verurteilt wird. Und wie sich die Mitgefangenen darüber empören. "Man gewöhnt sich an alles, außer an die Unge­rechtig­keit."

Individuum im Zentrum

Im Zentrum dieser Erinnerungen steht nicht das verachtenswerte Regime oder das System, das er klug analysiert, deren Schergen er durchschaut – im Mittelpunkt steht der einzelne Häft­ling und die Frage, was die Dunkelheit, die Langeweile, die Unselbständigkeit mit einem Men­schen macht. Wie der Charakter sich verändert durch die Demütigungen, die jeder Ge­fangene aushalten muss.

Das ist es, was dieses – immer wieder auch langatmige – Buch so ungewöhnlich und über die Zeiten hinweg verstörend und wirkungsmächtig macht: Wir, die wir nicht der Freiheit beraubt sind, begreifen, was es bedeutet, eingesperrt zu sein.

Philippe Soupault: "Die Zeit der Mörder. Erinnerungen aus dem Gefängnis"
Aus dem Französi­schen von Holger Fock und Sabine Müller
Wunderhorn Verlag, Heidelberg, 2017
416 Seiten,  28 Euro

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