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Lesart | Beitrag vom 15.02.2018

Philippe Sands: "Rückkehr nach Lemberg"Die Geschichte einer langen Suche

Von Nadja Bascheck

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In Lemberg hat Philippe Sands nicht nur viel über seine Familie, sondern auch über das internationale Strafrecht erfahren.

Philippe Sands ist Anwalt für Menschenrechte. Sein Großvater stammt aus Lwiw. Aber nicht nur seine familiären Wurzeln liegen dort, sondern auch die des internationalen Strafrechts. Seine Spurensuche hat Sands nun in einem Buch verarbeitet.

Philippe Sands weiß, wie er seine Zuschauer emotional berührt: mit Musik. Auf der Bühne liest er selbst aus seiner Familiengeschichte, die er verwoben hat mit der Entstehung der internationalen Menschenrechte. Es ist das Resultat seiner sechsjährigen Recherche.

"Dort saßen wir im Gras, sahen das Sonnenlicht auf das dunkle, stille Was­ser fallen, das sich in Gräben sammelte. Tief unten, seit über einem halben Jahrhundert unberührt, lagen die sterblichen Überreste der 3500 Menschen."

In "Rückkehr nach Lemberg" beschreibt Sands eine Vernichtungsaktion gegenüber der jüdischen Bevölkerung in einem Wald bei Zolkiew, nahe bei Lemberg. Die Stadt stand immer wieder unter wechselnder Herrschaft. Heute heißt sie Lwiw und gehört zur Ukraine. 2010 erhielt der Rechtsanwalt Sands eine Einladung, dort einen Vortrag über Menschenrechte zu halten. Er nimmt sie an, auch deshalb, weil sein Großvater dort geboren wurde.

"In jenem Sommer, als ich dabei war, den Vortrag vorzubereiten, war ich wirklich erstaunt, als ich herausfand, dass der Mann, der den Begriff Verbrechen gegen die Menschlichkeit erfunden hat, Hersch Lauterpacht, aus Lemberg kam. Und der Mann, der den Begriff Genozid erfunden hat, kam auch aus Lemberg, Raphael Lemkin. Ich meine, das kann man nicht erfinden. Das war so eine Überraschung."

Sands formuliert die Anklage gegen Pinochet

Er kann es kaum glauben: Die beiden Juristen, die Begriffe geprägt haben, mit denen er täglich arbeitet, stammen aus Lemberg und aus jüdischen Familien, genau wie sein Großvater. Als Anwalt bearbeitet er Fälle, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Genozid behandeln. 1998 war er dabei, als der Internationale Strafgerichtshof gegründet wurde – und: Er formulierte die Anklage gegen den chilenischen Diktator Pinochet. Die Schicksale der Familien aus Lemberg ließen ihn nicht los, er recherchierte weiter. Während er erzählt, weiten sich seine Augen. Er wirkt enthusiastisch, man kann ihn sich gut im Gerichtssaal vorstellen.

"Und etwa ein Jahr, nachdem ich angefangen hatte zu schreiben, kam ein vierter Mann hinzu: Hans Frank, der von 1928 bis 1933 Adolf Hitlers persönlicher Anwalt war. Er wurde zum Generalgouverneur des besetzten Polens ernannt und er war für eine Menge schrecklicher Dinge verantwortlich, unter anderem für die Zerstörung der Familien von Leon, Lauterpacht und Lemkin. Und er wurde der verbindende Punkt in dem Buch, er wurde der vierte Mann in der Geschichte."

Doch beim Schreiben hat er Schwierigkeiten, denkt darüber nach, lieber zwei Bücher aus dem Stoff zu machen. Eines über die historischen Umstände, eines über die Familiengeschichte. Immer wieder verwirft er sein Manuskript, aber aufgeben will er nicht.

"Es ist auch ein Versuch, meine eigene Position herauszuarbeiten – vielleicht als Frage der Identität – zu fragen wer ich bin und wie ich definiert werden möchte. Bin ich eher ein Individuum oder Mitglied einer Gruppe."

Die Ursprünge des Völkerrechts

Der rechtliche Konflikt zwischen Individuum und Gruppe. Schon während des Krieges haben die Juristen Hersch Lauterpacht und Raphael Lemkin damit begonnen, ihre Begriffe ins Völkerrecht einzubringen. Lauterpacht setzte sich für den Schutz von Individuen ein, Lemkin plädierte für den Schutz der Gruppe und prägte den Begriff "Genozid". Er tat alles dafür, dass das Wort, das so eng mit seiner Familiengeschichte verbunden ist, anerkannt wird. Aber nur Lauterpacht gelang es: Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurde in den Nürnberger Prozessen offiziell Teil der Urteile. Heute ist auch Genozid im Völkerstrafrecht verankert. Der 57 Jahre alte Philippe Sands hat in seinen Fällen immer wieder damit zu tun. Dass er Anwalt für Menschenrechte geworden ist, sei kein Zufall.

"Ich denke auf eine unterbewusste Weise muss die Arbeit, die ich heute ausübe, mit den Ursprüngen meiner Familie zu tun haben: mit dem, was meinen Großeltern geschah, was mit meiner Mutter geschah. Aber es wurde in der Familie nie ausgesprochen. Ich bin aus eigener Motivation Anwalt geworden, vielleicht auch aus einem geheimen Bewusstsein heraus, dass da eine Verantwortung liegt, wenn du eine bestimmte Herkunft hast, alles zu tun, was möglich ist, um zu verhindern, dass solche Verbrechen nochmal geschehen."

"Ich verstehe mich selbst besser"

Die langjährige Recherche, die vielen Reisen nach Lemberg und Zolkiew haben ihn verändert.

"Die Knochen, die dort unten ruhten, vermischten sich, Leons On­kel Leibus, Lauterpachts Onkel David ruhten dicht beieinander an diesem Ort, weil sie zufällig der falschen Gruppe angehörten. Die Sonne erwärmte das Wasser; die Bäume hoben mich empor, weg vom Schilf, zu einem indigoblauen Himmel. Genau dort, einen kurzen Moment lang, verstand ich."

Ihm wurde bewusst, wie stark der Drang der jüdischen Juristen aus Lemberg war, die Verbrechen zu sühnen, die ihren Familien widerfahren sind. Wie wichtig es ihnen war, dass die Verbrechen als Straftatbestand aufgenommen werden. Philippe Sands erzählt seine eigene Geschichte den Lesern und Zuschauern. Es ist die Geschichte einer Suche – vor allem auch nach sich selbst.

"Der Antrieb war, herauszufinden wer ich bin. Ich verstehe mich selbst besser und ich verstehe andere Dinge besser, indem ich diese Reise unternommen habe."

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