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Freitag, 15.12.2017

Die Reportage | Beitrag vom 03.10.2017

Pferderennen Sattel, Sulky, Sieg

Von Wolf-Sören Treusch

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Zuschauer sehen sich auf der Rennbahn Hoppegarten einen Lauf an, aufgenommen 2012 (picture alliance / dpa / Florian Schuh)
In Berlin-Hoppegarten wird Pferderennen noch immer zum gesellschaftlichen Großereignis stilisiert. (picture alliance / dpa / Florian Schuh)

Auf der Berliner Galopprennbahn Hoppegarten vergnügt sich nicht nur die High Society, sondern auch Familien mit Picknickkorb. Die Trabrennbahn in Gelsenkirchen hat hingegen schon bessere Zeiten gesehen. Die Zeit der Hüte ist dort schon lange vorbei. Ein Sport – zwei Welten.

Rennbahn Berlin-Hoppegarten: Match Race Cup. Im gestreckten Galopp rauscht der braune Wallach Jacobo an Gegner und vollbesetzter Haupttribüne vorbei.

"Jacobo! Jacobo! Jacobo! Jaaaa!"

Die Zuschauer flippen kurz aus, dann herrscht wieder Ruhe. Bis die nächsten Rennpferde vorbeiflitzen. Vor allem wenn die Sonne scheint, kommen Tausende zu den Renntagen nach Hoppegarten. Hoppegarten, das ist Synonym für Pferderennen – eine der ältesten Sportarten der Menschheit.

Die einen spazieren mit Champagnerglas in der Hand die Haupttribüne entlang, andere informieren sich bei einem der Hauptsponsoren über die aktuelle Uhrenkollektion. Die meisten aber, vor allem junge Besucher, breiten ihre Decke aus auf der großen Picknickwiese zwischen Zielgerade und Tribüne.

"Wir hatten einfach Lust, bei dem guten Wetter Pferde anzuschauen, schöne Menschen und ein bisschen Wein zu trinken. Ein Grund war auch, wir haben nämlich einen neuen Picknickkorb, wir wollten den mal einweihen."

Das Motto: sehen und gesehen werden

Zwischen den Rennen, die alle halbe Stunde gestartet werden, gibt es kleine musikalische Einlagen. Entspannte Stimmung, herrliche Lage: Saftiges Grün, wohin das Auge blickt. Hohe, wunderbar gewachsene Bäume entlang der Rennstrecke und auch zwischen den sanierten Klinkerbauten auf der Anlage selbst. Manche Gebäude stehen unter Denkmalschutz, auch die Haupttribüne – sie ist fast 150 Jahre alt. Hans-Jürgen Gröschel liebt Hoppegarten. Schon zu Ostzeiten hat er hier Rennpferde trainiert, kurz vor der Wende wechselte er in den Westen. Ein Start in Hoppegarten ist für ihn bis heute ein ‚Muss’.

"Für mich die tollste deutsche Rennbahn, der Kaiser hat schon früher gewusst, was er hierher gebaut hat, nicht, und sie ist fair, sie hat eine schöne Zielgerade, hat einen tollen Publikumsbereich, ich komme immer wieder gern hierher."

Finish in Gelsenkirchen (Wolf-Sören Treusch)Finish in Gelsenkirchen (Wolf-Sören Treusch)

Tief im Westen der Republik bietet sich ein komplett anderes Bild. Gerade mal zwei-, vielleicht dreihundert Besucher, zum Großteil Rentner, verlieren sich auf der riesigen Anlage der Trabrennbahn im Gelsenkirchener Stadtteil Feldmark. Und das, obwohl das 64. Deutsche Traber-St. Leger auf dem Programm steht. Eine Veranstaltung mit Tradition. Vor dieser Kulissen klingen die Ansagen wie Mutmacher.

"Und Start ist erfolgt zum ersten Rennen, zum General-November-Rennen, da versucht Charlie-Boy die Spitze zu übernehmen, das gelingt für den Moment auch..." 

18 Grad zeigt das Thermometer an diesem September-Sonntag, windstill, dazu Sonne und Wolken im Wechsel. Das Wetter ist nicht das Problem, sondern die riesige zweistöckige, vollverglaste Zuschauertribüne, die Platz für fast 10.000 Besucher bietet.

"Ich würde die Tribüne hier notsprengen, zwei Drittel absprengen und dann wieder zumauern", sagt Uwe Küster, Leiter des Eventmanagements der Trabrennbahn. Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Er findet, dass sich die wenigen hundert Besucher auf der Anlage verlieren.

"Wir haben zu viel Platz, also: normalerweise ist Platz ja was Schönes, wir haben zu viel Platz und zu wenig Zuschauer dazu. Und das macht das Ganze natürlich wirtschaftlich nicht sonderlich charmant. Wir haben Instandhaltungskosten, wir haben hier fünf Aufzüge, die können sie alle immer warten lassen, die können sie alle immer reparieren lassen, sie haben eine Großküche und so weiter. Das ist natürlich schon mächtig."

Hier Großereignis, dort Zeichen des Untergangs

Ein Sport – zwei Welten. Was in Berlin-Hoppegarten zum gesellschaftlichen Großereignis stilisiert wird, steht in Gelsenkirchen-Feldmark im Zeichen des Untergangs: die meisten Schalter für Wettannahmen haben die Rollläden unten, Imbissbunden sind verwaist. Gelsenkirchener Tristesse. Dabei erfreuen sich Pferderennen in Deutschland eigentlich großer Beliebtheit. Mehr als eine Million Gäste pro Jahr werden gezählt. Rennbahnen sind ein beliebtes Ausflugsziel, vorausgesetzt Wetter und Rahmenprogramm stimmen. Mit einer Hüpfburg allein ist es nicht getan. In Berlin-Hoppegarten versucht ein pfiffiger Unternehmer die historische Anlage optimal zu vermarkten.

"Jetzt messe ich, wie weit die Spitze in den Boden geht, um zu wissen, ob der Boden weich ist, hart ist und so weiter",

erklärt Marco Peters, der ein Rohr in den Boden stößt und es gleich wieder zufrieden herauszieht. Das sogenannte "Geläuf" ist in einem perfekten Zustand. Wie eigentlich immer in Hoppegarten.

Dafür ist die Rennbahn am östlichen Stadtrand von Berlin in Fachkreisen bekannt – und beliebt. Der andere Grund ist die teilweise denkmalgeschützte Anlage. Sie strahlt Geschichte und Tradition aus und wird peu a peu geschmackvoll saniert. Dabei war vor zehn Jahren gar nicht klar, ob die Rennbahn eine Zukunft haben würde.

In der Nachwendezeit lockte der morbide Charme der Anlage zunächst viele Neugierige an. 1997 fand hier sogar ein Kamelrennen statt. Doch die wirtschaftlichen Erwartungen erfüllten sich nicht: 2005 stand Hoppegarten vor dem Aus. Mit finanzieller Unterstützung der Gemeinde hielt der neu gegründete Rennverein Hoppegarten den Betrieb aufrecht. Ganz wichtig, um die Genehmigung zu behalten, auf Pferderennen wetten zu lassen – eine wesentliche Voraussetzung für die Wirtschaftlichkeit einer Rennbahn.

"Das Wetten gehört zum Rennen wie das Salz zur Suppe",

sagt derjenige, der 2008 für den Wendepunkt in der Geschichte Hoppegartens sorgte: Unternehmer Gerhard Schöningh.

"Ich sehe das nicht so, dass eine Rennbahn ein Loch ist, wo sie einfach Geld rein donnern, das würde ich auch nie machen."

"Der Vollblutinvestor", wie ihn ein Stadtmagazin vor kurzem nannte. Ganz allein erwarb er die Anlage, mit seinem privaten Geld, das er als Fondsmanager in London verdient hatte. Die Summen, die er seitdem jedes Jahr in die Sanierung und Weiterentwicklung Hoppegartens steckt, reichen bis in den siebenstelligen Bereich.

Wenn Renntag ist, ist Gerhard Schöningh überall: er hilft seinen Mitarbeitern, plaudert mit den Gästen aus dem VIP-Bereich, nimmt an einer Siegerehrung teil. Zur Ruhe kommt der 56-jährige an solchen Tagen nicht. Will er auch gar nicht. Er sieht in Hoppegarten ein Riesenpotenzial – das auszuschöpfen ist ein Fulltime-Job, sagt er.

"Wir haben ungefähr doppelt so viele Besucher wie als ich hier antrat, obwohl wir nur die Renntage von acht auf elf gesteigert haben, wir haben das Sponsorenaufkommen vervierfacht, wir haben Eintrittsgelder verdreifacht, wir entwickeln die Anlage jetzt für große Ereignisse außerhalb des Rennsports, dann haben wir auch noch einige Gebäude hier, die im Moment leer stehen, die wir nutzen können, wo wir auch eine gute Rendite draus erzielen können, mir war von vornherein klar, dass das nicht in drei, vier Jahren geht, sondern dass das ein längerfristiges Projekt ist."

Match Race Cup: Pferd gegen Pferd

Ein Grund für die steigenden Zuschauerzahlen ist der so genannte Match Race Cup, den die Organisatoren vor zwei Jahren eingeführt haben. Ein Rennen Pferd gegen Pferd, für das sich die beiden Finalisten wie beim Fußball in einer K.O.-Runde mit Viertel- und Halbfinale qualifizieren müssen.

Favorit in diesem Jahr ist der 9-jährige Lokalmatador Jacobo, ein hübscher brauner Wallach, dem sein Besitzer Frank Brieskorn zur Feier des Finaltages ein paar Sternchen in die Flanke hat frisieren lassen. Es sind nur noch wenige Minuten bis zum Start, Frank Brieskorn tigert im Führring auf und ab, geht noch einmal auf Toilette. Er ist aufgeregt, wie immer vor einem wichtigen Rennen.

"Ja, ist ein mächtiger Druck. Als Favorit ist immer ein Riesendruck. Der Gegner, der nichts zu verlieren hat, der geht ganz anders ran, weil die Erwartungen auch nicht so hoch sind. So ein Fußballspiel hat 90 Minuten, hier hast du zwei Minuten."

Seine Frau Sabine sitzt derweil schon in der Loge auf der Haupttribüne, nippt an einem Glas Mineralwasser und zupft ihr knallrotes ‚Team Jacobo’-Shirt zurecht. Gern erinnert sie sich an den Tag, als ihnen Jacobo zum Kauf angeboten wurde.

"Der hatte einen langen Transport hinter sich, der lag da in dieser Box, und der schaute uns an, und irgendwie habe ich es nicht so mit Stuten. Ich mag lieber Hengste und Wallache. Und dieser Wallach, also das war irgendwie Liebe auf den ersten Blick. Der schaute uns an, und da wollte noch jemand mitmachen, da habe ich zu meinem Mann gesagt: ‚den bitte machst du alleine’. Also alleiniger Besitzer, weil ja doch ein Kumpel sich einhaken wollte, ich sage: ‚bitte nicht’. Ja, und dabei ist es geblieben, und es ist eben derjenige, der immer ehrlich ist, immer kämpft, mittlerweile neun Jahre ist, so ein tolles Pferd, immer sein Geld verdient hat. Also: der Hammer, dieses Pferd."

Pünktlich um 15 Uhr 30 dann der Höhepunkt des Renntages: das Finale um den Match Race Cup. Im Sprint geht es die Zielgerade hinunter: 1.200 Meter.

Der Rennreporter brüllt sich die Seele aus dem Leib, eineinhalb Längen liegt Jacobo zurück, aber dann zieht er unter den Anfeuerungsrufen seiner Besitzer und Fans souverän an seinem Konkurrenten vorbei. Besitzerin Sabine ist außer sich vor Freude. Sie jubelt und kann gar nicht aufhören zu applaudieren.

Eine gute Minute hat das Rennen gedauert. Siegprämie: 14.000 Euro.

Berliner Charme und Gelsenkirchener Tristesse

500 Kilometer weiter westlich gibt es keinen Jubel und keine Kamerateams. Die wenigen Besucher der Trabrennbahn Gelsenkirchen verfolgen die Rennen mit fast stoischer Gelassenheit. Selbst diejenigen, die auf ein Pferd gewettet haben, werden ganz selten laut. Gefühlsausbrüche: Fehlanzeige.

Vor zweieinhalb Jahren, erzählt der Eventmanager der Anlage, Uwe Küster, zogen sich die Tchibo-Erben als Mäzen zurück. Die Anlage stand kurz vor dem Aus. Der neue Betreiber, ein Wett-Dienstleister, fährt seitdem ein rigoroses Kostenmanagement. Ein attraktives Rahmenprogramm, um einen sechsstündigen Renntag wie das Deutsche Traber-St. Leger aufzuwerten, ist darin nicht vorgesehen.

"Mit dem Thema Pferdesport erreichen wir leider im Moment nicht so viele Leute, wie ich gern hätte. Sie kriegen mit jedem drittklassig begabten DSDS-Finalisten die Bude hier voller als mit dem besten europäischen Sport. Das ist eine ganz traurige Wahrheit, aber die ist so. Familien kriegt man natürlich immer: ich stelle hier ne Hüpfburg hin, so ein bisschen Programm drum rum mit Ponyreiten, dies und das, aber ne Familie ist eigentlich kein Wetter. Ja? Und ich mache das ja nicht nur, um die Bude voll zu haben, sondern ich hätte gern auch was von denen: Geld."

"Ja, früher war Eintritt, das haben sie auch abgeschafft, sonst kommt gar keiner mehr. Die jüngere Generation fehlt. Sie sehen ja hier fast nur noch Rentner."

Wolfgang Schulte, 68, ist einer dieser Rentner. Mit drei Kumpels hat er es sich im Erdgeschoss des riesigen, völlig überdimensionierten Tribünengebäudes bequem gemacht. An einem der blank geputzten Tische, die reichlich vorhanden sind. Die alten Männer haben Saft und Kekse dabei und studieren die Expertentipps in der Wettzeitung.

"Wir treffen uns, das ist Unterhaltung, dann wetten wir zusammen, das kostet ja nicht so viel. Und dann hat man die Unterhaltung, und der Tag ist rum. Also Sie dürfen nicht hier hingehen um zu verdienen, das können sie vergessen. Sie müssen das Geld über haben und das als Spaß und Unterhaltung sehen und als Ausflug."

Von den fünf möglichen Wettannahmestellen im Erdgeschoss ist nur eine geöffnet, in den beiden Stockwerken darüber sind die meisten Schalter ebenfalls geschlossen. Auch an einem Verkaufstresen für frisch gezapftes Bier ist der Rollladen unten. Wartehallenatmosphäre. Wolfgang Schulte ist überzeugt: nur noch eine Frage der Zeit, bis es mit dem Volkssport ‚Trabrennen’ vorbei ist in Gelsenkirchen.

 "Früher war das das Ereignis. Da haben sie um die Zeit gar keinen Parkplatz mehr gekriegt. Und jetzt? Nichts. Gucken Sie an, was früher mit die Tauben war. Hier hatte jeder Tauben. Gibt’s heute auch fast gar nicht mehr. Ist dasselbe, ist auch vorbei. Da war Tradition: sonntags in den Garten und gucken, ob die Tauben wieder kommen. Früher hatte jeder Ortsteil, wo ich herkomme, komme ja von Castrop-Rauxel, einen eigenen Taubenverein. Heute die ganze Stadt nur noch einen. Das ist nicht mehr."

Das Büro des Rennvereins ist voll mit Erinnerungen an die guten alten Zeiten. Pokale, Medaillen, Urkunden – und an der Wand eine Reihe von Fotos, auf denen unter anderem der Fußball-Nationaltorwart und Ex-Schalker Manuel Neuer beim Besuch der Rennbahn zu sehen ist. Die Verbindung zwischen dem Fußballklub Schalke 04, dessen Vereinsgelände keine zehn Kilometer entfernt liegt, und der Gelsenkirchener Trabrennbahn ist legendär und begann in den 1970er Jahren. Damals schauten Schalker Fußballprofis regelmäßig in der Gaststätte unterm Tribünendach vorbei. So auch Hannes Bongartz.

"Das war ein richtiger Stammtisch oben, donnerstags, immer Rennen in Gelsenkirchen, selbst der Präsident Günter Siebert saß mit am Tisch, ja, das war wahnsinnig gut Besuch, da gab es Renntage, wenn man das wie heute sieht, ein St. Leger-Tag, da wären sie hier heute nicht raus und rein gekommen."

Schalke 04 und die Trabrennbahn – eine Legende

Später nahmen die Fußballprofis selbst an Prominentenrennen teil, kauften sich gemeinsam ein eigenes Rennpferd. Hannes Bongartz ist dem Sport und auch dem Rennverein Gelsenkirchen bis heute treu geblieben. Er besitzt mehrere Pferde und setzt sich noch immer gern selbst in den Sulky – so heißt der Wagen, den das Pferd zieht. Die Trabrennbahn Gelsenkirchen ist sein zweites Zuhause.

"Ja, ich fahre gerne. Ich sitze ja praktisch jeden Vormittag im Sulky und trainiere hier, ich trainiere die Pferde ja ausschließlich selbst. Ich kümmere mich um meine Pferde selbst, ich will wissen, was damit gemacht wird, was passiert, was gefüttert wird, wie gesund sie sind etc., weil: ich schaue natürlich, dass ich auch Amateurrennen finde, a) sind die leichter, und b) wenn man jeden Tag mit dem Pferd arbeitet, will man ihn auch im Rennen mal fahren. Ich will mich bewegen und mit Pferden."

Die Veranstalter sollten die Prämien wieder erhöhen, findet er. 1.000 oder 2.000 Euro für einen Sieg – da ist es mit dem Trabrennsport bald zu Ende.

"Vor vierzig Jahren, wenn du da mal Dritter warst, im Monat, hattest du ungefähr deine Unkosten drin. Wenn du heute im Monat kein Rennen gewinnst, bist du im Brand. Sagt man. Minus. Das passt nicht mehr. Die Trainingskosten werden nicht weniger. Die werden eher mehr. Wird ja alles teurer. Stroh, Heu, Futter, Klamotten und und und. Und die Rennpreise? Das passt hinten und vorne nimmer. Wenn man das vergleicht von 70 zu heute: Wahnsinn."

Wegen der schlechten Lage hat sich der Rennverein vor zweieinhalb Jahren mit PMU eingelassen. Wie läuft die Zusammenarbeit, wollen die Besucher von Evetnmanager Küster wissen.

"Die PMU ist ein Wett-Dienstleister aus Frankreich, die haben 22.000 Außen-Kassen, die haben ein sehr großes Geschäft, wir haben Umsatzfelder zwischen ‚Lunch Race Day’ beginnt bei 6-700.000 Euro bis zu 3,5 Millionen, das ist so das Spektrum, in dem wir da Umsätze generieren, hier in Deutschland haben wir einen Umsatz von 100.000. Das ist schon mal ein Wort zum Sonntag."

Im Klartext heißt das: es rechnet sich. Die Rennen auf der Gelsenkirchener Trabrennbahn – nicht alle, aber viele – werden auch in französische Wettbüros übertragen und dort mitgewettet. Ergebnis: obwohl der Rennverein Gelsenkirchen dort nur eine Lizenzgebühr in Höhe von drei Prozent erheben kann, spielt Frankreich genauso viel Geld ein wie ein Renntag in Deutschland – etwa 100.000 Euro. Das kann sich sehen lassen. Aber es ist nicht genug.

Profiwetter Stefan Inhester bei der Arbeit (Wolf-Sören Treusch)Profiwetter Stefan Inhester bei der Arbeit (Wolf-Sören Treusch)

Stephan Inhester, 49, von Beruf Autoverkäufer, ist im Nebenjob Profi-Wetter. Er sitzt im Restaurant im zweiten Stock an einem Tisch. Er könnte runtergehen, sich auf die Tribüne setzen und gucken. Macht er aber nicht. Hier oben ist sein Reich. Konzentriert blickt er auf einen Fernsehmonitor, auf dem ein Trabrennen aus Berlin übertragen wird. Vor ihm auf dem Tisch: ein Laptop, ein Tablet-PC, zwei Smartphones, ein Textmarker und die Wettzeitung.

"Auf dem Monitor wird ja immer nur eine Bahn eingeblendet, und so kann ich also selber nach Bedarf zwischen den einzelnen Rennbahnen umswitchen und eben halt Quoten, Pferde und Rennen beobachten. Ich mache das Ganze jetzt seit knapp 35 Jahren, und wenn man halbwegs erfolgreich dabei agieren will, muss man das professionell machen. Weil letztendlich: es hat keiner was zu verschenken, auf der Arbeit gibt man auch sein Bestes, und genauso arbeitet man letztendlich die einzelnen Rennen aus und versucht eben halt, das Beste daraus zu machen."

Ruhig, nahezu emotionslos betreibt er sein Geschäft. Hier und da macht er sich ein paar Notizen zu den einzelnen Startnummern. Den Gang zum Wettannahmeschalter spart er sich. Stephan Inhester wettet per Mausklick im Internet. Wenn die Quote attraktiv ist, sagt er, setzt er auch schon mal 200, 300 Euro auf ein Pferd.

"Man wettet eben oftmals erst zwei, drei Minuten vor dem Start, ganz einfach um die Pferde beim Aufkentern, beim Warmmachen eingehend zu beobachten und da vielleicht den einen oder anderen zu sehen, der besonders gut geht oder vielleicht auch den Favoriten zu erkennen, der vielleicht mal einen schlechten Tag hat und vom Traben her nicht so gut ist wie sonst."

Das "Business", wie er es nennt, sei schwieriger geworden in den vergangenen Jahren. Weniger Renntage gleich weniger Umsätze gleich geringere Wettquoten. Aber es ist trotzdem genug hängen geblieben sein in den 35 Jahren als Profi-Wetter.

"Das ist ein Punkt, da möchte ich nicht drüber sprechen. Es ist auf jeden Fall ein Plus, ja."

Finish in Hoppegarten (Wolf-Sören Treusch)Finish in Hoppegarten (Wolf-Sören Treusch)

Auf der Galopprennbahn in Berlin-Hoppegarten herrscht Kaiserwetter. Es ist ein Sonntag im August, keine Wolke am Himmel, 22 Grad. 10.000 Besucher sind gekommen. Sehen und gesehen werden ist das Motto: die Damen in bunten Sommerkleidern und mit auffälligen Hüten, die Herren eher klassisch im Anzug mit Krawatte und Einstecktuch.

Wie baut man einen Deckhengst auf?

Der sportliche Saisonhöhepunkt steht an: ‚Der Große Preis von Berlin’, eines der wichtigsten Galopprennen in Deutschland. Dotiert mit 175.000 Euro. Im europäischen Vergleich Peanuts, gibt Rennbahn-Eigentümer Gerhard Schöningh zu, aber offenbar lukrativ genug, dass auch der Scheich aus Dubai zwei seiner besten Pferde an den Start bringt.

"Die Reputation, so ein internationales Championatsrennen zu gewinnen, ist sehr, sehr wichtig, besonders wenn sie einen guten Deckhengst aufbauen wollen. Und je mehr dieser Rennen er gewonnen hat, umso besser. In Deutschland haben wir im internationalen Vergleich nicht die höchsten Preisgelder, in Ascot in einem vergleichbaren Rennen würde der wahrscheinlich eine halbe Million gewinnen. Oder in Paris drei- oder vierhunderttausend. Aber das ist wie eine 1 plus auf einem Gymnasium, ob die Schule dann in Neukölln oder in Bogenhausen in München liegt, das ist relativ egal. Da geht es um die Note. Und Gruppe 1 bedeutet Gruppe 1."

Jens Schmitt, junger Mann im Freizeitlook, Generation Hipster mit Bart und Sonnenbrille, kommt durch den Eingang, er ist zum ersten Mal hier.

Seit sechs Jahren lebt er in Berlin, von Beruf ist er Programmierer. Gerade hat er sich ein Spezialticket gekauft: Wettgutscheine im Wert von 75 Euro bei freiem Eintritt, somit hat er erstmal 22 Euro gespart.

"Wenn ich ganz viel Pech habe, so erhoffe ich mir das natürlich nicht, dann kann ich maximal 50 Euro Verlust machen und habe einen schönen Tag bei Sonnenschein auf der Rennbahn in Hoppegarten."

Dann schreitet er zur Tat.

"Erstmal hole ich mir so einen Wettschein, ich habe gesehen, dass die alle damit rumlaufen."

"Ja, gefällt mir jetzt schon, das Spektakel"

Glücksspiele sind normalerweise nicht sein Ding, sagt er, und auf Pferde hat er noch nie gewettet. Also beschließt er sich helfen zu lassen. Am Tisch mit den Wettscheinen steht ein Herr in den besten Jahren, Typ alter Hase, der Pferdewetten aus dem Effeff kennt. Die beiden tauschen sich aus, der alte Hase gibt Tipps.

Am Ende wettet der junge Programmierer für 40 Euro zwei Pferde auf Platz. Das heißt: kommen sie unter die ersten drei, gewinnt er. Wie viel, hängt von der Quote ab. Gebannt verfolgt Jens Schmitt nun das Rennen von der Tribüne aus. Immer wieder wechselt sein Blick zwischen der Übertragung auf der Videoleinwand und dem Originalgeschehen.

"Die 3, jawoll! Okay, einen von beiden habe ich geschafft. Was heißt das jetzt? Oder habe ich gewettet, dass beide? Ach, ich habe keine Ahnung."

Für die 40 Euro Einsatz wird er 36 wiederbekommen. Gar nicht schlecht für den Anfang.

 "Ja, gefällt mir jetzt schon, das Spektakel."

Zwischen den Rennen lässt einer der Sponsoren 60 Kilogramm Speiseeis an alle verteilen, ein anderer den ‚Price for Elegance’ vergeben, eine sündhaft teure Armbanduhr für die "eleganteste Dame auf dem Rennplatz". Die Picknickwiese brummt, eine Reihe dahinter vergnügen sich die Eltern mit ihren Kindern auf der Hüpfburg. Das Wetter passt, das Rahmenprogramm auch. Zwei Stunden später, exakt um 17 Uhr 05, dann der Höhepunkt des Nachmittags: das Rennen um den ‚Großen Preis von Berlin’.

Wettnovize Jens Schmitt (Wolf-Sören Treusch)Wettnovize Jens Schmitt (Wolf-Sören Treusch)

Jens Schmitt füllt wieder einen Wettschein aus. Er ist deutlich hörbar angefixt, hat im Rennen zuvor auf die richtigen Pferde gewettet.

"Habe ich 1 und 4, sind Platz 1 und 2, dann habe ich gedacht ‚ach komm, machste noch ne Zweier-Wette’, auch 1 und 4. Das ist ziemlich viel Geld, glaube ich. Also wenn ich die Quoten richtig verstanden habe, ist es irgendwas mit hundert. Pro Euro Einsatz. Weiß ich nicht. Gucken wir mal. Es könnte ein bisschen was sein."

Irgendetwas hat er dann doch missverstanden. Nur 52 Euro hat er gewonnen, bei einem Einsatz von 7 Euro. Immerhin. Schnell noch auf eines der Scheich-Pferde gewettet, und ab auf die Tribüne.

"Herrje, die Nummer 1 holt auf! Komm schon! Ahhh, das sieht nicht gut aus. Guck dir das an."

An diesem Rennausgang verdient der junge Mann nichts. Die beiden Scheich-Pferde belegen nur die Plätze 2 und 3, werden an ihrer Reputation als künftige Deckhengste also noch arbeiten müssen. Jens Schmitt, der Programmierer, ist am Ende dennoch zufrieden. Die Investition hat sich gelohnt, sagt er: 75 Euro fürs Spezialticket bezahlt, mehr als 100 Euro raus geholt, dazu den Eintritt umsonst. Die Rechnung ist aufgegangen - für alle. Auch für Hoppegarten. Die Galopprennbahn hat einen neuen Fan gewonnen.

"Es war schön, es war einfach angenehm. Genau so wie ich es mir vorgestellt habe, nicht so: bei Fußball steht man nur da, trinkt Bier und grölt, sondern hier kann man die Picknickdecke auspacken, ich habe ein bisschen gelesen, ne Stunde zwischendrin. Hier kann man es aushalten. Die 22 Euro Eintritt, die würden mich schon noch ein bisschen abschrecken, aber mit dem Deal würde ich es wieder machen!"

Porträtfoto des Autors (privat)Wolf-Sören Treusch (privat)Autor Wolf-Sören Treusch: "Als regelmäßiger Sportschau-Gucker bin ich groß geworden mit Reporter-Legende Addi Furler. In den 70er und 80er Jahren berichtete er fast jeden Sonntag von einem Pferderennen irgendwo in Deutschland. Das ist längst Geschichte. Und ich fragte mich: was ist heute eigentlich los auf deutschen Pferderennbahnen?"

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