Seit 09:05 Uhr Im Gespräch
 

Freitag, 15.12.2017

Interview / Archiv | Beitrag vom 22.05.2017

Petersberger KlimadialogWas tun gegen den Anstieg des Meeresspiegels?

Stefan Rahmstorf im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Podcast abonnieren
Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) begrüßt am 22.05.2017 in Berlin beim Auftakt des 8. Petersberger Klimadialogs den Premierminister der Republik Fidschi, Josaia Voreqe Bainimarama. Der Petersberger Klimadialog des Umweltministeriums dient zur Vorbereitung der kommenden Weltklimakonferenz in Bonn. (Kay Nietfeld/dpa POOL)
8. Petersberger Klimadialog in Berlin (Kay Nietfeld/dpa POOL)

Nicht nur Korallenatolle wie die Malediven, auch Vulkaninseln wie die Fidschis sind vom globalen Anstieg des Meeresspiegels bedroht. "In Fidschi musste bereits eine Ortschaft deshalb umgesiedelt werden", warnt der Klimaforscher Stefan Rahmstorf.

Das im Klimaschutzabkommen von Paris vereinbarte Ziel, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu halten, wird nach Ansicht des Ozeanografen Stefan Rahmstorf wahrscheinlich nicht ausreichen, um tiefliegende Inseln auf Dauer zu retten. 

"Das verlangsamt natürlich den Fortschritt des Meeresspiegelanstiegs, oder ich muss es präzisieren: Es verhindert, dass der sich weiter beschleunigt. Man kann die Erwärmung zwar stoppen, aber man kann den Meeresspiegelanstieg auf viele Jahrhunderte hinaus nicht stoppen, weil das Meer so träge und zeitverzögert auf die Erwärmung reagiert."

Bereits eine Ortschaft auf den Fidschis umgesiedelt

Die Bedrohung kleinern Inselstaaten durch den Anstieg des Meeresspiegels ist auch Thema beim Petersberger Klimadialog, der am Montag beginnt und der in diesem Jahr von den Fidschi-Inseln geleitet wird.

Am stärksten gefährdet seien Korallenatolle wie die Malediven: "Da ist die höchste Stelle 2,4 Meter über dem Meeresspiegel. Dort ist der Meeresspiegel seit 1950 um 17 Zentimeter angestiegen relativ zum Land." 

Als Vulkaninsel sei Fidschi zwar nicht ganz so bedroht, aber auch dort habe man bereits eine Ortschaft umsiedeln müssen.

"Die Malediven gehen jetzt damit um, indem sie eine neue Insel bauen im Moment, die heißt Hulhumale, und eine neue Stadt, City of Hope. Dort sollen in einigen Jahrzehnten 150.000 Menschen leben. Diese künstliche Insel liegt etwas höher und ist durch drei Meter hohe Schutzmauern geschützt, also höhere Mauern als überhaupt das höchste Land, das es auf den Malediven bisher gibt."

(uko)


Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Heute beginnt der Petersberger Klimadialog in Vorbereitung auf die Weltklimakonferenz, die im November stattfindet und erstmals dann von einem kleinen Land, den Fidschi-Inseln, geleitet wird, und deshalb hören Sie hier im Hintergrund auch das Geräusch von Wind und Wellen. Weil die Fidschis aber eine so große Konferenz nicht allein stemmen können, leistet Deutschland Hilfe.

Die Konferenz wird dann von beiden in Bonn veranstaltet, denn die Fidschis gehören zu den Inseln, die vom Klimawandel und vom Anstieg des Meeresspiegels besonders betroffen wären. Deshalb hat auch der Premier die Staatengemeinschaft zum gemeinsamen Tun aufgefordert, egal, ob es sich um Entwicklungsländer oder Industriestaaten handele. Anlass für uns, darüber mit Stefan Rahmstorf zu sprechen. Er ist Ozeanograph und Klimatologe am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und jetzt am Telefon. Schönen guten Morgen!

Stefan Rahmstorf: Schönen guten Morgen!

Weltweiter Anstieg um 20 Zentimeter

von Billerbeck: Was sind die möglichen Folgen des Klimawandels für die Fidschi-Inseln?

Rahmstorf: Durch die globale Erwärmung steigt der Meeresspiegel. Das ist eine logische Folge, weil das Meerwasser sich, wenn es sich erwärmt, ja ausdehnt, und außerdem Landeismassen, die Gebirgsgletscher, die großen Eisschilde auf Grönland und der Antarktis abschmelzen und dadurch zusätzliches Wasser ins Meer gelangt. Das ist ja auch einfach eine Tatsache, dass das passiert. Der Meeresspiegel ist seit dem späten 19. Jahrhundert schon um etwa 20 Zentimeter weltweit angestiegen, und das betrifft natürlich insbesondere kleine tiefliegende Inseln.

von Billerbeck: Und dazu gehören also auch die Fidschis. Lässt sich dieser Prozess denn noch umkehren oder aufhalten?

Rahmstorf: Fidschi ist ja eine Vulkaninsel und von daher nicht ganz so gefährdet wie die Korallenatolle, wie zum Beispiel die Malediven, weil eine Vulkaninsel natürlich auch etwas höheres Land hat. Allerdings ist es bei diesen Vulkaninseln auch so, dass praktisch die gesamte Infrastruktur, Flughäfen, Ortschaften am Küstenstreifen konzentriert sind. Von daher ist auch eine solche Insel wie Fidschi durch den Meeresspiegelanstieg direkt bedroht. Und in Fidschi musste ja auch bereits eine Ortschaft deshalb umgesiedelt werden.

Das Problem – Sie fragten, was lässt sich tun, lässt sich das noch verhindern? Es ist ja klar, dass die globale Erwärmung gestoppt werden muss. Da ist sich die Weltgemeinschaft ja auch einig. Das ist das, was in dem Pariser Abkommen 2015 ja festgehalten wurde. Dort heißt es, die globale Erwärmung muss deutlich unterhalb zwei Grad gehalten werden. Allerdings würde das für einige tiefliegende Inseln, Staaten wahrscheinlich nicht ausreichen, um sie auf Dauer zu retten.

Das verlangsamt natürlich den Fortschritt des Meeresspiegelanstiegs, oder ich muss es präzisieren: Es verhindert, dass der sich weiter beschleunigt. Man kann die Erwärmung zwar stoppen, aber man kann den Meeresspiegelanstieg auf viele Jahrhunderte hinaus nicht stoppen, weil das Meer so träge und zeitverzögert auf die Erwärmung reagiert.

"Am stärksten gefährdet sind Korallenatolle"

von Billerbeck: Daraus schließe ich, dass die Faktenlage doch auch die Fidschis betreffend ziemlich eindeutig ist. Warum aber findet man dann im Netz immer noch wieder etliche, die belegen wollen, dass die Fidschis oder auch andere Inseln gar nicht untergehen werden?

Rahmstorf: Jetzt sprechen Sie diese sogenannten Klimaskeptikerwebseiten an. Da wird letztlich alles bestritten, was irgendwie die globale Erwärmung betrifft. Das hat aber mit Wissenschaft nichts zu tun, kommt ja auch nicht aus der Wissenschaft, sondern das sind einfach Leute, die nicht wahrhaben wollen, dass wir etwas ändern müssen, damit wir dieses Problem der globalen Erwärmung in den Griff bekommen.

von Billerbeck: Ist denn die Situation eigentlich überall vergleichbar? Sie haben ja schon ein paar Inseln genannt. Wenn wir nur mal die Fidschis nehmen oder eben die Malediven oder auch die Florida Keys. Wie kann man da Unterschiede fest machen für die künftige Lage dieser Inseln?

Rahmstorf: Am stärksten gefährdet sind die Korallenatolle, denn die haben überhaupt kein höher liegendes Land. Die Malediven zum Beispiel, im indischen Ozean, da ist die höchste Stelle 2,4 Meter über dem Meeresspiegel. Dort ist der Meeresspiegel seit 1950 um 17 Zentimeter angestiegen relativ zum Land. Das klingt zunächst mal wenig, aber das ist eben erst der Anfang eines Prozesses, der bis Ende dieses Jahrhunderts zu einem halben bis etwa einem Meter Meeresspiegelanstieg führen wird und dann eben auch noch weiter in den nächsten Jahrhunderten.

Die Malediven gehen jetzt damit um, indem sie eine neue Insel bauen im Moment, die heißt Hulhumale, und eine neue Stadt, City of Hope. Dort sollen in einigen Jahrzehnten 150.000 Menschen leben. Diese künstliche Insel liegt etwas höher und ist durch drei Meter hohe Schutzmauern geschützt, also höhere Mauern als überhaupt das höchste Land, das es auf den Malediven bisher gibt.

Vor allem Entwicklungsländer leiden unter dem Anstieg

von Billerbeck: Der frühere Präsident der Malediven hat ja mit dem Worst-Case-Szenario auch geworden, also durch den Untergang, hat mit dem Untergang offensiv Politik gemacht, um Spenden zu bekommen. Was halten Sie davon? Das wirft ja zumindest ein bisschen ein merkwürdiges Licht auf die Vorgehensweise, wenn man jetzt weiß, das passiert jetzt gar nicht sofort, sondern das dauert noch eine Weile?

Rahmstorf: So kann man es auch nicht sagen, weil diese Inseln haben zum Teil jetzt schon ganz erhebliche Probleme mit Küstenerosion und sind natürlich extrem gefährdet, wenn ein tropischer Wirbelsturm kommt. Von daher ist der Meeresspiegelanstieg zwar ein schleichendes und langfristiges Problem auf der einen Seite. Auf der anderen Seite trifft er dann aber wirklich schlagartig durch einen tropischen Wirbelsturm.

Die Industriestaaten müssen stärker unterstützen

Und Fakt ist natürlich, dass der weit überwiegende Teil der Treibhausgase, die jetzt in der Luft sind, von den Industriestaaten ausgestoßen worden ist, während die Opfer meistens eben kleine tiefliegende Inselstaaten oder arme Entwicklungsländer sind, die am meisten darunter leiden, durch zum Beispiel eben den Meeresspiegelanstieg, aber auch durch Dürren und Ernteausfälle, sodass es selbstverständlich bei diesen Klimaverhandlungen immer auch darum geht, wie die Industriestaaten die Entwicklungsländer dabei unterstützen, sich an die globale Erwärmung anzupassen und mit den Folgen umzugehen, auch finanziell unterstützen. Das ist ein essenzieller Teil auch des Pariser Abkommens.

von Billerbeck: Ja, und darum wird es heute auch gehen bei dem heute beginnenden Petersberger Klimadialog, der die nächste Klimakonferenz vorbereitet. Wir sprachen mit dem Klimatologen und Ozeanographen Stefan Rahmstorf vom Institut für Klimafolgenforschung in Potsdam. Ich danke Ihnen!

Rahmstorf: Ja, gern!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema

Klimawandel - Wie hoch ist der Meeresspiegel?
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 09.03.2017)

Klimawandel auf den Philippinen - Wasser frisst Zuhause
(Deutschlandfunk Kultur, Weltzeit, 27.02.2017)

Klimawandel - Ostfriesland rüstet sich für Sturmfluten
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 16.02.2017)

Interview

Abschaffung der Netzneutralität Kein Signal für Europa
Internetkabel an einem Breitbandanschluss. (imago stock&people)

Die EU-Abgeordnete Julia Reda ist optimistisch, dass die US-Entscheidung gegen die Netzneutralität sich nicht auf die EU auswirken wird. Im Gegenteil - sie glaubt, dass das europäische Gesetz eines Tages auch in Washington als Vorbild dienen könnte. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur