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Buchkritik | Beitrag vom 17.01.2017

Peter Temple: "Die Schuld vergangener Tage"Teamgeist über den Tod hinaus

Von Thomas Wörtche

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Ein Seil mit Schlinge (imago / Westend61)
Mac Faraday ist sich sicher, dass sein Ex-Kollege Ned sich nicht einfach so erhängt hat. (imago / Westend61)

Glasklar, reduziert, lakonisch: In "Die Schuld vergangener Tage" rettet ein Ex-Cop die Ehre eines tot aufgefundenen Freundes. Der frühe Roman des Australiers Peter Temple ist nun endlich auf Deutsch zu haben – und zeigt ihn bereits als Krimiautor von Weltformat.

Glasklar, reduziert, lakonisch: In "Die Schuld vergangener Tage" rettet ein Ex-Cop die Ehre eines tot aufgefundenen Freundes. Der frühe Roman des Australiers Peter Temple ist nun endlich auf Deutsch zu haben – und zeigt ihn bereits als Krimiautor von Weltformat.

Buchcover: "Die Schuld vergangener Tage" von Peter Temple (Random House)Buchcover: "Die Schuld vergangener Tage" von Peter Temple (Random House)Nach langer Durststrecke gibt es endlich auf Deutsch ein neues Buch eines der wichtigsten zeitgenössischen Autoren, dem in Australien lebenden Südafrikaner (beide Gegenden sind im Moment das lebendige Herz der avancierten Kriminalliteratur) Peter Temple. Ein großes Glück - auch wenn "Die Schuld vergangener Tage" bereits aus dem Jahr 1998 stammt.

Die Geschichte ist eine geradlinige Angelegenheit. Der Ex-Cop Mac Faraday, der seine Ruhe als Schmied und Landschaftsgärtner in der schroffen, bergigen Provinz finden will, wird von seiner Vergangenheit eingeholt, als er einen tot aufgefundenen Freund und damit sich selbst rehabilitieren muss. Die Handlung scheint sich aus den Figuren zu entwickeln, über die wir am Anfang herzlich wenig wissen, bis am Ende der Plot die Figuren dominiert. Wir wissen nur, dass Mac Faraday sich sicher ist, dass sein Ex-Kollege Ned sich nicht einfach so erhängt hat und je mehr wir über Ned wissen, desto tiefer dringen wir in die Geschichte ein, die letztendlich größer wird als die Figuren.

Die formale Legalität illegaler Vorgänge

"Die Schuld vergangener Tage" schlägt schon das Grundmotiv von Temples späteren, großen Büchern an (vor allem "Wahrheit", deutsch 2011): die formale Legalität illegaler Vorgänge und die Korruption des Staates durch dessen Repräsentanten, vor allem durch den Polizeiapparat und dessen dienender Rolle zu Nutz und Frommen der Eliten. Hier, in diesem frühen Buch, kann Mac Faraday zwar keine heile Welt herstellen, aber er kann den Kampf gegen das Establishment immerhin bis zu einem befriedigenden Ende führen, weil er Teamgeist und menschliche Solidarität auch über den Tod hinaus zu mobilisieren weiß. Ebenfalls schon Thema ist die Natur in diesem frühen Roman. Bei Temple ist sie nicht, wie bei manchen amerikanischen Kollegen, James Lee Burke etwa, eine fast religiös aufgeladene Gegenbildlichkeit zu den sündigen und verrotteten Städten, sondern eine notfalls genauso raue, herausfordernde, gar feindliche Wirklichkeit, an der der Mensch sich abzuarbeiten hat.

Der ästhetische Reiz des Romans liegt aber auch an der Weigerung Temples, Dinge zu erklären. Die Erzählung spricht für sich selbst, die Figuren sind weniger Typen, denn "echte" Menschen – ihre Typologisierung läuft über ihre Tätigkeiten. Wie sie ihre Arbeit machen sagt alles über ihre ethische Disposition. Das ist alles sehr handwerklich, sehr körperlich angelegt, wozu auch die Freizeitfußballmannschaft zählt, die für die Team-Metapher steht: Nicht unbedingt siegen, sondern anständig kämpfen, ist die Devise. Und es spricht sehr für Temple, dass daraus kein Kumpel- und Kerls-Roman wird, für seine Frauenfiguren gelten selbstverständlich die selben Parameter.

Der australische Schriftsteller Peter Temple, aufgenommen am 3.9.2010 beim Melbourne Writers Festival (imago / ZUMA Press)Der australische Schriftsteller Peter Temple (imago / ZUMA Press)

Nicht nur Australien wartet auf das nächste Werk

Und dann ist da noch Temples Stil. Glasklar und reduziert, kein überflüssiges Wort, wie auch in seinen lakonischen Dialogen, die von leisem Sarkasmus durchtränkt sind, und von doppelbödiger Brillanz, ohne diese Brillanz zum Thema machen zu müssen. "Die Schuld vergangener Tage" zeigt Temple schon als den Autor von Weltformat, als der er sich später mehr als eindrucksvoll beweisen wird. "Wahrheit" von 2008 war sein bisher letztes Buch, seitdem wartet nicht nur Australien auf das nächste Werk. Was keinesfalls heißt, dass "Die Schuld vergangener Jahre" nur ein Lückenfüller ist. Ein wunderbarer, ein einzigartiger Roman.

Peter Temple: "Die Schuld vergangener Tage"
Roman
Aus dem Englischen von Hans M. Herzog
Penguin Verlag, München 2016
331 Seiten, Euro 10,00

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