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Lesart / Archiv | Beitrag vom 14.09.2016

Peter Sloterdijk: "Das Schelling-Projekt"Philosophischer Unfug zur weiblichen Sexualität

Von Arno Orzessek

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Eine Frau probiert eine Erdbeere (picture alliance / dpa / David Ebener)
"Zum Problem der Entfaltung luxurierender Sexualität auf dem Weg von den Hominiden-Weibchen...", so der Titel eines Forschungsantrags in Sloterdijks Buch - ob darin auch Erdbeeren vorkommen? (picture alliance / dpa / David Ebener)

Haben Frauen besseren Sex als Männer? Diese Frage wollen die Protagonisten im Roman "Das Schelling-Projekt" mittels eines Forschungsprojekts klären. Eine drastische Farce - teils pornografisch-trashig und mit Rückgriffen auf die Philosophie Schellings. Autor des Werks ist Peter Sloterdijk.

Es gibt ja Leute, die nehmen Peter Sloterdijk philosophisch-intellektuell bis heute nicht für voll. Ob sie nun Jürgen Habermas heißen oder nicht - für sie ist Sloterdijk ein aufgeblasener Blasenblubberer. Und gar keine Frage, diese Leute werden "Das Schelling-Projekt" als mentalen Offenbarungseid lesen, als ein schmutziges Schwelgen in ungepflegter Altherren-Geilheit und schwitzigen Zoten.

Alle anderen, die das Buch als das nehmen, was es ist - eine drastische, hochtrabend verklügelte Farce aus dem selbstironischen Geist der Postmoderne -, dürfen sich auf eine lustig-lukrative Lektüre freuen, deren Kitzel neben dem Gehirn auch auf andere Organe zielt.

Sie sind ihrer fünf, diese guten alten Bekannten mit teils libidinös verwickelten Vorgeschichten. Und Keuschheit ist immer noch nicht ihr Hobby: Guido Mösenlechzner, Beatrice von Freygel, Desiree zur Lippe, Kurt Silbe und Peer Sloterdijk.

In zunehmend erregtem E-Mail-Verkehr bewegt sie der Verdacht, dass der weibliche Orgasmus das geheime Endziel der Evolution sei, woran sich die bekannte These anschließt, Frauen hätten besseren Sex, womöglich um Dimensionen besseren, wie die akustischen Umstände beim Höhepunkt zeigten.

Um alles Nähere und Weitere durch reines Denken zu erforschen, stellt das akademisch versierte Quintett bei der Deutschen Forschungsgesellschaft den Antrag "Zwischen Biologie und Humanwissenschaften: Zum Problem der Entfaltung luxurierender Sexualität auf dem Weg von den Hominiden-Weibchen".

Und so geht's weiter. Gehobener, nie restlos unernster Sloterdijk-Unfug halt, der sich seine bombastische Anspruchs-Attitüde im Rahmen der "Erkenntniswirtschaft" durch Rückgriff auf die Philosophie F. W. J. Schellings erhält. Grinsende Wissenschafts-Satire ist im Preis inbegriffen, klar.

Sloterdijk spricht durch jeden

Doch natur- und sachgemäß steht der weibliche Orgasmus - auch: "neuronaler Gottesbeweis" - häufig, quasi multipel, im Fokus. Der orthodoxe Feminismus wird darüber in Schreikrämpfen erstarren - so beherzt pornografisch und trashig geht es bisweilen zu. Desiree zur Lippe erinnert sich an Sepp, den "Salinen-Ingenieur", als Liebhaber "eine Granate". Und nun, als habilitierte 50-plus-x-Jährige masturbierend auf dem Bett liegend, kommt es ihr dämlich vor, sich nicht weiter geöffnet zu haben, obwohl sie stets tropfte "wie ein Kieslaster".

Beatrice von Freygel steuert die Episode mit den südosteuropäischen Möbelpackern bei, die sie unsortiert gewähren lässt: "Meine Öffnungen waren fortwährend mehrfach belegt, falls du verstehst, was ich meine." Und so weiter.

Sloterdijk versucht gar nicht erst, sich hinter "Peer" zu verstecken, der übrigens mitteilt, "dass es weiter perlt". Die ganze Fünferbande ist ähnlich sprachbegabt wie der Autor und reiht statt grauen Sätzen überwiegend grelle Pointen aneinander. Alle können zu jedem Thema großspurig Erhellendes beitragen. Kurz: Sloterdijk spricht durch jeden.

Denn merke: "Ein Mann ist ein Medium für entladungswillige Geister." In diesem Sinne muss "Das Schwelling-Projekt" als Höhepunkt seines Werks gelten und das Resümee lauten: Toll abgespritzt!

Peter Sloterdijk: Das Schelling-Projekt
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016
251 Seiten, 24,95 Euro

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