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Lesart | Beitrag vom 13.03.2018

Peter Michalzik über sein Buch "1900"Her mit dem schönen Leben!

Peter Michalzik im Gespräch mit Andrea Gerk

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Historisches Foto vom einstigen zentralen Gebäude der Aussteiger-Kolonie auf dem Monte Verità am Lago Maggiore  (picture alliance / dpa / Foto: Ticino Turismo)
In der Aussteiger-Kolonie auf dem Monte Verità wollten viele Künstler und Philosophen zu sich selbst finden. (picture alliance / dpa / Foto: Ticino Turismo)

Aussteigen, ein besseres Leben führen - schon vor mehr als 100 Jahren ein Wunsch von vielen. Auf dem Monte Verità in der Schweiz suchten ihn Schöngeister und Philosophen zu verwirklichen. Peter Michalzik beschreibt diese frühe Aussteiger-Szene in seinem Buch "1900".

Andrea Gerk: Nackt baden, freie Liebe und Rohkost auf dem Wahrheitsberg – dem Monte Verità. In Tessin wurde um 1900 das Aussteigertum zelebriert. Dichter, Maler und Philosophen wie Erich Mühsam, Max Weber oder Else Lasker-Schüler kamen da hin und veranstalteten Sommerkurse oder versuchten vom Alkohol loszukommen wie Hermann Hesse. Seit einigen Jahren findet auf dem kleinen Berg ein Festival statt. In zehn Tagen ist es wieder so weit, und dabei treffen sich Dichter und Wissenschaftler, halten Vorträge und diskutieren.

Der Berg spielt aber auch eine Hauptrolle im neuen Buch von Peter Michalzik. Er ist Autor und Theaterkritiker, und ich bin jetzt mit ihm in Frankfurt am Main verbunden. Wie kam das denn damals, dass der Monte Verità überhaupt so eine magnetische Wirkung hatte auf sämtliche Freigeister dieser Zeit?

Michalzik: Ja, das ist eine gute Frage, die letztlich nicht wirklich zu klären ist. Also der Berg wurde gegründet, die suchten sich einen Berg im Süden – oder einen Hügel muss man sagen eher, das ist kein richtiger Berg, das ist ein Hügel –, zogen dorthin, und dann, das ging innerhalb von kürzester Zeit, das hat nur ein paar Wochen gedauert, da meldeten sich Leute aus dem Norden und sagten, sie wollten auch dort hinkommen, oder kamen einfach. Wie die davon mitbekommen hatten, man weiß es nicht. Es stand in keiner Zeitung bis dahin, es muss Mund-zu-Mund-Propaganda gewesen sein, und die hat damals offensichtlich sehr, sehr gut funktioniert.

Gerk: Und was suchten die da eigentlich? Kann man das überhaupt so über einen Kamm scheren?

Michalzik: Nein, das kann man nicht über einen Kamm scheren. Die suchten ganz, ganz unterschiedliche Sachen. Die suchten Dinge, wie Sie sie schon angesprochen hatten – freie Liebe -, sie suchten auch einfach gesund zu werden, sie suchten nach neuen Gesellschaftsentwürfen, sie suchten nach Möglichkeiten zu arbeiten.

Aber vielleicht gibt es doch einen Punkt, wo sie im Kern sich alle berührt haben, dass sie dachten, in der Natur, das ist ein wichtiger Punkt, also im direkten Kontakt mit Luft, Licht und Sonne einerseits zu leben, ist dem Menschen zuträglicher, und andererseits, dass sie sich dort wirklich selbst, den eigenen individuellen Fähigkeiten nach, entfalten können – und das in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten – das war vielleicht der Gedanke, den alle irgendwie empfunden haben und mit dem alle Hoffnungen verbunden haben.

Konflikt zwischen Selbstbestimmung und Sich-Einlassen

Gerk: Und was haben Sie auf dem Monte Verità gesucht? Was hat Sie denn da hingezogen?

Michalzik: Mich interessiert einfach die Geschichte von einer großen Menge von interessanten, von bekannten und unbekannten Menschen, die diesem Gedanken des, sagen wir mal ganz einfach, naiv gesagt, des guten Lebens sich verpflichtet fühlen und die sich fragen – und es nicht nur theoretisch, ideologisch versucht haben, sondern praktisch versucht haben –, wie kann man das denn in die Wirklichkeit umsetzen? Was kann man denn tun?

Und diese Menschen haben sich getroffen, und da ergeben sich dann halt sehr, sehr viele Geschichten, und diese Geschichten sind das, es geht ja um ein Buch, diese Geschichten sind das, was mich dann letztendlich sehr interessiert hat. Wie entfalten sich Menschen zwischen dem Versuch, ein ganz individuelles Leben zu leben und das Ganze in einer Gemeinschaft zu tun – also zwischen Selbstbestimmung und Sich-Einlassen auf andere Leute, was ja vielleicht einer der größten Konflikte ist, in dem wir auch heute noch leben.

Gerk: Sie sagen ja sogar in Ihrem Buch, dass Sie, quasi, 1900 sei das Anfangsdatum dessen, was wir heute so unter Individualismus verstehen. Geht da nicht der Trend eigentlich gerade wieder ein bisschen weg vom Individualismus, dass man wieder so Teil einer Bewegung sein will?

Michalzik: Na ja, wenn wir Facebook, Twitter und alle anderen digitalen Bewegungen, oder wenn man sie als Bewegungen bezeichnen will, aber das ist, glaube ich, immer noch der richtige Ausdruck, wir vereinigen uns ja unter einem gemeinsamen Dach da, dann sind wir einerseits alle konform dabei, und andererseits versucht jeder, dabei total individuell zu sein. Jeder versucht sich ja dort so abzubilden und darzustellen, dass er als interessante, individuelle, einzigartige Persönlichkeit erscheint, und dieser Widerspruch existiert nach wie vor, nur auf eine etwas andere Form.

Der Journalist und Theaterkritiker Peter Michalzik (imago stock / star media )Der Journalist und Theaterkritiker Peter Michalzik (imago stock / star media )

Gerk: Was denken Sie denn, weshalb es gerade zu diesem Zeitpunkt so ein starkes Bestreben gab, an sich selbst zu arbeiten, aber eben auch tatsächlich über diese Selbstoptimierung die Gesellschaft verbessern und reformieren zu wollen? Was war da los?

Michalzik: Ja, ich glaube Selbstoptimierung ist nicht der ganz richtige Ausdruck – das ist zwar heute der richtige Ausdruck –, für damals geht es um was, es war einfacher damals. Die wollten sich nicht toller machen, als sie sind, sondern sie wollten mehr, sagen wir mal, der Ausdruck "im Einklang mit sich sein" ist, glaube ich, passender. Was los war, ist, dass seit, sagen wir circa der Mitte des damals vergangenen Jahrhunderts, also des 19., von 1850 bis eben 1900 – was eben doch ein entscheidendes Jahr war –, dass in dieser Zeit ja der Glaube, der christliche Glaube, damals sich völlig, nicht ganz aufgelöst hatte. Die Kirche existierte noch, die Institutionen existierten, aber das, dass das ein Leitbild für das Leben sein könnte, dieser Glaube hatte sich weitgehend aufgelöst, und die Leute waren orientierungslos, muss man sagen.

Und damals bildeten sich ja, oder wurden stark, auch viele Ideologien, das wissen wir alle, das hat ja dann die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts total geprägt, also sowohl in Deutschland als auch in der Sowjetunion vor allen Dingen, aber neben diesen Ideologien gab es eben andere Dinge, wie man versucht hat, utopisches Denken, ein Entwurf dessen, wie man vielleicht auf dieser Welt besser leben könnte, zu verwirklichen. Und da war der Monte Verità eine sehr, sehr starke und ich glaube auch nachhaltige Bewegung.

Nietzsche auf der Suche nach guter Ernährung

Gerk: Sie erzählen ja wirklich tolle Geschichten in Ihrem Buch. Das wirkt auch zum Teil aus heutiger Sicht natürlich sehr kauzig, was diese Menschen da versucht haben, oder wie exzessiv sie sich, gleich am Anfang Nietzsche zum Beispiel, der sich lebenslang mit seiner Ernährung herumgeschlagen und herumgeärgert hat. Welcher hat Ihnen denn so am besten gefallen, oder was fanden Sie am erhellendsten von diesen ganzen kauzigen Menschen, die Sie da versammeln?

Michalzik: Oje, das ist eine schwierige Frage. Das sind so viele, und viele sind mir ans Herz gewachsen, also auch Nietzsche in seiner Unbeholfenheit – und man wusste ja damals nicht viel über Ernährung, das muss man ja auch mal sagen –, in seiner Unbeholfenheit irgendwie eine Ernährung zu finden, bei der er sich wohl fühlt …

Gerk: Heute hätte er wahrscheinlich gar nicht so starke Probleme.

Michalzik: Nein, der hätte viele Probleme, die der hatte, heute nicht, weil wir viel mehr darüber wissen, was unter anderem mit dem Monte Verità zusammenhängt. Dann ist eine Figur, in die ich mich regelrecht verliebt habe beim Schreiben, Franziska zu Reventlow, eine Frau, die eigentlich gar nicht zum Monte Verità wollte und die dann dort erst – also eine norddeutsche, aber in München lebende Lebedame, eine der aufregendsten Frauen der Münchener Gesellschaft damals –, und die dann am Monte Verità, in den zehn Jahren, die sie dort verbracht hat, mit ihrem kleinen und dem größeren Kind, dann doch ihr eigenes Leben fand und dann einen ganz tragischen Unfall hatte, bei dem sie starb, zufällig. Aber sie fand auf dem Monte Verità, obwohl sie das schrecklich fand, dass die alle so zerzaust waren und eben nicht so angezogen, wie es sich gehört hat …

Gerk: Wie war denn überhaupt das Geschlechterverhältnis, wir reden da ja dieser Tage sehr viel drüber, war da auch schon so ein Bestreben, dass Männer und Frauen gleichberechtigter zusammenleben?

Michalzik: Ja, das war einer der ganz, ganz wichtigen gemeinsamen Versuche, Ida Hofmann, eine der Gründerinnen – war eine bekannte Frauenrechtlerin –, hat auch mehrere Schriften dazu verfasst, und es war tatsächlich der Versuch, Männer und Frauen gleichberechtigt leben zu lassen. Wir wissen mittlerweile, das geht ja bis heute, dass der Versuch alleine und auch der gute Vorsatz, aufseiten der Männer vor allen Dingen, nicht immer dazu führt, dass sich das so leicht verwirklicht. Und auch damals war es dann so, dass das nicht immer geklappt hat, was die sich vorgestellt haben, aber sie waren die Ersten, die, glaube ich, auch wirklich daran geglaubt haben.

Gerk: Also, viele Anregungen, die der Monte Verità auch für unsere Zeit noch bietet, im Buch vom Peter Michalzik. Vielen Dank für dieses Gespräch, Herr Michalzik! Und das Buch "1900. Vegetarier, Künstler und Visionäre suchen nach dem neuen Paradies" ist im DuMont-Verlag erschienen. 414 Seiten kosten 24 Euro.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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