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Thema / Archiv | Beitrag vom 19.02.2010

Peter Licht: Geiz hat auch eine sehr anarchische Komponente

Der Kölner Autor über seine Theaterfassung von Molieres "Der Geizige"

Peter Licht im Gespräch mit Jürgen König

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Szene aus Peter Lichts Inszenierung von "Der Geizige" (Bettina Stöß)
Szene aus Peter Lichts Inszenierung von "Der Geizige" (Bettina Stöß)

Er habe mit seiner Inszenierung von "Der Geizige" eine Etüde über Begriffe machen wollen, die auch im Molière’schen Original schon drin sind, sagt Peter Licht. Dazu gehören Kapitalismus, Anhäufung, Verdünnung und Adipositas. Lichts Version von "Der Geizige" feiert morgen am Berliner Maxim-Gorki-Theater Premiere.

Jürgen König: Guten Tag, Herr Licht!

Peter Licht: Grüß Gott!

König: "Der Geizige", ein Familiengemälde von Peter Licht nach Molière, so steht es auf dem Plakat, im Mittelpunkt also wiederum der geizige Monsieur Harpagon, er sitzt auf seinem Geld und ist nicht im Geringsten bereit, dieses Geld weiterzugeben, weil er keinen Platz macht, kommt das Leben seiner Kinder nicht von der Stelle. Er zwingt sie in den Wartezustand, was hat der Molière, dass Sie Lust hatten, Herr Licht, mit diesen Molière’schen Figuren weiterzuspielen?

Licht: Ja, Herr Molière hatte schon eine ganze Menge, eigentlich schon alles. Ich finde, wenn man das Stück durchliest – wie alt ist es jetzt? 300 Jahre circa – ist eigentlich schon alles durchdekliniert, was man heute so findet.

König: Aber irgendwas muss Sie gereizt haben, es neu durchzudeklinieren.

Licht: Ja, was reizt mich? Es reizt mich meine Welt, mein Leben und mein Blick umher.

König: Und was hat ihr Blick gesehen, als Sie die Seiten dieses hunderte Jahre alten Stückes durchforsteten?

Licht: Ja, was ich gesehen habe ist, dass es ein großes Meisterwerk ist, an dem man eigentlich tunlichst seine Finger weglassen sollte.

König: Was Sie dann aber genau nicht taten.

Licht: Ja, ich habe es aber insofern meine Finger weggelassen, indem ich einfach eine sehr andere Fassung gemacht habe, die, ja finde ich, sehr weit entfernt ist. Also von diesem wunderbaren, meisterhaften Plot, der so ineinandergreift und ich wollte das jetzt auch nicht einfach so in die heutige Zeit übersetzen, was ich eigentlich langweilig finde. Ich hatte eigentlich mehr … Mein Ziel war, so eine Etüde zu machen über diese Begriffe, die auch in dem Molière’schen Original schon drin sind. Über dieses Phänomen Kapitalismus, über das Phänomen Anhäufung, Verdünnung, dort viel, dort wenig, Adipositas, raushauen, reinsammeln und solche Phänomene, die fand ich einfach sehr interessant.

König: Wobei sich mir die Frage aufdrängt, wozu brauchen Sie denn noch den Molière? Sie hätten ja auch ein Stück einfach über die genannten Dinge und Themen schreiben können.

Licht: Ja, ich finde es einfach sehr schön, wenn dann so diese Bugwelle noch dabei ist von so einer altertümlichen Bedeutung, und von etwas, was es schon gibt. An dem man sich so abarbeitet und wo man so ein zweites Licht setzt.

König: In einem Text des Berliner Maxim Gorki Theaters heißt es, jetzt veröffentlicht zur Premiere: "Peter Licht hat ein dramatisches Familiengemälde geschrieben, das Motive von Molières berühmter Komödie aufnimmt und sie auf ein Land bezieht, in dem es zu viel von allem gibt, nur schlecht verteilt. Die Alten haben das Geld und die Jungen wollen es haben, die Generationenfrage heißt: Wer ist dran?" Dran ist ja im Original erst mal Harpagon, sehr verbittert, ein alter Mann, der am liebsten mit niemandem etwas zu tun haben würde, ein Egomane, vielleicht auch nur ein ganz gewöhnlicher Individualist. Sehen Sie solche Typen 2010 auch im Leben agieren, umzingelt von Leuten, die gerne dran sein wollen, es aber nicht können?

Licht: Also im Original ist der Harpagon eine ziemliche, ja, die Hassfratze schlechthin, aber eigentlich auch der große Sympath dieses ganzen Stückes, weil er der Einzige ist, der einfach Flagge zeigt und sagt, was er denkt. Der ganze Rest, die ganzen Jungen, Liebenden sind irgendwie merkwürdig geleehaft und keiner sagt eigentlich so richtig, was er will. Insofern ist der Harpagon in seiner Hässlichkeit sympathisch, und ich habe den Versuch unternommen, dieses Geizphänomen, dieses Haltenwollen, dieses Nichts-Rausgeben plausibel zu machen, und ich bin selber auf die Reise gegangen, mir vorzustellen, wie wird so eine Figur plausibel und wie macht das Ganze Sinn? Und wenn man sich jetzt so ein Phänomen wie Innehalten, Geiz, Nichts-Rausgeben, also kein Element des Wirtschaftskreislaufes sein zu wollen, wie es ja der Harpagon ist, weil er einfach nichts ausgibt, dann kommt dadurch auch eine sehr anarchische Komponente zum Tragen, die ich sehr interessant finde, und die dann eigentlich auch das ganz konterkariert, dass der Harpagon jetzt der böse Kapitalist ist, sondern er ist eigentlich eher ein Asket, der die Wahrheit des Lebens sucht und eigentlich nicht mitmachen möchte, weil er einfach nur sammelt. Er sammelt auf Kosten von anderen, und das ist dann eben auch sehr unangenehm für den ganzen Rest, und wenn ich mir die Wirtschaftsführer von heute und die Idealbilder, die Menschenbilder anschaue, dann sehe ich auch jetzt keinen fetten, fiesen Kapitalisten mehr wie im Brechtschen Sinne mit einer Zigarre im Mund und Monokel, das gibt es nicht mehr. Es sind alles Asketen.

König: Na, man sieht sie vielleicht nur nicht mehr, geben tut es die bestimmt.

Licht: Ja gut, wenn es …

König: Weil das Zigarrenrauchen aus der Mode gekommen ist, oder überhaupt dieser ganze Habitus, ich bin ein Kapitalist, ich zeige, was ich habe.

Licht: Das sind eher Zen-Buddhisten im Dienste des Marktes, die im Dienste sind. Also die auch gar nicht für sich greifen, wenigstens so, wie sie in die Öffentlichkeit treten, aber ich glaube auch, es geht einfach mehr um so ein systemisches Phänomen, dass man diesem Markt dient und dass man dem Wachstum dient. Und wenn jetzt der Geizige das nicht tut, ist es ein Anarchist.

König: Eine Frage zur Form, beim Molière haben wir ja ein ausgesprochen kompliziertes Familiengeflecht, also der Familienvater hockt auf dem Besitz, die Frau ist tot, die Kinder können finanziell nicht auf eigenen Füßen stehen, verwickeln sich in Liebesgeschichten, dann muss der Sohn entdecken, dass die, die er haben will, auch von seinem finanzstarken Vater umworben wird, beim Liebhaber der Tochter stellt sich heraus, dass er ihr Bruder ist. Also eine klassische Molière’sche Konstruktion, eine sehr eng geführte Handlung mit immer wieder überraschenden Gegenüberstellungen und Entwicklungen. Interessiert Sie so was als, weiß ich nicht, Bearbeiter oder auch Neuschöpfer dieses Stoffes oder sagen Sie, interessiert mich alles gar nicht?

Licht: Also es unterhält mich zunächst, und insofern interessiert es mich auch. Ich stelle aber fest, dass ein starkes Motiv und was eigentlich alle Figuren motiviert bei Molière, nämlich, dass eine Erlaubnis herbeigeführt werden soll, irgendjemanden zu heiraten und jemand anders, nämlich der Vater, verbietet diese Heirat, dass so was heute einfach komplett aus der Welt ist und uninteressant ist. Was allerdings interessant ist, ist schon das Generationsverhältnis, wo es eben darum geht, dass die einen vom anderen verlangen, nämlich die Jungen von den Alten, dass sie ihnen die Mittel zur Verfügung stellen, ihr Leben zu machen. Und ich bin eben auf dann so allgemeiner Ebene gegangen, um dann diesen Konflikt, ich brauche was, ich brauche Geld, um mein Leben zu machen und das findet nicht statt, und das ist ein Konflikt, den ich überall sehe.

König: Ich habe ehrlich gesagt noch nicht ganz verstanden, wozu Sie den Molière brauchen für diesen Abend, warum Sie nicht einfach über das – wie Sie es vorhin beschrieben haben – systemische des Kapitalismus nach eigenem Gutdünken ein Stück geschrieben haben. Wozu brauchen Sie noch dieses Konstrukt des alten Molière?

Licht: Den brauche ich auch gar nicht, das stimmt. Denn was braucht man?

König: Aber auf dem Programm steht: "Der Geizige" von Peter Licht nach Molière, also Molière taucht da schon auf.

Licht: Ja, das ist richtig.

König: Warum?

Licht: Ja, ich … Warum braucht man die Geschichte? Ich brauche keine Geschichte, ich brauche natürlich Geschichte und ich brauche sie aber auch gar nicht. Wir leben im Hier und im Jetzt und wir machen unsere Angelegenheiten, wir deklinieren unser Leben durch. Und wir finden jetzt statt und … Aber ich brauche meine Geschichte natürlich und so sehe ich das auch mit einem literarischen Vorbild, dass ich das natürlich brauche, aber dass ich es auch nicht brauche.

König: Also das heißt, Sie erzählen eine Geschichte von heute und der alte Molière schwebt sozusagen über den Wassern wie ein Hintergrund, um abzuzeigen, meinetwegen, wie weit wir uns entfernt haben von seinen Zeiten?

Licht: Ich erzähle keine Geschichte, ich gehe in Gefühlszustände und in Zustände, ich gehe in den Zustand von Anhäufung, in den Zustand von Verdickung und in die Verhältnisse von Systemen wie Kapitalismus, wie Marketing und Fettsucht.

König: Das habe ich nicht verstanden. Was ist ein Zustand der Verdickung?

Licht: Ja, der Zustand der Verdickung, der sich einstellt, wenn ich mein Geld aufs Konto stecke und die Zinsen sich anhäufen lasse, und die Zinsen verdicken sich. Und in so synkopischen Sprüngen entwickelt sich das Geld weiter, und springt, und verdickt sich.

König: Was ja nichts anderes ist, als wenn bei Harpagon in seiner Kassette das Geld sich immer weiter vermehrt.

Licht: Exakt, das ist genau die Sache, das ist eben ganz was anderes … Dass es eben genau nichts anderes ist als das, und dass der Sparzwang, Kapitalbildung durch Sparzwang, dass das ein Phänomen ist, was Molière sehr exakt beschrieben hat für seine Zeit, und was heute, wenn man einfach irgendwie wahllos das Radio oder irgendein Medium anmacht, sofort auch dieses Phänomen wieder erscheint.

König: Welches Phänomen meinen Sie jetzt genau?

Licht: Kapitalbildung durch Sparzwang, wie so eine Krankheit.

König: Aber Geiz und Sparzwang ist ja noch zweierlei.

Licht: Ja, aber das ist interessant, das Verhältnis der beiden Dinge. Sparen ist natürlich, kommt aus der Sparkasse, aus dieser bullerbühaften Welt der Kreissparkasse oder der Raiffeisenkasse am besten noch, wo es noch das Kaninchenfutter hinten drin gibt, hinter dem Tresen. Und der Geiz ist, ja, ist was Böses, aber irgendwie auch wieder eigentlich was, wie wir ja alle diese berühmte Werbekampagne kennen, die ich jetzt gar nicht erwähnen möchte, aber, ja, ist auch was Erstrebenswertes, aber ist auch eine Todsünde. So, und es geht eigentlich immer nur dasselbe, dass man seine Sachen zusammenhält, auf der anderen Seite gibt es ein gigantisches Wachstumsgebot. Und ich, letztens noch eine große Plakatkampagne der Gewerkschaften gesehen, auf dem Stand: Sozial ist, was das Wachstum fördert. Das sind alles so wunderbare Verbindungen, dass ich es interessant finde, darüber ein Stück zu schreiben.

König: Herr Licht, Sie haben das sehr charmant beschrieben, ich gestehe, ich habe es nicht verstanden, aber es wird …

Licht: Ich auch nicht.

König: Sie auch nicht?

Licht: Nein.

König: Das ist doch gut, dann enden wir ja sozusagen im Konsens und freuen uns auf die Premiere morgen Abend.

Licht: Ja, ich mich auch.

König: Im Berliner Maxim-Gorki-Theater. "Der Geizige", ein Familiengemälde von Peter Licht nach Molière, Uraufführung wie gesagt, morgen Abend. Ein Gespräch hörten Sie mit dem Autor, Peter Licht, ich danke Ihnen!

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