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Buchkritik | Beitrag vom 08.03.2018

Peter Härtling: "Der Gedankenspieler"Protokoll eines Abschieds

Von Jörg Magenau

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Cover: "Der Gedankenspieler" von Peter Härtling, im Hintergrund: Eine Person im Rollstuhl (Kiepenheuer&Witsch / imago / Westend 61)
Für seinen letzten Roman erfindet der Schriftsteller Peter Härtling das Alter Ego Johannes Wenger - ein alter, knurriger Architekt, der auf den Rollstuhl angewiesen ist. (Kiepenheuer&Witsch / imago / Westend 61)

Als Peter Härtling im Juli 2017 starb, war das Manuskript seines Romans "Der Gedankenspieler" noch unveröffentlicht. Nun erscheint sein letztes Buch, mit dem er tiefe Einblicke in seine Krankengeschichte gibt und sich aus dem Leben verabschiedet.

Peter Härtling war schon lange schwer krank, litt an Herzrhythmusstörungen, an Diabetes und war in den letzten beiden Jahren seines Lebens auf Dialyse und den Rollstuhl angewiesen. All das ist diesem gar nicht so romanhaften Roman abzulesen, in dem er sich mit dem alten, knurrigen Architekten Johannes Wenger ein Alter Ego geschaffen hat, dem er die Erfahrung aufbürdet, zum Hilfsbedürftigen zu werden. Der Tagesrhythmus wird durch das Erscheinen der Pflegerinnen bestimmt, die ihm aufhelfen und ihn auch "untenrum" waschen.

Mittags kommt der Essenslieferant, dessen Angebot, während des Essens für ein wenig Gesellschaft zu sorgen, der Alte aber jedes Mal ablehnt. Dass er, der sein Leben lang ein überzeugter Einzelgänger und Single gewesen ist, sich jetzt mit permanenter Gesellschaft abfinden muss, ist eine Konsequenz seines gebrechlichen Zustands. Was es heißt, im Rollstuhl zu sitzen und anderen Menschen eher auf Gesäßhöhe zu begegnen, ist das andere. So handelt dieser Bericht vom Alter und von der Krankheit zum Tode auch davon, wie man seine Würde verteidigt.

Was die Krankheit mit dem Menschen macht

Wenger ist Härtling so nah, dass er unter der Hand mehr und mehr zum Autor mutiert – wenn auch zu einem, der Essays über Architekturgeschichte schreibt, Gedankenbriefe an berühmte Architekten von Schinkel bis zu Mies van der Rohe oder auch an die Freunde, die er in seiner letzten Lebensphase gefunden hat. Das ist der Arzt Dr. Mailänder, der sich hingebungsvoll um ihn kümmert, ihn auch mit seiner Frau und deren kleiner Tochter bekannt macht und ihn kurzerhand in den Osterurlaub nach Travemünde mitnimmt.

Das alles ist überschaubar und wenig spektakulär. Ein Ausflug im Rollstuhl in ein Gartenlokal an der Strandpromenade, wo er sich mal ordentlich betrinkt, ist schon fast das Äußerste an Abenteuer. Wichtiger an diesem Buch ist das Krankheitsgeschehen und was es mit dem Menschen macht. Wie wird man damit fertig, wenn die Niere versagt und ein Leben nur noch in Abhängigkeit von den Dialyseapparaturen möglich ist?

Lektüre ist bewegendes Ereignis

Wenger schafft das mit erstaunlichem Gleichmut. Immer wieder haut es ihn um. Dann kommt er ins Krankenhaus, wo er zum Objekt der Medizin wird. Mehr und mehr lebt er aus den Erinnerungen. Zu den Höhepunkten des Buches gehört die nur kurz angedeutete Geschichte der Vertreibung und Flucht aus Mähren nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch das sind autobiographische Passagen. Härtling musste als Kind miterleben, wie die Mutter von Soldaten der Roten Armee vergewaltigt wurde und sich wenig später das Leben nahm.

Für den "Gedankenspieler" erklären diese Erinnerungen, warum es bei ihm keine Rückkehr in eine heile Kindheit geben kann und ihm nur die Flucht nach vorne bleibt. So endet das Buch mit dem Brief an Dr. Mailänder und die neu gefundene Familie. Härtling hält auch da einen leichten, und unangestrengten Ton durch. Das macht die Lektüre dieses Abschieds sicher zu keinem großen Roman, aber doch zu einem bewegenden, nahe gehenden Ereignis.

Peter Härtling: "Der Gedankenspieler"
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018
228 Seiten, 20 Euro

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