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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.03.2017

Péter Esterházy: "Bauchspeicheldrüsentagebuch"Der Tod kam für ihn nicht in Frage

Von Jörg Magenau

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"Bauchspeicheldrüsentagebuch" hieß das letzte Werk von Péter Esterházy (picture alliance / dpa / Hanser Verlag)
Das letzte Werk von Péter Esterházy (picture alliance / dpa / Hanser Verlag)

Péter Esterházy starb an Krebs. Sein "Bauchspeicheldrüsentagebuch" zeigt das langsame Verschwinden des Schriftstellers. "Die Flucht der Jahre" - ein mit dem Autor aufgezeichnetes Gespräch - porträtiert ihn hingegen als Mann des Lebens.

Ein Tagebuchschreiber ist Péter Esterházy erklärtermaßen nie gewesen. Erst das Unheil seiner Krankheit habe ihn dazu gemacht und ihn "unter das Joch der Sätze" gezwungen.

Am 24.5.2015 begann der ungarische Schriftsteller das "Bauchspeicheldrüsentagebuch" mit dem Satz: "Krebs, das ist das richtige Anfangswort", und er beendete es am 2.3.2016, vier Monate vor seinem Tod, mit dem Eintrag: "Ich verbessere das Immer in Ewig".

Soweit reichten Kraft und Humor und seine "ontologische Heiterkeit" gerade noch aus, die er sich durch den onkologischen Befund nicht nehmen lassen wollte. So lange ließ es sich leugnen, dass er nicht einfach bloß krank war und seinen Körper mit Chemotherapien malträtierte, sondern dass er sterben würde nach aller statistischen Wahrscheinlichkeit.

Glückliche Menschen sind doch unsterblich

Er aber glaubte hartnäckig an den guten Ausgang der Dinge, ans Leben als Geschenk und an die Liebe als die größte Idee Gottes, an einen ansprechbaren, im Gebet zu erschaffenden Gott und sogar daran, dass der Mensch gut sei. Der Tod kam für ihn also überhaupt nicht in Frage, weil glückliche Menschen doch eigentlich unsterblich sind.

So betrachtete er seine Krankheit, als wäre sie etwas Vorübergehendes, was sich durch das genaue Protokollieren der Befindlichkeiten überstehen ließe. Doch gegen den Krebs hilft keine Ironie, und als aus dem Scherzen ein "Schmerzen" wurde und auch das "Deprimieren" sich in ein Tätigkeitswort verwandelt hatte, war der Handlungsspielraum schon sehr klein.

Das Letzte, was im Schwinden der Kräfte noch zunimmt, ist die Konzentration auf den leidenden Körper: Wie er schwitzt, hustet, Übelkeit oder Hunger produziert und ob die Haare ausfallen oder bloß ganz dünn und weiß werden.

Sprache als Körperfunktion

Das Schreiben geht zwar immer weiter, auch wenn es manchmal schwerfällt und die Pausen länger werden, aber die Gedanken kommen schon nicht mehr ganz mit. Auch die Sprache verwandelt sich in eine Körperfunktion, die bloß noch dazu dient, das Leben aufrecht zu erhalten.

Das ist als Lektüre weder erquicklich, noch besonders erhellend. Esterhazy weiß es selbst, wenn er aus Harold Brodkeys "Die Geschichte meines Todes" – ein Buch, das ihn begleitet – zitiert: "Der Tod ist ein Langweiler." Denn krank sein ist öde, und die Stunden werden lang, während die Chemo-Flüssigkeit aus der Infusionsflasche in die Venen tropft.

Gut, dass das Bauchspeicheldrüsentagebuch von einem wahren Lebensbuch begleitet wird, das dem Verlöschen die volle Lebenslust entgegensetzt. "Die Flucht der Jahre" ist ein langes Gespräch, das die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Marianna D. Birnbaum 2014 mit Esterházy führte.

Eigentlich ist es weniger ein Gespräch als ein Fragebogen, den er penibel ausgefüllt hat. Ob er nach Kinderkrankheiten oder Katholizismus gefragt wird, nach Fußball, Familie, dem lieben Gott oder dem Anfang des Schreibens – keine Frage ist klein genug oder zu groß, um nicht geduldig beantwortet zu werden.

Tag- und Nachtseite des Lebens

Die Krebsdiagnose ist noch fern, so dass er sein Krankenleben unbekümmert als "verkümmert" bezeichnen kann. In dieser plaudernden Autobiographie wird Esterhazy tatsächlich in seiner "ontologischen Heiterkeit" sichtbar und als Schriftsteller, der sich "die Tatsachen abgewöhnt" hat, damit die Wahrheit "unserer Hoffnung entsprechend zur Dichtung" werde.

Die beiden Bücher sind wie die Tag- und Nachtseite des Lebens. Man sollte sie zusammen lesen und mit dem Tag beginnen, um dann erst, und auch nur, wenn es unbedingt sein muss, im Krebstagebuch miterleben zu können, wie ein gläubiger Optimist zwar nicht seinen Optimismus verliert, wie er aber doch immer kleiner wird und schließlich erlischt. Mehr ist das nicht.

Péter Esterházy: Bauchspeicheldrüsentagebuch
Aus dem Ungarischen von György Buda
Hanser Verlag, Berlin
240 Seiten, 20,00 Euro

Marianna D. Birnbaum: Die Flucht der Jahre. Ein Gespräch mit Péter Esterházy
Aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer
Hanser Verlag, Berlin
160 Seiten, 20,00 Euro

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