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Fazit / Archiv | Beitrag vom 30.05.2016

Performing Arts Festival Berlin 2016Rikschafahrten als Kulturkritik

Von Felicitas Boeselager

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Rikscha von MS Schrittmacher vor der Staatsoper-Baustelle in Berlin (MS Schrittmacher)
Rikscha von MS Schrittmacher vor der Staatsoper-Baustelle in Berlin (MS Schrittmacher)

Wegen unklarer Finanzierung hatte das "Performing Arts Festival" kein Oberthema, bot dafür viele kleine Aktionen. So konnte man sich bei einer Rikschatour über die Verfehlungen der Berliner Kulturpolitik informieren. Oder einem pinken Elefanten zusehen.

Beta 451 begrüßt die Zuschauer des Stücks "Herakliden". Sie stehen in einem großen leeren Raum. Drei Zuschauer. Zwei Schauspieler.

"Ihr dürft Teil der nächsten Stufe der Menschheit sein, ihr bekommt ein Wissen, das sonst niemand hat. Ihr dürft Herakliden werden."

Beta 451 und seine Kollegin sind ganz weiß angezogen. Haben blaue, oder rote Kontaktlinsen und bewegen sich ruckartig, wie Maschinen. Sie sind die Menschen der Zukunft. Auch die Zuschauer sollen im Verlauf des Stückes genau das werden: Zukunftsentwürfe. Dafür müssen sie in verschiedenen Räumen Aufgaben lösen und nach und nach ihre menschlichen Eigenschaften ablegen.

In einer alten Brauerei am Prenzlauer Berg in Berlin verschwimmt die Grenze zwischen Bühne, Videospiel und Realität.

"Überwinde Deine Angst vor dem Menschen der Zukunft, sie wird sowieso kommen, besser einer der ersten sein."

"Herakliden" ist eine von rund 200 Darbietungen auf dem Performing Arts Festival in Berlin, bei dem sich die Freie Kunst Szene Berlins präsentiert und die Stadt für eine Woche zu ihrer Bühne macht.

Schrittmacher in Berlin-Mitte

Zum Beispiel bei einer Rikschafahrt der Theater-Kompanie MS-Schrittmacher zu verschiedenen Orten in Berlin-Mitte. Der Zuschauer sitzt in einer alten, holprigen Rikscha, sieht vor sich die Oper, den Alexanderplatz, oder das Brandenburger Tor und hält in seiner Hand ein Tablet mit einer Video–Installation zu den jeweiligen Orten. In den Videos kritisieren die Künstler die Kulturpolitik der Stadt. Martin Stiefermann ist Mitglied der Gruppe MS-Schrittmacher:

"Das tolle an der Rikscha-Tour ist, man sitzt wie im Theater, wird aber bewegt und man nimmt ne ganz andere Perspektive ein als Zuschauer."

Weil die Finanzierung des Festivals lange unklar war, sei das ganze Programm "mit heißer Nadel gestrickt", sagt Daniel Schrader. Er ist künstlerischer Leiter des Ballhauses Ost und einer der Initiatoren des neuen Festivals. Am Ende der Woche ist er zufrieden, vor allem aber mit den Dingen, die sich nicht planen ließen.

Daniel Schrader: "Was für mich ganz stark den Erfolg dieser ersten, wir nennen es ja auch gerne Pilotausgabe, von dem Festival ausgemacht hat, war zu beobachten, wie das Publikum dieses Festival eigentlich so für sich besetzt hat und das gekapert hat. Im Gespräch mit den Zuschauern hat man gesehen, dass die Zuschauer dieses Festival zum Leben erweckt haben."

Weil es so viele verschiedene Spielstätten gab und die Planung schnell gehen musste, hatte das Festival kein offizielles Thema. Trotzdem: Bei vielen Performances spielte die Grenze zwischen der Bühne, der Stadt, den Schauspielern und den Zuschauern eine besondere Rolle:

In dem Stück "All Tag" von Max Howitz, verlässt er an einer Stelle seine Zuschauer und läuft raus, auf die Straße, das Publikum sieht ihn dann durch ein Fenster in einem pinken Elefanten-Kostüm.

Ein Mann, eine Wohnung, 16 Zuschauer

Max Howitz: "Wenn ich mit diesem Elefanten draußen bin, dann ist glaub ich sehr spannend, dass ich selber nicht weiß was jetzt als nächstes auf der Straße passiert, weil die lebt ja einfach so, hat ihr Eigenleben und da vermischt sich dann natürlich die Realität mit der Fiktion und die Leute wissen dann auch nicht, wenn sie rausgucken, was ist denn jetzt eigentlich inszeniert und was ist einfach normal hier? Und plötzlich ist nichts mehr normal und die ganze Straße wirkt wie ein Theaterstück und der Blick auf die Realität verändert sich, das finde ich sehr spannend."

Howitz spielt sein Stück in einer Privatwohnung: Ein Mann, eine Wohnung, drei bis 16 Zuschauer. Und wieder wird der Zuschauer Teil der Inszenierung, wird aufgefordert, Grenzen zu überschreiten: Er darf sich hinstellen, wo er will, anfassen, was er will, sprechen und mit dem Schauspieler interagieren.

Max Howitz: "Wenn man jetzt so eine Wohnung hat, da finde ich es interessant, weil da gibt es sowas ganz Alltägliches, da kann man diesen Alltag brechen und das finde ich extrem spannend, dass man besondere Momente schaffen kann, und eben auch das Unbesondere mit drin hat. Genau und dann plötzlich tauche ich in dieses Bett, und jemand anders kommt raus und Nebel kommt usw."

Das ist es, was das Performing Arts Festival so spannend macht. Die erste Ausgabe war vielleicht noch etwas unübersichtlich und sicher brauchen nicht alle Vorstellungen eine Bühne, aber es öffnet doch neue Perspektiven auf die Erfahrung des urbanen Raumes. Und macht Kunst durch diese Perspektiven und die Nähe zum Publikum lebendig.

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