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Frühkritik | Beitrag vom 28.11.2015

Performance in DortmundDie Toten kaufen nichts

Von Stefan Keim

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Ein Kran fährt im Container Terminal des Dortmunder Hafens über gestapelte Container. (dpa / picture alliance / Franz-Peter Tschauner)
Im Dortmunder Hafen findet das Finale der Performance "Das Glitzern der Welt" statt. (dpa / picture alliance / Franz-Peter Tschauner)

Die Performance "Das Glitzern der Welt" von kainkollektiv führt vom Kristallpalast des Konsums zum Dortmunder Hafen bei Nacht. Eine faszinierende und irritierende Selbsterfahrung.

Was bleibt von den Menschen, wenn Städte und ihre Industrie sterben? Das ist ein Hauptthema des kainkollektivs aus dem Ruhrgebiet. Am Dortmunder Schauspiel haben die Theatermacher nun ihre neue Performance "Das Glitzern der Welt" inszeniert.

Sechs Zuschauer sitzen auf sechs Stühlen. Jeder bekommt einen mp3-Player und Kopfhörer. Ein Hörspiel beginnt. Wir Teilnehmer der Performance "Das Glitzern der Welt" sind Auserwählte. Unsere Aufgabe ist es, in einen nahen Kristallpalast zu gehen und dort weitere Anweisungen abzuwarten. Die Gruppe setzt sich in Bewegung. Eine Stunde lang laufen wir mit Musik und lyrischen Texten im Ohr durch eine riesige shopping mall mit glitzernder Weihnachtsdekoration. Die Luft wird schlechter, die Stimmung surrealer, bis wir auf dem Dach ankommen und auf das nächtliche Dortmund schauen.

Nun führt unser Weg hinunter und hinaus, in ein wartendes Auto. Die Fenster sind abgedunkelt, ein Bildschirm zeigt einen afrikanischen Mann, der durch die engen Gänge eines Schiffes geht und sich in einer Kabine auf ein Bett legt. Das Auto hält an, der Mann aus dem Film öffnet im goldenen Anzug, um den eine Lichterkette gewickelt ist, die Tür. Er stellt sich vor als Monsieur K.

Der zweite Teil der Performance spielt im  Dortmunder Hafen. Es ist dunkel und kalt, der Wind pfeift. Der Schauspieler David Guy Kono aus Kamerun spricht auf französisch und deutsch mal rätselhafte, mal konkrete Texte. Schließlich gehen wir in einen Keller. Dort findet eine Totenzeremonie statt. Der Schauspieler fragt, wie wir uns das Zusammenleben vorstellen. Wir geben uns Mühe, aber die Toten finden die Antworten nicht überzeugend.

Auf der Fahrt zurück ertönt im Auto wieder die Stimme vom Beginn: "Wenn wir demnach auf die Frage, wie wir leben wollten, keine andere Frage parat hätten als eine käufliche, würden die Toten uns bis in alle Ewigkeit auslachen. So erklärte es uns jedenfalls Monsieur K."

Anspielungen auf Dante und Dostojewski verbindet das kainkollektiv mit dem vorweihnachtlichen Konsumrausch und der Situation der Flüchtlinge. Im Dortmunder Hafen leben gerade viele auf einem Schiff nahe der Stelle, an der wir ausgestiegen sind. Es gibt keine plakativen Botschaften, auch keine klare Handlung. Eben das ist die Stärke dieser Aufführung, die auf einem schmalen Grat zwischen Wirklichkeit und Fiktion wandelt. Der Kristallpalast der shopping mall wirkt ebenso fremd wie der Raum der Toten. Theater als faszinierende, irritierende Selbsterfahrung.

Informationen des Theaters Dortmund zu "Das Glitzern der Welt"

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