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Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 26.12.2015

ParaguayDas Müllorchester von Cateura

Von Victoria Eglau

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Das Schild am Eingang der "Escuela de Música" in der Armensiedlung Bañado in Paraguays Hauptstadt Asunción. (Victoria Eglau)
Die "Escuela de Música" in der Armensiedlung Bañado in Paraguays Hauptstadt Asunción. (Victoria Eglau)

Cateura liegt am Rande der Hauptstadt Paraguays – und ist die Müllkippe der Stadt. Kein Ort für Musik? Der Abfallexperte und Hobbygitarrist Favio Chavez hatte eine geniale Idee: aus Müll Instrumente zu machen.

Eine ungeteerte Straße, Matsch, knöcheltiefe Pfützen. Die kleinen Häuser sind einstöckig, prekär, haben unverputzte Wände. In der Armensiedlung Bañado in Paraguays Hauptstadt Asunción haben Jugendliche die Musik voll aufgedreht. Es ist Samstagmorgen, 11 Uhr. Bañado – auf Deutsch "gebadet" – so heißt das Viertel, weil es häufig unter Wasser steht. Wenn es stark regnet, tritt der nahe gelegene Fluss über die Ufer.

An einem baufälligen Gebäude flattert ein Transparent mit der Aufschrift "Escuela de Música" – Musikschule.

Durch ein kleines Eisentor geht es in einen langgezogenen Innenhof. Hier wird das Gedudel der Straße von einem Klang-Wirrwarr verschiedenster Instrumente übertönt. In einer Ecke des Hofes spielt jemand Trompete, wenige Meter weiter üben die Schlagzeuger, und aus den Probenräumen im Obergeschoss weht der Sound von Saxofonen und Kontrabässen.

Das zweistöckige Gebäude mit dem Hof ist der Sitz der Musikschule und des Orchesters von Cateura. Cateura, so heißt die riesige Müllkippe von Asunción. Sie ist nur etwa einen Kilometer entfernt und hat dem Orchester ihren Namen gegeben. Im Hof steht ein zierliches, blasses Mädchen.

"Ich heiße Ada Ríos, ich bin 16 und spiele Geige. Das habe ich meiner Großmutter zu verdanken, die eines Tages an der Musikschule vorbeikam und mich angemeldet hat."

Ada hält eine bunte Geige in der Hand, sie wirkt wie ein Spielzeug.

"Meine Geige besteht aus Fundstücken von der Müllkippe: einem kleinen Backblech und einer Farbbüchse. Die Violin-Saiten sind an einer alten Gabel befestigt, und der Hals meiner Geige ist ein Stück einer Holzpalette."

Eine Geige - aus Müll gebaut. (Victoria Eglau)Eine Geige - aus Müll gebaut. (Victoria Eglau)

Ada Ríos spielt im Orchester der Recycling-Instrumente von Cateura, wie es offiziell heißt. Weil das Orchester auf Instrumenten aus Müll spielt, ist es in Paraguay und auch international sehr bekannt geworden.

"Als ich anfing, Geige zu spielen, dachte ich, dass das eine richtige Violine wäre, nur mit einer anderen Farbe. Aber mit der Zeit habe ich gemerkt, dass eine normale Geige anders aussieht und aus anderem Material besteht. Ich mochte meine Geige aus Recycling-Stoffen immer sehr, weil sie so bunt ist. Ich hatte Lust, auf ihr zu üben. Bis heute bereue ich es nicht, dass ich das Instrument ausgesucht habe."

Ada Ríos geht in den Probenraum für die Streichinstrumente und Gitarren, der das Flair einer Lagerhalle hat. Ada spielt nicht nur im Orchester, sondern gibt selbst Geigenstunden. Jeden Samstagvormittag kommen fast zweihundert Kinder aus der Armensiedlung Bañado in die Musikschule. Auch Noelia, Adas 14-jährige Schwester, unterrichtet bereits die Anfänger. Noelia spielt ein Cello, das aus einer riesigen Blechdose besteht, die einmal Öl enthielt.

"Weil wir Musik machen, nehmen wir keine Drogen. Den Jüngeren vermitteln wir, dass die Musik etwas Wichtiges ist. In unserem Viertel sind viele Jugendliche drogenabhängig. Wir unterrichten die Kleinen, damit sie die Finger von den Drogen lassen."

Der Vater der Schwestern, Jorge Ríos, schaut an diesem Vormittag in der Musikschule nach dem Rechten. Der 36-Jährige ist eigentlich Schneider, leitet aber auch die Eltern-Vereinigung, die die Schule und das Orchester verwaltet.

"Das mache ich ehrenamtlich, schon seit sechs Jahren. Eigentlich müsste ich samstags arbeiten, aber ich kümmere mich lieber um unser Orchester und die Musikschule. Ich fühle mich wohl dabei. Ich hatte selber mal den Traum, Musiker zu werden. Also unterstütze ich die jungen Leute, die auch davon träumen. Ich ermutige sie. Manchmal kommt ein Kind aus dem Viertel vorbei und schaut schüchtern durch das Tor. Das schnappe ich mir dann und sage ihm: komm rein! – Aber ich hab doch keine Ahnung von Musik. – Aber du magst Musik? – Ja ... – Dann komm rein!"

Flötenunterricht auf Flachdach ohne Geländer

Jorge Ríos läuft über den Hof, von den Bläsern zu den Schlagzeugern, und dann über eine schmale, unebene Steintreppe hinauf zu den Probenräumen im ersten Stock.

Von der schmalen Galerie blickt Jorge hinunter in den Hof mit den verschiedenen Instrumenten-Gruppen. Jede versucht, sich von den Klängen der anderen nicht ablenken zu lassen.

Die Galerie führt zu einem Flachdach ohne Geländer, auf dem der Flötenunterricht stattfindet. Unter der brennenden Sonne übt ein blondes Mädchen eine Melodie auf ihrer Querflöte aus rohem Metall.

"Vor vier Monaten haben wir dieses Haus gekauft, mit Hilfe einer Spende des paraguayischen Parlaments. Bisher konnten wir es noch nicht renovieren. Es ist hier alles ein wenig unsicher für die Kinder. Und wir haben Platzprobleme, weil wir immer mehr Schüler haben, denn die Kurse sind begehrt, sie kosten nichts. Es wäre toll, eines Tages ein größeres Haus zu haben. Das Orchester und die Musikschüler spielen auf Müll-Instrumenten, aber in den letzten Jahren sind uns viele normale Instrumente gespendet worden, die die Jugendlichen auch benutzen."

Im Erdgeschoss unterrichtet eine junge, resolute Frau mit langer Lockenmähne die Anfänger in Musiktheorie. Gegen Mittag leeren sich langsam der Hof und das Gebäude. Während sich die Orchestermitglieder und Musikschüler fröhlich voneinander verabschieden, setzt sich ein dunkelhaariger, leicht untersetzter Mann mit Brille in einen der nun leeren Probenräume.

"Mein Name ist Favio Chavez, ich leite das Orchester der Recycling-Instrumente von Cateura. Vor acht Jahren hatte ich auf der Müllkippe die Idee, aus Abfall Instrumente herzustellen. Das Ziel: den Kindern des Viertels Musik beizubringen. Musik ist eigentlich nur mein Hobby. Ich bin Umwelt-Techniker und habe Philosophie studiert."

Zusammenarbeit mit den Recicladores, den Recyclern

Als Umwelt-Techniker kam Favio Chavez 2006 auf die Müllkippe von Cateura. Im Rahmen eines Projekts zur Mülltrennung in Asunción begann er, mit den Recicladores, den Recyclern, zusammen zu arbeiten. Die Recycler sind Männer und Frauen, die nahe der Müllkippe leben und sich über Wasser halten, indem sie wiederverwertbare Materialien sammeln und für wenige Guaranies, so heißt Paraguays Währung, verkaufen.

"Ich lernte damals das Armenviertel und seine Bewohner kennen, und die Familien der Recycler. Die Idee, die Kinder auf Müll-Instrumenten spielen zu lassen, hatte damit zu tun, dass echte Instrumente für die Menschen hier unerschwinglich sind. Aber auch damit, dass viele Kinder wenig diszipliniert und aufmerksam sind. Und sie sind es kaum gewöhnt, etwas Eigenes zu besitzen. Das hätte es schwierig gemacht, ihnen normale, empfindliche Instrumente zu überlassen. Ich fing also an, herum zu experimentieren, welche Materialien für die Herstellung von Instrumenten geeignet sein könnten."

Im Hof hat Nicolás Gomez zu arbeiten begonnen, der Instrumentenbauer des Orchesters von Cateura. Auf seiner Werkbank hat er ein Stück altes Blech aufgespannt, auf das er den Umriss einer Geige gezeichnet hat. Nicolás ist ein schmaler, ernster Mann mit einer Schirmmütze auf dem Kopf. Früher war er Recycler. Er spricht stockend, denn seine Muttersprache ist nicht Spanisch, sondern die in Paraguay vor allem in ärmeren Schichten verbreitete Sprache Guaraní.

"Zwölf Jahre habe ich auf der Müllkippe gearbeitet und Plastik, Blech, Aluminium, Kautschuk und andere Stoffe gesammelt, um sie zu verkaufen. Als Favio Chavez anfing, bei uns zu arbeiten, fragte er mich, ob ich nicht Instrumente bauen wollte. Ich sagte ja, ich wollte lernen, und ich habe gelernt. Zuerst haben wir eine Geige gebastelt. Dann eine Gitarre. Und schließlich Trommeln. Unsere Instrumente wurden immer besser."

Der Instrumentenbauer Nicolás Gomez an seiner Werkbank. (Victoria Eglau)Der Instrumentenbauer Nicolás Gomez. (Victoria Eglau)

Nicolás Gomez klebt nun das Griffbrett für die Violin-Saiten auf das Blech – ein schmales Stück Holz. Für seine Arbeit bekommt er vom Orchester ein Gehalt von umgerechnet knapp vierhundert Euro im Monat.

"Geigen, Violas, Celli, Kontrabässe, Gitarren und Percussion-Instrumente baue ich. Mehr als 400 Streichinstrumente und rund 50 Gitarren habe ich hergestellt. Ich bin so stolz auf meine Arbeit! Wer glaubt denn schon, dass man aus Abfall Instrumente machen kann? Mein Leben hat sich ganz schön verändert, denn ich muss nicht mehr jeden Tag auf der Müllkippe arbeiten."

Jorge Ríos, Vorsitzender der Eltern-Vereinigung des Orchesters, läuft durchs Bañado Richtung Müllkippe Cateura, um zu zeigen, wo er selbst eine Zeit lang als Jugendlicher gearbeitet hat. Je näher er der Müllkippe kommt, desto ärmlicher werden die Behausungen. Viele bestehen nur aus Wellblech, Plastikfolie, Pappe und Holz. Immer mehr Abfall türmt sich an den Wegrändern auf, immer beißender wird der Geruch.

"Der Müll ist für die Leute aus diesem Viertel nicht wirklich Müll. Müll heißt: Lebensunterhalt. Müll bedeutet: das tägliche Brot. Der nicht wiederverwertbare Abfall bleibt eben liegen. Natürlich stört er uns, aber was soll man machen."

Schließlich bleibt Jorge Ríos stehen. Vor ihm türmt sich eine Hügellandschaft aus Abfall auf – wo sie aufhört, ist nicht zu erkennen. Auf die Müllkippe dürfen nur registrierte Recycler. In der Ferne sind ein paar Männer und Frauen zu erkennen, die mit großen Bündeln unterwegs sind.

"Die Recycler arbeiten mit einem Haken. Mit dem reißen sie die Säcke auf, die von den Müllwagen hergebracht werden, und durchwühlen den Inhalt. Die Arbeit auf der Müllkippe ist total ungesund. Die Leute arbeiten bei größter Hitze, in der Kälte und im Regen. Sie laufen Gefahr, sich an Glas oder Nadeln zu verletzen. Und sie haben keine Krankenversicherung, da sie nicht von der Betreiberfirma der Müllkippe angestellt sind. Es sind alles Einzelkämpfer."

Die nächste Auslandstournee steht an

Jeden Mittwochnachmittag trifft sich das Orchester von Cateura zur Probe. Fast 40 Mädchen und Jungen zwischen zwölf und 22 Jahren sitzen eng nebeneinander in einem fensterlosen Erdgeschoss-Raum. Auch wenn fast alle inzwischen auch normale Instrumente benutzen – heute spielen sie auf ihren Müll-Instrumenten.

Die Stimmung ist heiter, doch zugleich liegt eine konzentrierte Spannung in der Luft: Am nächsten Tag wird das Orchester ein Konzert geben, und in wenigen Wochen steht die nächste Auslandstournee an. Geleitet wird die Probe von einem bärtigen, jungen Mann mit energischem Auftreten. Tadeo Rotela Fisch ist 28, hat am Konservatorium Kontrabass studiert und arbeitet als Assistent von Dirigent Favio Chavez. Außerdem ist er akademischer Leiter der Musikschule.

"Ich habe angefangen, hier mitzuarbeiten, weil ich die Recycling-Instrumente als Mittel sehe, durch das sich die Leute aus diesem Viertel entfalten können. Aber dann habe ich gemerkt, dass es keine Rolle spielt, dass die Instrumente aus Abfall sind. Wichtig ist die Musik. Und die wollen wir gut spielen, egal, mit welchen Instrumenten. Wenn wir Musik machen, denken wir nicht daran, dass wir auf einem Stück Müll spielen.

Meiner Meinung nach haben einige der Müll-Instrumente wirklich einen ganz wunderbaren Klang. Und sie alle klingen einzigartig: metallischer als normale Instrumente. Allerdings muss man die Recycling-Instrumente kräftiger spielen, weil sie weniger Resonanz haben."

In der Probenpause setzt sich ein langhaariges Mädchen draußen im Hof auf ein Mäuerchen, unter einen Baum mit ausladender Krone. In der Hand hält es seine bunte Blechgeige. Natalia Dominguez ist 15 und spielt im Orchester, seit dieses vor drei Jahren mit den besten Schülern der Musikschule gegründet wurde.

"Es ist wirklich unglaublich, wie sich unser Orchester entwickelt hat. Am Anfang sind wir nur alle zwei Monate hier in Paraguay aufgetreten. Aber eines Tages bekamen wir einen Anruf aus Brasilien – zum ersten Mal eine Einladung aus dem Ausland! Wir hätten nie gedacht, dass wir mal in Rio auftreten würden! Meine Freundinnen und ich waren hin und weg, wir haben zum ersten Mal das Meer gesehen! Und das hatten wir einem Stück Blech zu verdanken!"

Orchester lehrt die Jugendlichen Verantwortung

Während die anderen Musiker im Hof schwatzen, erzählt Natalia von den vielen Reisen, die sie inzwischen mit dem Orchester unternommen hat: in die USA, nach Deutschland, Norwegen, Spanien, Palästina, Kolumbien, Argentinien und Chile. Aber sie erzählt auch von ihrem Leben in Paraguay, in das sie nach jeder aufregenden Tournee zurückkehrt: Natalia hat sechs Geschwister, ihre Mutter ist Schneiderin und bringt die Familie allein durch.

"Die Musik hat mir eine ganz neue Welt geöffnet, und so viele Möglichkeiten. Das ist eine wunderschöne Erfahrung. Aber es ist auch eine große Verantwortung, dem Orchester anzugehören. Also muss ich üben und immer wieder beweisen, dass ich gut spiele. Ich habe gelernt, mein Leben verantwortungsvoller zu organisieren: zwischen Schule, Orchester und meinen Pflichten zuhause." 

Der Soundtrack der Serie Game of Thrones, Mozart, Beethoven, paraguayische Komponisten, Filmmusik und Jazz – das Repertoire des Müll-Orchesters von Cateura ist vielfältig. Während die Probe weitergeht, beugt sich im Hof eine Frau mit rundem, besorgtem Gesicht über die Anwesenheitsliste. Carmen Cabreras drei Kinder spielen im Orchester. Sie ist in der Eltern-Vereinigung, organisiert die Abläufe in der Musikschule und ist für die soziale Arbeit zuständig.

"36 Orchestermitglieder bekommen eine finanzielle Unterstützung, die aus den Einnahmen der Konzerte finanziert wird. Meine Aufgabe ist, zu überwachen, ob die Kinder gut in der Schule sind, und ob das Geld, das sie bekommen, sinnvoll verwendet wird. Ich halte Kontakt zu den Familien. Unsere größte Herausforderung ist, die Eltern zu überzeugen, dass ihre Kinder regelmäßig zu den Proben und zum Unterricht kommen."

Kinderarbeit ist weit verbreitet

Im Armenviertel Bañado ist es normal, dass Kinder ihren Eltern dabei helfen, den Lebensunterhalt der Familie zu verdienen. "Kinderarbeit ist verbreitet", sagt Carmen Cabrera.

"Die meisten Leute hier leben von schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs. Wenn die Kinder mitarbeiten, bessern sie das Familien-Einkommen etwas auf. Manchen Eltern zahlen wir einen Ausgleich dafür, dass ihre Kinder nicht arbeiten und stattdessen zur Probe und zum Unterricht kommen."

Favio Chavez: "Das Problem hier im Viertel ist, dass viele Kinder, wenn sie 15 werden, von ihren Eltern zum Müll-Recyceln mitgenommen werden, oder auf die Baustelle, wo sie dem Vater helfen. Manche Mädchen arbeiten schon mit 13 als Haus- oder Kindermädchen. Bei unseren Orchestermitgliedern können wir die Kinderarbeit meist verhindern. Dies ist ein kompliziertes Umfeld, und wir sind uns bewusst, dass wir nur im Kleinen etwas verändern."

Favio Chavez, der Orchesterchef, möchte, dass rund 200 Kinder und Jugendliche aus dem Bañado durch die Musik eine Zukunftsperspektive bekommen. Und, dass es den Begabtesten und Fleißigsten unter ihnen, die es ins Orchester geschafft haben, materiell besser geht.

"Wir verlangen von den Familien, dass sie einen Kostenplan für ein Jahr aufstellen. Sie sollen berechnen, wie viel Geld das Kind für Schulmaterialien, Kleidung und Gesundheitsausgaben benötigen wird. Wenn die Familie einen kohärenten Plan aufstellt, bekommt sie die Sozialhilfe vom Orchester. Das große Problem in den Armenvierteln ist nämlich, dass niemand an morgen denkt. Das versuchen wir über unsere Orchestermitglieder zu ändern.

Viele Kinder und Jugendliche haben zuhause keinen Platz zum Üben, und keine Ruhe, um sich zu konzentrieren. Oft lebt die Familie in einem Raum, in dem geschlafen, gegessen und Fernsehen geschaut wird. Deswegen bemühen wir uns, die Unterkünfte unserer Orchestermitglieder zu verbessern. Für einige haben wir bereits ein Zimmer angebaut, das ihnen gehört und in dem sie ihr Instrument üben, für die Schule lernen und ihre Privatsphäre haben."

Orchestermitglied María Ríos. (Victoria Eglau)Orchestermitglied María Ríos. (Victoria Eglau)

Maria übt an diesem Donnerstagvormittag nicht auf ihrer Recycling-Geige, sondern auf einem normalen Instrument. Sie ist pummelig und ein bisschen verschlossen. Maria gehört zu den Glücklichen, denen das Orchester zuhause ein eigenes Zimmer gebaut hat. Doch zurzeit haben sich dort Verwandte einquartiert, denn im Bañado hat es vor kurzem Hochwasser gegeben, und Marias älterer Bruder und seine Familie sind obdachlos geworden. Deswegen übt Maria heute in der Musikschule. Einmal pro Woche fährt sie mit dem Bus zum National-Konservatorium von Paraguay, wo eine Professorin ihr umsonst Unterricht gibt. 

"Ich würde die Musik gerne zu meinem Beruf machen. Ich möchte Geigenlehrerin werden, um die Kinder in diesem Viertel zu unterrichten, in dem ich aufgewachsen bin. Aber ich träume auch davon, in einem guten Profi-Orchester zu spielen."

Das "eigene Zimmer" von María liegt etwa 15 Minuten von der Musikschule entfernt. Um dorthin zu gelangen, legt María einen Slalom zwischen riesigen Pfützen und Schlaglöchern zurück. Die Behausung ihrer Familie liegt an einem komplett mit Abfall zugeschütteten Bach. Im Bañado leben viele Menschen davon, dass sie den Abfall der Bewohner von Asunción recyceln, aber das Armenviertel selbst muss ohne städtische Müllabfuhr auskommen.

Ein vermüllter Bach im Armenviertel Bañado. Viele leben dort vom Abfall-Recycling, müssen selbst aber ohne Müllabfuhr auskommen. (Victoria Eglau)Ein vermüllter Bach im Armenviertel Bañado. Viele leben dort vom Abfall-Recycling, müssen selbst aber ohne Müllabfuhr auskommen. (Victoria Eglau)

Marias Mutter Miriam sitzt auf einem Gartenstuhl vor ihrem einfachen Steinhaus ohne Türen und Fenstern. Der Lehmboden des Hofes reicht in das Haus hinein. Im Hof stehen zwischen Pflanzen einige alte Möbel, eine Katze räkelt sich auf einem Holzklotz. Miriam Rios ist 65, sie hat sonnengegerbte Haut und kaum noch Zähne, trägt ein ausgewaschenes T-Shirt und Bermudas. Miriam ist Müllsammlerin auf den Straßen der paraguayischen Hauptstadt.

"Ich sammle seit 35 Jahren Müll, aber heute nur noch ab und zu. Meine Kinder wollen, dass ich aufhöre, weil ich krank bin. Aber ich vermisse meine Arbeit. Wer Abfall sammelt, verdient jeden Tag ein wenig Geld. Ich komme nie mit leeren Händen aus der Stadt zurück. Hier um die Ecke wohnt ein Zwischenhändler, dem ich Plastik, Aluminium und Glas verkaufe. Den jungen Leute, die stehlen, sage ich: warum geht Ihr nicht lieber Müll sammeln?"

Früher zog Miriam mit ihrer Kinderschar durch die Straßen von Asunción. 14 Mädchen und Jungen hat sie auf die Welt gebracht. Ihre jüngste Tochter María und ihre Enkelinnen Ada und Noelia hat Miriam Rios persönlich in der Musikschule angemeldet.

"Musik mochte ich immer schon sehr. Meine Tochter María musste ich nicht groß überreden, sie hat sich mit Begeisterung in die Musik gestürzt. Und unsere ganze Familie unterstützt sie."

Ein paar Stunden später, im Hof der Musikschule. Der 19-jährige Trompeter Cristian Aguero wartet auf den Rest des Orchesters. Heute Abend wird es in einem Theater in der Innenstadt von Asunción auftreten. Einige Musiker sind bereits da und verstauen ihre Instrumente in zwei Minibussen. Cristian, der eine Brille mit runden Gläsern trägt, schaut auf die Uhr.

"Ich bin etwas angespannt, hoffentlich klappt alles. Da ich im Organisationsteam des Orchesters bin, muss ich dafür sorgen, dass alle rechtzeitig da sind und kein Instrument fehlt. Leider sind manche Musiker ganz schön unpünktlich – deswegen bestelle ich sie immer extra früh."

Orchester-Musik als Vorprogramm von Metallica

Cristian Aguero ist im Bañado aufgewachsen, als Sohn eines Busfahrers. Er studiert mit einem Stipendium Jura – an einer Universität, die mit dem Orchester der Recycling-Instrumente von Cateura ein Abkommen geschlossen hat.  

Schließlich ist das Orchester komplett und die Busse fahren los – aus dem Armenviertel durch den dichten Feierabendverkehr ins Stadtzentrum. Unterwegs unterhält sich die Cellistin Noelia leise mit ihrer Freundin Evelyn, die Saxofon spielt. Evelyn Riberos ist erst zwölf und das jüngste Orchestermitglied.

"Ich bin etwas nervös, weil ich noch nicht so lange dabei bin. Besonders, wenn ich mein Solo spiele, habe ich Lampenfieber."

Der Musiker Andrés Riberos. (Victoria Eglau)Der Musiker Andrés Riberos. (Victoria Eglau)

Eine halbe Stunde später drängen sich die Musiker in der Theater-Garderobe, ziehen sich um und stimmen ihre Instrumente. Evelyn steht mit den anderen Mädchen vor dem Spiegel, kämmt und frisiert sich. Draußen, vor dem Bühneneingang, erinnert sich ihr 19-jähriger Bruder Andrés, ebenfalls Saxofonist, an eine der bisher aufregendsten Tourneen des Müll-Orchesters.

"Wow, es war unglaublich, als ich hörte, dass die Heavy-Metall-Band Metallica uns für ihre Lateinamerika-Tournee engagieren wollte. Ich bin zwar kein Fan dieses Genres, aber mit so einer bekannten Gruppe zu spielen, war einmalig. Der Organisator der Tournee sagte uns, es sei völlig verrückt, dass wir bei einem Rockkonzert klassische Musik spielten. Wenn ich ehrlich bin, vermisse ich bei unseren Reisen aber mein normales Leben und meine Freunde zuhause."

"Wir möchten, dass Sie hören, wie Ihr Müll klingt."

Im Saal hat sich der Vorhang geöffnet. Die Musiker sitzen mit weißen Hemden und Blusen und ihren bunten Instrumenten auf der Bühne. Favio Chavez, der Orchestergründer und Dirigent, begrüßt das Publikum.

"Wir kommen aus der Nähe von Cateura. Wie Sie wissen, befindet sich dort die Müllkippe dieser Stadt. Wir hatten das Glück, dort viele junge Menschen mit Talent zu finden. Mit dem Abfall, den Sie, meine Damen und Herren, wegwerfen, bauen wir Instrumente. Wir möchten, dass Sie hören, wie Ihr Müll klingt."

Verblüfft lauschen die gut gekleideten Konzertbesucher der Musik, die die Orchestermitglieder den Recycling-Stoffen entlocken. Favio Chavez begleitet das Orchester auf seiner Gitarre aus zwei Blechdosen. Im Laufe des Abends stellt er die verschiedenen Instrumente vor und erklärt, aus welchen Materialien sie bestehen.

Trotz ihres Lampenfiebers gelingt das Solo der kleinen Evelyn, die ernst und gesammelt vor dem Orchester steht, perfekt. Das Publikum ist wie verwandelt. Edgar Enrique Bastos, ein 25-jähriger Rechtsanwalt, drückt aus, was alle fühlen.

"Ich habe das Orchester heute zum zweiten Mal gehört und bin völlig gerührt. Diese jungen Leute schaffen es, das Image ihres Viertels zu ändern: Nicht alles dort ist schlecht, es herrscht nicht nur Mangel, sondern es gibt auch Musik, Talent und Fleiß. Was für eine verrückte und geniale Idee, aus Müll Instrumente zu machen und damit den Kindern im schmutzigsten und unsichersten Viertel von Asunción eine Chance zu geben! Die Entwicklungsmöglichkeiten, die ihnen unsere Gesellschaft verwehrt, schaffen sie sich mit Hilfe des Mülls."

Die Autorin Victoria Eglau (Privat)Victoria Eglau (Privat)Victoria Eglau: "Die Jugendlichen aus dem paraguayischen Elendsviertel, die mit dem "Müll-Orchester" um die Welt reisen, haben mit viel Fleiß und Engagement ihre Chance ergriffen - aber sind sie selbst geblieben. Ich war begeistert und berührt davon, sie und ihre Familien kennenzulernen", so die Autorin Victoria Eglau.

 

 

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