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Interview / Archiv | Beitrag vom 16.11.2015

Pädagogin Birgit Gegier SteinerPlädoyer für eine jungengerechte Erziehung

Birgit Gegier Steiner im Gespräch mit Dieter Kassel

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Kinder laufen bei einer Leichtathletikwettkampf (Deutschlandradio - Hendrik Maaßen)
Viel Bewegung und feste Regeln wie im Fußball - das nennt Birgit Gegier Steiner das fußballdidaktische Prinzip. (Deutschlandradio - Hendrik Maaßen)

Die Pädagogin Birgit Gegier Steiner plädiert für eine jungengerechte Erziehung, die deren "biologischen Bauplan" berücksichtige. Sie nennt es das "fußball-didaktische Prinzip", das den Jungen Bewegungsfreiheit biete, zugleich aber feste Grenzen und Regeln beinhalte.

Sind Jungen die "Bildungsverlierer der Nation?" Mädchen sind im Durchschnitt in der Schule erfolgreicher als Jungen, Schüler haben häufiger Probleme. Das hat auch Birgit Gegier Steiner über Jahrzehnte als Lehrerin und Schulleiterin festgestellt. In ihrem neuen Buch "Artgerechte Haltung" hat sie Lösungen für eine bessere Förderung von Jungen in Kindergärten, Schulen und im Elternhaus entwickelt.  

Eine jungenrechte Erziehung müsse sich am "biologischen Bauplan" von Jungen orientieren, sagte Birgit Gegier Steiner im Deutschlandradio Kultur. Sie seien risikobereit, wettkampforientiert und bewegungsfreudig.

"Ich nenne das das fußball-didaktische Erziehungsprinzip. Das heißt: Wie auf einem Fußballplatz gibt es sehr viel Bewegungsfreiheit einerseits, aber auch andrerseits einen ganz klaren Strukturrahmen mit nicht diskutierbaren Regeln, mit festgelegten Grenzen und Ritualen."

Jungen fehlt es an Leitbildern

Jungen seien ganz offensichtlich auf der Suche nach Führung und nach Leitbildern, an denen sie sich orientieren könnten, so die Pädagogin:

"Was aktuell auf der Welt oder auch in unserem Lande passiert, führt uns doch ziemlich brutal vor Augen, was geschieht, wenn junge Männer keine Führung haben. Und wenn sie den falschen Leitbildern folgen."

Nach ihrer Beobachtung hätten Jungen in unserer Gesellschaft häufig "Orientierungsprobleme", meinte Gegier Steiner.und kritisierte einen gewissen liberalen Erziehungsstil:

"Unser Erziehungsliberalismus grenzt nicht selten an Laissez-faire. Und deshalb richtet sich ja mein Appell an alle Erziehenden, dass sie die Kinder an die Hand nehmen, ihnen Führung, ein Leitbild geben und ihnen wirklich demokratische Werte vorleben."  

Birgit Gegier Steiner: Artgerechte Haltung. Es ist Zeit für eine jungengerechte Erziehung
Güterloher Verlagshaus, 2015
256 Seiten, 17,99 Euro.  


 

Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Die Statistiken sind ziemlich eindeutig: Mädchen haben bessere Noten und erreichen bessere Schulabschlüsse, Jungs sind im Durchschnitt schlechter und haben viel öfter Probleme in Deutschland in der Schule. Solche Statistiken allerdings braucht Birgit Gegier Steiner gar nicht, denn in ihrer Arbeit als Lehrerin und Schulleiterin in Baden-Württemberg hat sie selbst oft genug schon festgestellt, dass und welche Probleme Jungs haben. Und sie beschreibt diese, aber auch mögliche Lösungen, in ihrem neuen Buch "Artgerechte Haltung: Es ist Zeit für eine jungengerechte Erziehung". Schönen guten Morgen, Frau Steiner!

Birgit Gegier Steiner: Guten Morgen, Herr Kassel!

Kassel: Wann und wie haben Sie denn selbst festgestellt, dass unser Schulsystem Jungs oft benachteiligt?

Gegier Steiner: Es war ein schleichender Prozess. Und wenn ich meinen jetzigen Mann nicht kennengelernt hätte, der selbst drei Söhne und sechs Neffen hat, wäre mir die Problematik vermutlich in diesem Maß überhaupt nicht aufgefallen, denn ich selbst hatte das Glück, dass mein eigener Sohn sehr moderat durch die Schulzeit kam und dann wird man eher ein bisschen ignorant.

Gerade deshalb meine ich auch, dass man die Schule nicht losgelöst sehen kann vom gesamtgesellschaftlichen Kontext. Ich finde, der Schwerpunkt der Erziehung liegt noch immer im Elternhaus. Und in meinem Buch appelliere ich auch an alle Erziehenden, also nicht nur an Lehrkräfte, sondern an Eltern, Kitafachkräfte und Lehrer, eine Erziehungspartnerschaft einzugehen und auch dieselben Ziele zu verfolgen.

Kassel: Das heißt aber auch, klingt jetzt für mich so, Sie haben eigentlich so richtig erst gemerkt, dass es da konkrete Probleme gibt, bei sich zu Hause und gar nicht unbedingt an Ihren Schulen.

Gegier Steiner: Korrekt. Man ist ja auch emotional viel stärker beteiligt bei den eigenen Kindern und dann wird man wachsam, und wenn man dann beginnt, auch in der schulischen Arbeit zu beobachten und natürlich auch Leistungen zu vergleichen, kommt man schließlich auf den Schluss, dass irgendwas im System nicht optimal läuft.

Eingehen auf die Bedürfnisse der Jungen

Kassel: Sie leiten ja selber jetzt seit knapp zehn Jahren konkret eine Grundschule im Landkreis Konstanz in Baden-Württemberg – auch wenn Sie ja gerade gesagt haben, das muss zu Hause passieren, das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe - , aber was tun Sie denn in Ihrer Schule, um etwas zu unternehmen gegen die Benachteiligung von Jungs? 

(Carsten Rehder/dpa)Kinder in einer Grund-Schule (Bild: dpa / Carsten Rehder). (Carsten Rehder/dpa)

Gegier Steiner: Konkret versuchen wir mal, auf die Bedürfnisse der Jungen stärker einzugehen, die wir wahrnehmen. Das heißt ganz konkret, dass meine Schule ein sport- und bewegungsorientiertes Profil hat, das heißt, neben dem normalen Sportunterricht gibt es Bewegungspausen mit und ohne Anleitung, die Lehrkräfte bemühen sich ebenfalls, Bewegung im Unterricht zu integrieren. Und wir bieten eine große Anzahl an Sport und auch anderen musischen AGs an.

Außerdem, primär seit diesem Schuljahr, versuchen wir auch die Naturwissenschaften zu stärken. Eine Kollegin bietet zum Beispiel eine Experimenten-AG an, und die Klasse 4 besucht regelmäßig das Technorama, das ist ein interaktives Technikmuseum bei uns in der Nähe. Dazu kommt, dass wir auch die neuen Medien einbinden. Eine Kollegin hat einen Schülerblog auf unserer Homepage erstellt, wo die Schüler nun zum Beispiel Versuchsbeschreibungen oder andere Texte veröffentlichen dürfen.

Bewegungsfreiheit, Strukturen, Grenzen

Kassel: Das klingt mir aber, Frau Steiner, ehrlich gesagt, alles nach Dingen, die doch auch für Mädchen nicht schlecht sind. Warum kommt das gerade den Bedürfnissen von Jungs so entgegen?

Gegier Steiner: Zunächst mal ja, Sie haben Recht, das kommt durchaus auch Mädchen entgegen, es ist auf jeden Fall nicht zu deren Nachteil. Bei den Jungs jedoch ist es deshalb von großem Vorteil, weil wir akzeptieren müssen, dass Jungs einen ganz anderen biologischen Bauplan haben und ihr Verhalten auch von Hormonen beeinflusst ist.

Das bedeutet, die männlichen Hormone machen sie risikobereiter, wettkampforientierter und wecken eben auch schon bei den kleinen Jungs Bewegungsfreude und auch den Wunsch, sich und ihre Umwelt mit allen Sinnen zu entdecken. Und eine jungengerechte Erziehung dockt eben gerade an diesen Fähigkeiten an und bietet ihnen somit eine Struktur, mit der sie selbst sich gut entwickeln können.

Ich nenne es in meinem Buch zum Beispiel das fußball-didaktische Erziehungsprinzip, das heißt, wie auf einem Fußballplatz gibt es sehr viel Bewegungsfreiheit einerseits, aber auch andererseits auch einen ganz klaren Strukturrahmen mit nicht-diskutierbaren Regeln, mit festgelegten Grenzen und Ritualen.

Jungs suchen sich ja ganz offensichtlich Führung und auch ein Leitbild, an dem sie sich orientieren können. Denn wenn sie von Natur aus, also intuitiv sich bewegen wollen, ihre Grenzen ausloten wollen, dann muss man ihnen diese Grenzen natürlich auch setzen. Das bedeutet, sie brauchen eine Führung, und sie brauchen ein Leitbild, an dem sie sich orientieren können. Was aktuell auf der Welt oder auch in unserem Lande passiert, führt uns doch ziemlich brutal vor Augen, was geschieht, wenn junge Männer keine Führung haben und wenn sie den falschen Leitbildern folgen.

Integration anderer Kulturen

Kassel: Aber das bringt uns natürlich zu der Frage, ob diese Probleme, die Sie schon beschrieben haben, und gegen die Sie, wie ebenfalls beschrieben, etwas versuchen zu unternehmen, an Ihrer eigenen Schule, ob die jetzt noch größer werden. Wenn eben doch sehr viele junge Männer zu uns kommen, die dann auch ins deutsche Schulsystem gelangen – das ja auch müssen, erst mal über die sogenannten Willkommensklassen –, die aus einer anderen Kultur kommen, wo vielleicht die Unterschiede zwischen den Geschlechtern kulturell noch größer sind als jetzt. Werden dadurch die Probleme potenziert?

Gegier Steiner: Ich möchte nicht von Benachteiligung sprechen, denn grundsätzlich empfinde ich den Tenor, die Stimmung an den Schulen, in denen ich zugange bin – wir geben ihnen ja die Chance zur Integration und Bildung. Ich spreche vielmehr von Orientierungsproblemen. Und ich denke, das gilt auch nicht nur für die Jungs, die jetzt mit ihren Familien aus anderen Kulturkreisen zu uns kommen, sondern das gilt auch schon für die Jungs, die schon mit uns leben. Unser Erziehungsliberalismus, so habe ich es in den letzten Jahren empfunden, grenzt nicht selten an Laissez-faire. Und deshalb richtet sich mein Appell an alle Erziehenden, dass sie die Kinder an die Hand nehmen, ihnen Führung und ein Leitbild geben und ihnen wirklich demokratische Werte vorleben, also Dinge wie Respekt, Rücksichtnahme, Verantwortung für sich und andere. Maria Montessori sagte schon, was nützt eine Erziehung, sie machen uns ja eh alles nach.

Kassel: Aber ist es dann nicht auch ein Problem – Sie haben auch in einem Zusammenhang vorhin an Ihrer Schule, als Sie die Experimente erwähnten, gesagt, dass eine Kollegin das jetzt macht –, ist es nicht tatsächlich auch ein Problem, dass es an deutschen Grundschulen viel mehr Lehrerinnen als Lehrer gibt?

Weibliche und männliche Lehrkräfte

Gegier Steiner: Ich möchte es nicht als Problem beschreiben. In meinem Buch treffe ich auch diese Aussage: Mir ist eine empathische weibliche Lehrkraft lieber als eine nicht-empathischer männliche Lehrkraft. Wenn man die Hattie-Studie vor Augen führt, da geht es auch ganz stark um die Lehrerpersönlichkeit und die Führung und die Empathie dieser, herauszufinden, was das Kind wirklich braucht, in unserem Falle, was der Junge braucht. Ich denke, wenn sich Lehrerinnen genau damit intensiv beschäftigen und didaktische Modelle wählen, die passgenau und die dann sicherlich auch für Mädchen und Jungen gelten können, dann glaube ich nicht, dass das Problem so groß ist.

Was ich viel mehr mit Sorge betrachte, ist, dass die männlichen Orientierungsbilder auch im privaten Leben der Jungen verlorengegangen sind, weil sie nicht mehr präsent sind. Wenn wir an Grundschulen, an denen die Kinder zwischen sechs und zehn Jahre alt sind, eine Trennungsquote bei den Eltern haben von 60 Prozent, und die Kinder dann doch meist erst mal bei der Mutter leben, so ist es schon sehr aussagekräftig. Also ich habe wirklich auch selbst beobachtet, wie tragisch es ist, die Männer möchten gerne an der Erziehung ihrer Kinder mitwirken, aber sie dürfen einmal die Woche höchstens präsent sein.

Kassel: Sind dann mehr so eine Art Grüßonkel quasi, der nicht ganz so alte Opa.

Gegier Steiner: Genau, finde ich unheimlich tragisch. Ich denke, jedes Kind hat auch einen Vater. Und die Einflüsse beziehungsweise die Erziehungsmöglichkeiten, die ein Mann mitbringt, weil er eben ein männliches Vorbild ist, sind doch riesengroß und ein wertvoller Schatz, den wir einfach so wegradieren.

Kassel: Was wir nicht tun sollten. Birgit Gegier Steiner beschreibt das auch in ihrem Buch. Ich habe es erwähnt, das Buch heißt "Artgerechte Haltung: Es ist Zeit für eine jungengerechte Erziehung", im Gütersloher Verlagshaus ist es erschienen. Und sie schöpft daraus natürlich auch aus ihren eigenen Erfahrungen als Lehrerin und Schulleiterin in Baden-Württemberg seit mehreren Jahrzehnten. Frau Steiner, ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch!

Gegier Steiner: Gerne! Vielen Dank! Schönen Tag!

Kassel: Wünsche ich Ihnen auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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