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Thema / Archiv | Beitrag vom 18.02.2010

Oskar Roehler: Dramaturgischer Kniff ist "völlig legitim"

Regisseur weist Kritik an seinem Film "Jud Süß - Film ohne Gewissen" zurück

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"Jud Süß - Film ohne Gewissen"  von Regisseur Oskar Roehler (AP)
"Jud Süß - Film ohne Gewissen" von Regisseur Oskar Roehler (AP)

Der Regisseur Oskar Roehler hat die Vorwürfe der Geschichtsfälschung gegen seinen neuen Film "Jud Süß - Film ohne Gewissen" entschieden zurückgewiesen. Man sei mit allen historischen Figuren, die in dem Film von irgendeiner Relevanz seien, "mit unglaublicher Präzision umgegangen", sagte Roehler am Donnerstag im Deutschlandradio Kultur.

Joachim Scholl: Heute Abend nun feiert auf der Berlinale ein Spielfilm von Oskar Roehler Weltpremiere, der die Geschichte dieses antisemitischen Machwerks und vor allem seines Hauptdarstellers erzählt: "Jud Süß - Film ohne Gewissen" ist der Titel. In unserem Berlinale-Studio ist jetzt der Regisseur Oskar Roehler, ich grüße Sie!

Oskar Roehler: Hallo, freut mich!

Scholl: "Der alte Affe Angst", Herr Roehler, "Die Unberührbare" ...

Roehler: Sitzt mir im Nacken.

Scholl: Die sitzt Ihnen im Nacken jetzt wahrscheinlich gerade. Ich wollte ein paar Filme von Ihnen nennen oder "Elementarteilchen". Zuletzt haben wir "Lulu & Jimi" von Ihnen gesehen, eine Tragikomödie aus den 50er-Jahren. Es sind bekannte Filme von Ihnen und Filme, die auch immer also von starken Figuren geprägt sind, auch von zum Teil extrem psychologischen sozialen Verwicklungen, jetzt aber ein dezidiert historischer, filmhistorischer Stoff mit "Jud Süß". Was hat Sie daran gereizt, diese ja auch ja sehr sinistre Geschichte zu erzählen?

Roehler: Mehrere Sachen: a) Erst mal, da ich ja der Regisseur bin, das muss ich in dem Fall betonen, das heißt nicht, dass ich meine Verantwortung zurückziehe, aber ich bin der Regisseur und nicht der Autor des Buchs und ich bekam ein sehr gutes Drehbuch auf den Tisch. Und dieses spielte in den elitären Kreisen der Nazigesellschaft Ende der 30er-Jahre, kurz bevor die Kriegsmaschinerie quasi richtig ins Rollen kam. Und die Hauptprotagonisten sind eben neben Harlan und seiner Frau vor allen Dingen eben auch der Josef Goebbels. Und der Josef Goebbels ist eine Figur, die mich interessiert hat, einfach wesentlich näher zu beleuchten, als man sie bis dato kennt. Und auch vor allen Dingen zu zeigen, dass die Nazis nicht aus 100 Prozent nur tumben Bösewichtern bestand, sondern dass es auch so ambivalente moderne, auch mit kritischer Intelligenz ausgestattete Figuren gab wie Josef Goebbels, der dann auch noch über so einen reichlichen Charme verfügte und diese mephistophelische, diabolische Fähigkeit hatte, Leute sanft auf seine Seite zu ziehen.

Scholl: Von Goebbels zu Veit Harlan war es ja dann wahrscheinlich nur ein kurzer Schritt zu Ferdinand Marian, dem Schauspieler, der den Jud Süß damals im Veit-Harlan-Film verkörpert hat. Was ist das für eine Figur eigentlich? Ein Schauspieler, der nur an sein Metier, an sich denkt, ohne politisches Gewissen, rein karrierefixiert?

Roehler: Also wenn man sich den Marian anguckt in seiner ganzen Pracht und in seinem ganzen Wiener Schmäh und in seiner ganzen Parvenühaftigkeit, dann hat man einfach so ein Musterexemplar von einem Schauspieler, der so ein starkes erotisches Charisma hat, eine starke Ausstrahlung hat, der der Verführer ist, und zwar mit Abgründen, der amoralisch ist, der im Grunde genau dem entspricht als Typecast wie Goebbels gerne wollte, dass vielleicht sein deutsches Volk die Juden sieht. Und was dem Goebbels da wirklich gelungen ist, ist ein perfekter Typecast, weil der Marian eigentlich relativ undeutsch ist, der strahlt, der überstrahlt praktisch sagen wir mal diese biederen deutschen Kollegen, die an seiner Seite irgendwie spielen, und all das bei einer nicht allzu ausgeprägten schauspielerischen Begabung. Also er ist irgendwie eigentlich jemand, der sich auf sein Charisma verlassen konnte und gar nicht unbedingt viel mehr.

Scholl: "Er will nicht recht heran, den Juden zu spielen", hat Josef Goebbels in seinem Tagebuch notiert über den zunächst unwilligen Marian, dem die Rolle anfangs auch nicht geheuer war. Etliche andere prominente Kollegen, also Willi Forst, Emil Jannings, auch Gustav Gründgens haben die Rolle abgelehnt. Was hat es für Ferdinand Marian dann eigentlich bedeutet, den Jud Süß zu spielen?

Roehler: Es ist im Grunde halt einfach die übliche Geschichte der Schauspielerei, da mischen sich ja ganz ambivalente Gefühle. Auf der einen Seite sicherlich seine moralischen Vorbehalte, auf der anderen Seite natürlich so seine Ruhmsucht, sein Ehrgeiz, irgendwie nach oben zu kommen, und Goebbels deklarierte den Film ja als wichtigsten deutschen Film ever und auch als wichtigsten europäischen Film.

Scholl: Das war ja ein richtiger Nazi-Blockbuster, 20 Millionen Leute? Also der Marian wurde schon berühmt.

Roehler: Der Marian wurde tragischerweise durch den Film berühmt und hat es auch dann, als der Krieg ausbrach und Goebbels mit ihm gebrochen hat - was ja auch wieder ... Ich habe das Ganze ja gemacht, weil das einfach eine wahnsinnig tolle Gesellschaftsstudie war, dieses Drehbuch. Es ist dann ja auch so, dass es um diese ganzen menschlichen Schwächen, Eitelkeiten und Befindlichkeiten geht, und der Marian stolpert in halb angetrunkenem Zustand über eine Affäre, mit der Goebbels sich in der gleichen Nacht noch das Hotelzimmer teilen will, und zieht die Dame auf seine Seite, worauf Goebbels' Eifersucht de facto wirklich so verletzt ist, dass er dann mit drakonischen Maßnahmen beginnt, die Karriere von dem Marian zu untergraben. Das erzählt ja auch viel über den Charakter von Goebbels. Bei dem genügt ja nur ganz wenig, bis der Guillotine schärft und seine Leute umbringt. Also der moralische Pegel, nenne ich das jetzt mal, war ja so niedrig da schon durch diese ganzen Tötungsdelikte, die vorher einhergegangen sind, dass da nur ganz wenig genügt hat, um einfach politische Gegner, persönliche Gegner zu Tode zu bringen. Und das ist halt einfach auch das Exemplarische, dass es in so einer Gesellschaft einfach so funktioniert hat.

Scholl: Ich meine, Marian ist 1946 durch einen Autounfall ums Leben gekommen, er hatte Berufsverbot, man spricht auch von Selbstmord und Alkohol und diese Dinge. Ihn selbst konnte man nicht mehr fragen. Die Verführung des Künstlers, Herr Roehler, also gerade des Schauspielers durch die Macht, da fällt einem natürlich sofort Istvan Szabos schon legendärer Film "Mephisto" ein. Da ist das Vorbild Gustav Gründgens, der sich mit den Machthabern auch einließ. Sehen Sie hier Parallelen, Bezüge zu dem Film, hat das eine Rolle gespielt bei Ihnen?

Roehler: Ja, da ich ein großer Bewunderer von dem Film bin und auch den sehr feinsinnig fand und auch am Ende, wie die Parabel erzählt ist und womit er eigentlich konfrontiert wird, nämlich mit dieser unendlichen Leere. Und ich glaube, unser Film hat eigentlich im Grunde von daher auch eine ganze Menge Ähnlichkeit, weil es um diese ganzen Widersprüchlichkeiten geht und weil es natürlich auch darum geht zu erzählen, wie so eine Diktatur einfach so das Privatleben von Menschen vereinnahmt. Und zwar bei Leuten, die man brauchen kann, die irgendwo wichtig sind, wird halt nicht gleich die Guillotine angesetzt und die Köpfe rollen, sondern die werden langsam zermahlen. Da kommt die Verführung, da kommen die Angebote, und wenn das nicht funktioniert, dann kommen die leisen Anspielungen, die leisen Drohungen, die oft viel schlimmer sind, als die Dinge wirklich auszusprechen. Und darum geht es einfach auch so ein bisschen bei mir in dem Film.

Scholl: Ihr Film kommt in großer Starbesetzung - Tobias Moretti spielt den Jud Süß, Moritz Bleibtreu Josef Goebbels, Martina Gedeck ist mit dabei, Armin Rohde, Justus von Dohnanyi. Wie war das eigentlich bei den Dreharbeiten, Herr Roehler, es ist ja dann auch ein Film über die Verantwortung des Künstlers, Schauspieler spielen Schauspieler. Ich meine, gab es da Diskussionen über die Thematik?

Roehler: Nein, aber es wurde ganz viel ... Also ich erzähle das immer als kleine Anekdote am Rande: Wir haben ja über weite Strecken dann in Wien gedreht, hatten fantastisches Wetter, und es war eigentlich immer so ein kleiner Tisch mit Getränken und so ungefähr 15 bis 20 Korbstühlen außerhalb des Studios gestanden. Und da trafen sich dann diese ganzen Kollegen, die schon sagen wir mal 20, 30, 40 Jahre Schauspiel auf dem Buckel hatten, und dann wurde klar ganz viel über so Ideen und Geistesgeschichte geredet, und es wurde auch über Politik diskutiert, und jeder hat einfach dazu seinen Beitrag geleistet. Und die Schauspieler waren, wenn sie nicht schon alles vorher wussten, dann haben sie das alles recherchiert. Also es war anders als bei anderen Dreharbeiten. Es war so ein ständiges Flirren in der Luft, das war so ein ständiger Ideen- und Gedankenaustausch. Und das war eine ganz tolle Erfahrung für mich.

Scholl: Heute Abend ist Weltpremiere, aber nun wurden schon Vorwürfe gegen Sie laut, Oskar Roehler. Das Drehbuch, es stammt von Klaus Richter, basiert auf der Biografie über Ferdinand Marian, die der Medienwissenschaftler Friedrich Knilli geschrieben hat. Und eben dieser wirft Ihnen jetzt in einem Interview Geschichtsfälschung vor. Im Film sei jener Marian etwa mit einer Jüdin verheiratet, und das stimme nicht, dann würde behauptet, Marian hätte einen Juden gerettet, auch das träfe nicht zu. Was antworten Sie Herrn Knilli?

Roehler: Es ist so, dass wir mit allen sagen wir mal historischen Figuren, die von irgendeiner Relevanz sind, mit unglaublicher Präzision umgegangen sind. Der einzige Faktor, der auch im Film im Nachhinein erwähnt, im Abspann übrigens, da steht ganz genau, dass die historischen Fakten alle da waren, nur die Frau von Herrn Marian, dass wir da uns künstlerische Freiheiten genommen haben. Das haben wir gemacht, weil die Frau vom Marian stellvertretend für ganz viele Künstlerehen steht, wo Schauspieler mit Jüdinnen oder Künstler mit dem jüdischen Ehepartner irgendwie verheiratet waren, und weil das einfach auch eine ganz starke moralische Instanz ist, gerade für so jemanden wie ihn. Wir wollten den Film einfach spannender machen und haben die Frau Marian einfach dazu benutzt, so ein Counterpart zu ihm zu haben, mit dem er sich auseinandersetzen musste eben moralisch, ob er den Film jetzt machen kann oder nicht. Das war so vielleicht, man kann das einen dramaturgischen Kniff nennen, aber uns schien das dann am Ende vollkommen legitim. Weil was wir einfach machen wollten, ist einen historisch wahren Film zu machen, der halt von einer starken inneren Spannung lebt und auch einer persönlichen Spannung des Hauptdarstellers. Außerdem muss ich das berichtigen: Natürlich ist erwiesen, dass der Marian einen Juden bei sich im Garten untergebracht hat, einen ehemaligen Schauspielkollegen, genauso wie wir das im Film darstellen. Und davon, dass er den gerettet hat, ist im Film überhaupt keine Rede, das ist falsch dargestellt. Und das kommt daher, dass Herr Knilli den Film ja überhaupt noch gar nicht sehen konnte.

Scholl: "Jud Süß - Film ohne Gewissen" von Oskar Roehler, heute Abend ist Weltpremiere auf der Berlinale. Der Film läuft offiziell im Wettbewerb, im Herbst ist dann der deutsche Kinostart. Viel Erfolg, alles Gute Ihnen, Oskar Roehler, und Ihrem Film, und herzlichen Dank für das Gespräch!

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