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Freitag, 15.12.2017

Religionen | Beitrag vom 03.12.2017

Orgelbau in Tansania"Die Massivhölzer sind fast besser als in Deutschland"

Von Thomas Klatt

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Eine hölzerne Orgelpfeife im brandenburgischen Sieversdorf (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)
Hölzerne Orgelpfeifen - hier allerdings in einer Fotografie aus dem brandenburgischen Sieversdorf (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)

Vor gut 30 Jahren kam der Orgelbaumeister Reiner Kammleiter nach Tansania, um eine Berufsschule aufzubauen. Bald experimentierte er mit ostafrikanischen Hartholzarten für den Orgelbau. Jetzt exportiert er sogar nach Deutschland - wobei es eine Hürde gab.

Kirchenmusik im ostafrikanischen Tansania bedeutet in der Regel: Laut! Gesangsstarke Chöre, begleitet von einem Elektropiano oder einem Keyboard – möglichst von vielen Boxen verstärkt. Doch seit einigen Jahren hört man in immer mehr Kirchen Tansanias auch andere Klänge.

Der gelernte Orgelbauer Reiner Kammleiter kam vor mehr als 20 Jahren an den Fuß des Kilimandscharo, um im Auftrag des bayrisch-lutherischen Missionswerkes eine Berufsschule aufzubauen. Ziel war und ist die  Ausbildung von Schneiderinnen, Maurern, Metallwerkern, Elektrikern oder Schreinern. Neuerdings gibt es auch eine PC-Klasse. Doch dann fing Kammleiter an, mit afrikanischen Hölzern zu experimentieren.

Zypresse für Basspfeifen

Kammleiter ist begeistert von den Ergebnissen:

"Wir haben unseren eigenen Stil gefunden. Wir haben am Anfang sehr viel Holzpfeifen gebaut mit vielen Variationen, zum Beispiel konische aus den Hölzern von hier. Es gibt tolle Hölzer hier, zum Beispiel Zypresse für Basspfeifen oder Gedeckpfeifen, die so weich klingen, das sind besondere Fasern, die klingen ganz leicht."

Neben der Holzart ist auch die Art, wie man baut, wichtig für den Sound, erklärt der Orgelbauer.

"Und da gibt es eine andere, so eine Olivenart und da kommen sehr schöne Flöten raus, und dann haben wir noch rumexperimentiert und wenn man konisch baut, dann kann man sehr viele Klangvariationen mit diesen Flöten machen."

Der heute 53-jährige Kammleiter begann damit, die besten Schreinerlehrlinge seiner Berufsschule für den Orgelbau weiterzubilden. Gleichzeitig begann er, eigene Bäume auf der Schulplantage anzubauen, um sich auch in Zukunft die Edelharthölzer zu sichern, die er sonst teuer einkaufen müsste. Allerdings muss der Orgelbauer noch einiges importieren.

Ausgerechnet das Sperrholz ist ein Problem

"Die Massivhölzer sind alle sehr gut und fast besser als in Deutschland. Das Problem, das ich hier in Tansania hab, dass ich kein gutes Sperrholz krieg. Für bestimmte Teile der Windlade kann man Sperrholz verwenden , dann ist es leichter die Windlade zu bauen und es gibt kein qualitätsmäßig gutes Sperrholz, das ich hier verwenden kann. Aus Massivholz ist sehr gut, aber viel aufwendiger und teurer. Teilweise haben wir Sperrholz aus Finnland hergeholt. Es ist immer die Frage, ob sich das lohnt."

Den Gewinn, den er mit dem Verkauf der Orgeln erzielt, wird in seine Berufsschule reinvestiert. Allmählich spricht sich die Qualität aus dem Hause Kammleiter herum. Immer mehr Kirchengemeinden in Tansania wollen kein Elektroinstrument mehr, sondern eine richtige, mehrmanualige Pfeifenorgel. Nur der Wind wird noch elektrisch erzeugt.

"Wir haben eine Kirche in Arusha mit automatischen Generator. Wenn der Strom ausfällt, dann geht der Generator an innerhalb von ner halben Minute. Wenn man das Gebläse mit Fußbetrieb bauen wollte, braucht man viel mehr Platz. Das ist das Problem, denn in Tansania sind die Kirchen voll. Wenn man ne große Orgel hinstellt, dann nimmt man dem Chor den Platz weg."

Eine tansanische Orgel kostet dabei nur rund die Hälfte eines vergleichbaren Instrumentes Made in Germany. Ein echter Wettbewerbsvorteil. Reiner Kammleiter hat mittlerweile sogar schon mehrere Instrumente nach Deutschland exportiert. Die erste Orgel ging nach Rothenburg ob der Tauber in die Friedhofskirche.

Zuerst kamen die Rauschgifthunde

"Ich denk das war die erste Orgel, die in Afrika gebaut worden ist. Die ist dann mit dem Container nach Hamburg verschifft worden. Dann haben die am Hafen gesagt, wir müssen kommen, haben sie den Container aufgemacht und die Rauschgifthunde reingelassen, weil es hat niemand so recht glauben wollen, dass eine Orgel nach Afrika kommt, die dann nach Deutschland kommt, war der Hund drin, hat nix gefunden und dann konnten wir weiter machen und die Orgel zusammenbauen."

Jede größere Orgel ist in der Regel ein Unikat, das individuell für jede Kirche geplant und angepasst werden muss. Ein langer und kostspieliger Prozess. Reiner Kammleiter plant künftig vor allem kleinere Einheiten, die dann in Serie auch von seinen Lehrlingen und Gesellen eigenständig gebaut und gewartet werden können.

"Ich bin interessiert an kleinen Instrumenten – zwei, drei, vier Register, die man nach Deutschland schicken kann, ist in Ordnung, ist gut. An einer großen Domorgel bin ich nicht interessiert, das geht über meine Kräfte."

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