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Religionen / Archiv | Beitrag vom 11.05.2013

Ordiniert in Offenbach - ermordet in Auschwitz

Der Dokumentarfilm "Regina" erinnert an die erste Rabbinerin der Welt

Von Wolfgang Martin Hamdorf

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Hinterhof im Berliner Scheunenviertel: Gerademal so groß, dass ein Feuerwehrauto wenden konnte. (ure-alliance/ ZB)
Hinterhof im Berliner Scheunenviertel: Gerademal so groß, dass ein Feuerwehrauto wenden konnte. (ure-alliance/ ZB)

Regina Jonas wurde 1902 in den ärmlichen Verhältnissen des jüdischen Lumpenproletariats rund um das Berliner Scheunenviertel geboren. Trotzdem studierte sie und war ab 1935 die erste Rabbinerin weltweit. Die Regisseurin Diana Groó hat ihr Leben rekonstruiert.

Regina Jonas, die erste Rabbinerin der Welt, kam aus armen Verhältnissen. 1902 als Tochter eines jüdisch orthodoxen Hausierers geboren, wuchs sie in den dunklen Hinterhöfen des Berliner Scheunenviertels auf. Trotzdem besuchte sie höhere Schule, studierte ab 1924 an der liberalen Hochschule für die Wissenschaft des Judentums und wurde 1935 zur Rabbinerin ordiniert. Die 39-jährige ungarische Filmemacherin Diana Groó begann vor sieben Jahren mit den Arbeiten für ihr Porträt dieser ungewöhnlichen Frau. Dabei hatte sie zunächst nichts weiter als ein Foto: Regina Jonas trägt einen Talar und eine Samtkappe und schaut ernst in die Kamera.

Diana Groó: "Das war eine Herausforderung: Wie kann ich einen Dokumentarfilm machen, der nur auf einem Foto beruht? Wie kann ich einen Dokumentarfilm machen, wenn die Zeitzeugen, die sie noch gekannt haben, längst nicht mehr leben?"

Eine Grundstruktur fand sie in der 2003 erschienenen Biografie "Regina Jonas. Die weltweit erste Rabbinerin" von Elisa Klapheck. Für ihren Film suchte die junge Regisseurin fünf Jahre lang Archivmaterial, Fotos und Filmaufnahmen, die das Umfeld ihrer Protagonistin in den 20er-, 30er- und 40er- Jahren beschreiben.

"Wie kann man ein Leben mit ganz unterschiedlichen Bildmaterialien rekonstruieren? Und wie kann man mit diesen unterschiedlichen Materialien das Gefühl vermitteln, dass die Hauptfigur trotzdem in diesen Bildern steckt?"

Diana Groó zeigt Zeitgeschichte und individuelles Schicksal als Parallelmontage. Manches ist auf den ersten Blick bekannt, etwa die Szenen aus zeitgenössischen Dokumentarfilmen wie "Berlin, die Sinfonie einer Großstadt", "Menschen am Sonntag" oder manches NS-Propagandamaterial. Aber viele Aufnahmen wirken privat, fast familiär:

"Ich hatte großes Glück, an private Aufnahmen jüdischer Familien aus den dreißiger und vierziger Jahren zu kommen. Aufnahmen von Überlebenden, die mir die Möglichkeit gaben, das Umfeld dieser ersten weiblichen Rabbinerin zu rekonstrieren."

"Regina" ist ein außergewöhnlicher Dokumentarfilm und eine spannende und fast poetische Montage von Dokumenten, unterschiedlichen Bildmaterialien und Originaltexten. Im "Centrum Judaicum” in Berlin fand Diana Groó eine wichtige Sammlung persönlicher Dokumente, die Regina Jonas noch vor ihrer Deportation ins Konzentrationslager Theresienstadt gesammelt und der jüdischen Gemeinde übergeben hatte: ein Photo, ihre Ordinationsurkunde, Zeitungsartikel, theologische Schriften, aber auch private Briefe.

"Es war ein Wunder, dass ich diese Liebesbriefe gefunden habe, Liebesbriefe eines Rabbis, Josef Norden aus Hamburg. Die beiden hatten eine schöne Liebesgeschichte, die 1938 begann, eigentlich in einer historisch ganz schlimmen Zeit. Er war 35 Jahre älter als Regina Jonas und blieb ebenso wie sie bei seiner Gemeinde. Er war sehr stolz, dass sie die erste Rabbinerin war, schätzte sie sehr. Und das prägte ihre Liebe."

Fast collageartig wird in 66 Minuten der Lebensweg einer vitalen und energischen Frau erzählt, die nach ihrer theologischen Ausbildung für ihre Rechte in der jüdischen Gemeinschaft kämpft, während in ihrer Heimatstadt der NS-Terror eskaliert: von Aufmärschen, Fackelzügen über Bücherverbrennungen bis zur Vernichtung jüdischen Lebens.

"Regina" zeigt eine Frau, die auch in schwierigsten Momenten noch versucht, den Verfolgten mit ihren Predigten Mut zu geben.

"Mich hat die Person Regina Jonas begeistert, diese ganz außergewöhnliche Frau, durch ihre Menschlichkeit, die Hilfe, die sie denen gegeben hat, die Deutschland nicht mehr verlassen konnten. Sie hätte Deutschland verlassen können, aber sie ist da geblieben, um denen zu helfen, die sie brauchten. Und mir wurde im Laufe der Recherche immer bewusster, dass sie wirklich für ein religiöses Amt geboren war."

Sieben Jahre lang arbeitete Diana Groó an ihrem Projekt. Finanziert wurde es überwiegend über private Stiftungen.

"Es war eine schwierige Produktion, und ich habe von Seite des ungarischen Staates keine Förderung bekommen. Unglücklicherweise ist der Antisemitismus in Ungarn sehr stark geworden. Er ist schon längst nicht mehr unter der Oberfläche verborgen, sondern deutlich sichtbar. Und es ist sehr schwer, damit jeden Tag umgehen zu müssen."

"Regina" ist ein vielschichtiges Porträt einer Frau und ihrer Zeit. Die letzten Bilder führen nach Theresienstadt, wo Regina Jonas ihre letzten zwei Lebensjahre vor ihrem Tod in Auschwitz verbrachte.

"Ich bin froh, dass es kein 'Holocaust-Film' geworden ist. Für mich geht es nicht um den Holocaust, es geht ums Weiterleben. Ich zeige den historischen Hintergrund und ich erzähle auch, dass meine Protagonistin in Auschwitz umgekommen ist. Aber die Botschaft, die bleibt, ist die Liebe zum Leben.

Mein Film ist der Zukunft gewidmet, denn sie war eine Person, die das Leben nicht nur liebte, sondern im Leben selbst einen Sinn sah, darin, dass wir auf dieser Erde geboren werden. Ich glaube, diese Botschaft ist unvergänglich, und ich bin sehr stolz darauf, ihre Geschichte gefunden und erzählt zu haben. Solange wir uns erinnern, leben die Personen weiter, das ist eine der Grundlagen unserer Existenz."

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