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Tonart | Beitrag vom 23.12.2015

Oratnitza, Ponk und CankisouOsteuropäische Folkmusik neu interpretiert

Von Thorsten Bednarz

Hristyan Georgiev von der bulgarischen Band Oratnitza performt beim Penang World Music Festival 2013 in Malaysia. (imago/ZUMA Press)
Hristyan Georgiev von der bulgarischen Band Oratnitza performt beim Penang World Music Festival 2013 in Malaysia. (imago/ZUMA Press)

Überraschend und unbedingt hörenswert urteilt Musikkritiker Thorsten Bednarz über die osteuropäischen Bands Oratnitza, Ponk und Cankisou. Alle drei interpretieren Folkmusik neu, setzen auf ungewöhnliche Klänge und hinterfragen musikalische Klischees.

Ja, die bulgarische Musikszene kann auch ohne das Wunder der polyphonen Chöre auskommen, wie es seit 25 Jahren immer wieder mal beschworen wird. Für die Band Oratnitza gibt es ohnehin keine festen Traditionen. Sie beruft sich auf ein Folktron – für sie das musikalische Gegenstück zu den Elektronen, die uns im subatomaren Bereich umgeben und uns ausmachen. Das Folktron ist ein eben solches Teilchen, ständig schwingend, ständig im Fluss der Veränderung und ständig auch im niederfrequenten Bereich in unserem Ohr präsent, wenn es auch als solches von uns nicht wahrgenommen wird. So jedenfalls steht es im Cover der letzten CD der Band. Und folgt man den Ausführungen der Musiker, dann ist das Folktron sozusagen die musikalische DNA eines jeden Menschen…

Doch wie jede andere DNA, so unterliegt auch das Folktron ständigem Wandel und kommt uns mal als Dancehall oder auch als Dubstep entgegen – aber immer verpackt in bulgarische Melodien und vor allen Dingen immer rein akustisch gespielt! Da erinnert dieser kleine Vermerk doch irgendwie an die alten Platten der britischen Rockband Queen, auf denen früher stand, es wären niemals Synthesizer eingesetzt worden.

Man könnte meinen, auch bei den polnischen Musikerkollegen von Ponk gäbe es ein solches Folktron, allerdings beziehen sie sich lieber auf heutige Zeiten und nennen ihre Musik und ihr aktuelles Album Postfolklor. Aber ganz so in der Gegenwart kommen ihre Mörder- und Selbstmordballaden dann doch nicht an. Immerhin erinnert das Cover an selige Atari-Zeiten, darauf zu sehen ist ein verpixelter Galgen unter dem die Gebeine der drei Musiker in ihren Gräbern verrotten. Und auch musikalisch spielen die drei Herren so auf, als würden sie am liebsten mit der Reduktion auf 8 MB auskommen. Nur bemerkt man dabei kaum, dass das Instrumentarium mit Geige, Bass, Cymbalon und Gesang durchaus analog daher kommt.

Musik aus Zwischenwelt und Wunderland

Diese Musik des polnischen Trios Ponk ist eine Mischung aus einer Prise Nick Cave, zwei Dritteln Blair Witch Project und ordentlich schwarzem polnischen Humor. Mit ihrem Low Fi-Charme scheinen Ponk aus einer musikalischen Zwischenwelt zwischen gestern und übermorgen zu stammen. Einfach grandios.

Mit Fragen nach gestern oder heute geben sich die tschechischen Musiker von Cankisou erst gar nicht ab – sie erschaffen sich gleich ihre eigenes Wunderland mit einer ganz eigenen imaginären Folklore, auch wenn die einbeinigen Wesen, die dieses Land bevölkern und der Gruppe ihren Namen gaben, doch teilweise stark an Ian Anderson, den stets auf einem Bein stehenden Flötisten von Jethro Tull erinnern mögen. Und schaut man sich die Bandfotos an, dann könnte man meinen, hier musizierten einige ältere Herren aus Krautrockzeiten gemeinsam mit ihren Kindern und Enkeln aus der Crossover-Ära. Die Weltoffenheit und der experimentelle Ansatz von Cankisou klingen tatsächlich auch so. Miles Davis spielt einbeinig Trompete, begleitet von Led Zeppelin und den Wüstenrockern von Tinariwen in der Wunderwelt des Planeten Dune.

Wo die Bulgaren von Oratnitza und ihre polnischen Kollegen von Ponk mit futuristisch anmutenden Sounds punkten, da überzeugen Cankisou mit einer kunterbunten Gummibärchenwelt im Stile von Gong und deren fliegenden Untertassen. Aber allen drei Bands ist gemein: Sie überraschen mit ungewöhnlichen Sounds und Ideen, hinterfragen musikalische Klischees und setzen dabei lieber auf ungewöhnliche Klänge, die weder mit New Folk noch dem großen Americana-Trend etwas gemein haben. Überraschend und unbedingt hörenswert sind alle drei!

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