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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 03.07.2015

Opferkinder und TäterkinderAuschwitz in der Psyche der Nachkommen

Von Alice Lanzke

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Lager Auschwitz-Birkenau im Nebel: Ehemaliges Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, Blick auf einen Wachturm (picture alliance / dpa / Fritz Schuhmann)
Lager Auschwitz-Birkenau im Nebel (picture alliance / dpa / Fritz Schuhmann)

In diesem Jahr wird in Deutschland der Befreiung von Auschwitz vor 70 Jahren gedacht. Doch wie beeinflusst die Shoah die Nachkommen von Tätern und Opfern noch heute? Wie haben die Verbrechen des Nazi-Regimes ihre Identität geprägt?

"Die meiste Zeit meines Lebens fühlte ich mich wie eine Gedenkkerze"

"Sie sind doch Jude oder?"

"Ich bin nach wie vor ungeheuer wütend"

"Den Horror, bei den Menschen, die es zu erleiden hatten, eben das Stottern, was mich ankommt, oder wenn ich daran denke, wie Menschen das anderen haben antun können"

"Ich lebe und ich hab' ein Herz und ich bin wirklich ein Mensch"

Nachkommen von Opfern. Nachkommen von Tätern: Beide kommen zu Wort in dem Buch "Beidseits von Auschwitz. Identitäten in Deutschland nach 1945". Ein Sammelband, erschienen im Lichtig-Verlag, der ganz unterschiedliche Perspektiven zusammenbringt.

Die 30 Autorinnen und Autoren stammen aus Deutschland, der Schweiz, Rumänien, Österreich, Polen und Israel. Jeder hat seine ganz eigene Stimme, um zu beschreiben, wie sich die Shoah und das Naziregime auf die jeweilige Lebens- und Familiengeschichte, auf die Identität auswirkten.
Da ist zum Beispiel Yaakov Naor, der erzählt, welche Bürde die zweite Generation zu tragen hat. Die Eltern des israelischen Psychodramatikers waren selbst Holocaust-Überlebende. Aus seinem Beitrag liest Verlegerin, Herausgeberin und Autorin Nea Weissberg:

Yacoov Naor, gelesen von Nea Weissberg: "Wir sind die, die nie über sich selbst sprechen konnten, weil wir immerzu damit beschäftigt waren, unsere Eltern zu beschützen. Oft wurden wir nach ermordeten Angehörigen benannt. Nicht selten fühlten wir uns dadurch wie lebende Tote."

Doch auch die Nachkommen der Täter sprechen in dem Sammelband. So etwa Ursula Sperling-Sinemus. Ihr Stiefvater war der österreichische SS-Sturmbannführer Alois Schintlholzer. 1979 begann die Psychotherapeutin, mehr über ihn herauszufinden – nachdem in der Zeitung "Frankfurter Rundschau" über ihn berichtet worden war.

Ursula Sperling-Sinemus: "Und auf der ersten Seite stand, dass mein Stiefvater lebenslänglich verurteilt worden ist ... wegen Massenmordes."

Die Schuld der eigenen Familie

Bis heute versucht Sperling-Sinemus zu erfahren, welche Dimension die Taten ihres Stiefvaters wirklich hatten.

Ursula Sperling-Sinemus: "Es war so ein Gefühl von: Jemand muss diese Schuld auf sich nehmen. Jemand muss diese Schuld tragen."

Diese Schuld – sie ist ein wiederkehrendes Motiv in den Erzählungen der Täternachkommen. So berichtet etwa Petra G.

Petra G.: "Also grundsätzlich wusste ich immer, dass mein Großvater bei der SS war, aber es ist immer verleugnet worden, dass damit eine Schuld verbunden ist. Es ist immer gesagt worden: Ja, er war da aber das war nicht so schlimm."

Doch was macht das Wissen um die Schuld der eigenen Familie mit einem selbst? Im Fall der Autoren aus dem Band führte es zu einer intensiven Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte – mit durchaus ambivalenten Ergebnissen, wie Petra G. beschreibt:

"Die Beschäftigung mit der Familiengeschichte ist wie eine ständige Unruhe in mir, die versucht, einerseits das Grauen hinter den Lügen aufzudecken und unbedingt ganz genau wissen will, was passiert ist, und dann doch zurückschreckt, wenn sie die Wahrheit trifft."

Das Ringen mit der Historie der eigenen Familie wie auch der Geschichte insgesamt wird in fast allen Beiträgen spürbar. So hat Mit-Herausgeber Jürgen Müller-Hohagen Recht, wenn er über das Buch sagt

"Ich meine, man kann jede dort Seite aufschlagen und kommt unter die Oberfläche."

Die Frage nach der eigenen Identität, 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz: Nea Weissberg ist ein couragiertes Experiment gelungen. Umso mehr versteht man ihre Freude:

Nea Weissberg: "Und es ist aus meiner Sicht – ich hab jetzt diesen jüdischen Verlag seit über 22 Jahren – das tiefste Buch, das ich herausgegeben habe. Also ich bin unheimlich glücklich, dass ich diese 30 Autoren gefunden habe, die sehr mutig über ihre Identität geschrieben haben, was vielen nicht leicht fiel von der jüdischen oder nicht-jüdischen Seite. Und ich wollte mich bei allen dafür bedanken."

Beidseits von Auschwitz: Identitäten in Deutschland nach 1945 
Lichtig Verlag, Berlin 2015, 21,50 Euro

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