Donnerstag, 24.05.2018
 

Zeitfragen | Beitrag vom 22.03.2018

OP-Roboter "Da Vinci"Operieren mit dem Joystick

Von Marko Pauli

Beitrag hören Podcast abonnieren
Ein Chirurg bedient das OP-Robotersystem "da Vinci Xi" (picture alliance / Christian Charisius)
Präziser als die menschliche Hand: Das OP-Robotersystem "da Vinci Xi" unterstützt Ärzte bei sehr filigranen Eingriffen. (picture alliance / Christian Charisius)

Auch hierzulande setzen sich immer mehr roboter-assistierte Operationen durch. Und damit die Leute vor den modernen OP-Robotern die Angst verlieren, wird die neue Technik auch an ungewöhnlichen Orten gezeigt und beworben.

An einem zentralen Punkt in einem Einkaufszentrum in Hamburg. Ein junger Mann lehnt mit seinem Kopf in einer Konsole, zwei Finger beider Hände stecken in Schlaufen, die jeweils einen Gelenkarm bewegen. Irgendwas stimmt noch nicht.

"Wenn ich Ihnen mal einen Tipp geben darf, nehmen Sie den ersten und den dritten Finger. Einfach mal bewegen die Instrumente, und auf und zu machen."

Der junge Mann bedient nun auf dem Bildschirm in 3D eine virtuelle chirurgische Greifzange.

"Ich stülpe hier grad Ringe über verschiedene Objekte, und das Erstaunliche ist, man muss wenig denken, wie man das bewegt, weil man einfach die Finger bewegt. Und es funktioniert, obwohl ich kein Chirurg bin, erstaunlich gut."

Ein paar Meter weiter findet die virtuelle Szenerie gleichzeitig in der Realität statt, einer von vier Roboterarmen legt Ringe über Plastikhütchen. Was auf dem Monitor groß und übersichtlich erscheint, geschieht dort sehr filigran, Ringe und Hütchen sind winzig klein. Spielerisch wird hier das Können des "da Vinci Xi" demonstriert, des weltweit modernsten roboterassistierten Chirurgiesystems. Christian Wülfing, eben noch dem jungen Mann bei der Bedienung helfend, ist Chefarzt der Urologie in der Asklepios-Klinik in Hamburg-Altona, wo er seit einem Jahr mit dem Gerät arbeitet.

Der Roboter gleich sogar das Zittern des Chirurgen aus

"Wenn man die alten konventionellen Techniken sieht, dann hat der Chirurg die Instrumente, die Stäbchen, in der Hand gehabt, hatte aber starre Instrumente, während er jetzt mit dem Joystick die Bewegungen der Hand eins zu eins in allen Bewegungsfreiheitsgraden übersetzen kann. Man schaut mit einer 3D-Optik in den Körper hinein, auch das ist ein Riesenvorteil, weil man sich in einem dreidimensionalen Raum sehr gut zurechtfindet. Und mit einer zehnfachen Vergrößerung ist die Sicherheit für den Patienten extrem hoch, weil wir so starke Vergrößerungen genießen können, dass wir eine Übersicht haben, die man mit dem eigenen Auge fast gar nicht haben kann."

Der Operateur braucht sich auch nicht zu sorgen, eine unruhige Hand zu haben.

"Wer zittert, sollte nicht Chirurg werden. Aber es ist schon richtig, das Instrument korrigiert halt auch Unregelmäßigkeiten in Bewegungsabläufen und ist eben sehr präzise einfach."

Die Entfernung von Prostatakarzinomen und organerhaltenden Nierentumor-Operationen zählen zu den häufigsten Einsätzen in der Klinik. Aber auch Bauchchirurgen, HNO-Ärzte und Gynäkologen operieren im eigens eingerichteten "da Vinci"-OP-Saal.

"Der Aufbau ist so, dass man bei den Patienten fast immer vier kleine Löcher machen muss. Aber man hat nur zwei Hände. Das Schöne an diesem Modell ist, dass sie die vier Roboterarme, die vielen Instrumente, mit einem kleinen Fußschalter in Sekundenschnelle umschalten können, und eben auch die Kamera, die ja immer eine dieser vier Öffnungen besetzt."

Ein weiterer Arzt sitzt immer am OP-Tisch, um bei Bedarf etwa Pinzette, Nadel oder Schere auszutauschen. Die Patienten vertrauen der Robotertechnik im OP-Saal zwar immer mehr, dennoch müsse man immer wieder betonen, so Christian Wülfing:

"Nicht der Roboter operiert den Patienten, sondern der Arzt, der den Roboter bedient. Schon wenn Sie den Kopf aus der Konsole zehn cm zurücknehmen, dann funktioniert der Roboter nicht mehr, aus Sicherheitsgründen, sondern es funktioniert nur, wenn der Arzt vollkommen fokussiert da dran sitzt. Wenn man das den Patienten erklärt, und die Vorteile noch mal unterstreicht, dann sind Patienten sehr schnell davon überzeugt."

Präsentation im Einkaufszentrum

So erging es auch der ersten Patientin, die mit dem neuen Roboter in der Hamburger Klinik vor gut einem Jahr operiert wurde. Der 65-jährigen wurde erfolgreich ein Magen-Karzinom entfernt.

"Er hat mir nur erklärt, dass das mit Roboter sehr präzise ist. Kleiner Schnitt, sehr präzise, dass das mit Hand nicht so gut machbar ist. Dass das bei mir geht, und er das machen würde mit dem Roboter. Und da bin ich Gottseidank zufrieden."

Die Veranstaltung im Einkaufszentrum soll einerseits helfen, Bedenken abzubauen, andererseits aber auch das Renommee der Klinik steigern. Eine interessierte Besucherin, die gerade ganz intuitiv Ringe auf die Hütchen setzt, findet es z.B. unbedenklich, dass der Chirurg nicht mehr direkt beim Patienten sitzen muss.

"Hätt ich kein Problem mit."
"Sie sehe ja, wie präzise das Ganze funktioniert."
"Deshalb ist es toll, dass das hier mal ausgestellt wird. Es erinnert mich sehr an diese Greifarm-Geschichten auf den Jahrmärkten, wo man so Kuscheltiere fangen muss, und man kann nicht mehr aufhören."

Bisher müssen Patienten, die mit dem über zwei Millionen Euro teuren "da Vinci" operiert werden, keine Zusatzzahlungen leisten, es wird über Fallpauschalen abgerechnet. Zusätzliches Geld wird über plastische Operationen eingenommen. Schilddrüsenoperationen etwa können jetzt ohne sichtbare Narben durchgeführt werden, erklärt Patrick Hauser, der kaufmännische Leiter der Klinik.

"Und da haben wir Verfahren das durch die Achsel zu machen, wo dann die Narbe unter der Achsel ist. Oder Verfahren, hinter dem Ohr in Richtung Schilddrüse zu gehen, wo man diese Narben nicht hat. Und da ist es tatsächlich so, dass da auch eine Zuzahlung ist, weil da eben der plastische Effekt und der kosmetische Effekt im Vordergrund stehen."

Die Nähe zum Patienten bleibt auf der Strecke

Die heute angehenden Chirurgen benötigen weniger Zeit, die neue Technik zu erlernen als noch zu Zeiten der offenen Operationen - was beim Ernstfall getan werden muss, unterscheidet sich kaum vom virtuellen Übungsprogramm. Zu bedenken bleibt, dass mit dem Verlust der körperlichen Nähe zum Patienten auch ein Stück Verantwortungsbewusstsein auf der Strecke bleiben könnte.

"Da gibt's so welche Hügel, und es gibt so welche Griffe, Und die Ringe muss man von einem Hügel auf den anderen tun."

Die Kinder im Einkaufszentrum bedienen die Technik intuitiv. Ist es denkbar, dass in einer zukünftigen Version des da Vinci der Roboter zum Chefchirurgen aufsteigt? Christian Wülfing bangt noch nicht um seinen Job.

"Jeder Mensch sieht von innen gleich aus, das stimmt, ich muss trotzdem sagen, die Operationen, die wir so machen, da gleicht keine der anderen. Insofern haben wir da glaube ich noch ein bisschen Zeit. Wenn man sich aber seriöse Untersuchungen anschaut, dann ist die Automatisierung von Arbeitsprozessen, auch im Gesundheitswesen, definitiv ein Thema für die nächsten 20 Jahre. Ich glaube, die Robotik und die Automatisierung werden Einzug erhalten. Wenn man jetzt Kindern einen Tipp geben sollte, dann sollten sie sich in jedem Fall mit solchen Technologien beschäftigen, weil sie einen Platz in ihrem zukünftigen Leben einnehmen werden."

Zeitfragen

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur