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Thema / Archiv | Beitrag vom 28.03.2014

ÖkonomieDer Lohn der Geduld

Verhaltensökonom Matthias Sutter über die Kunst, warten zu können

Moderation: Britta Bürger

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Ein Tasse grüner Tee (picture alliance / Jens Kalaene)
Abwarten und Tee trinken: Macht das erfolgreich? (picture alliance / Jens Kalaene)

Wer geduldig ist, ist auch gesünder und hat mehr Erfolg im Beruf. Das ist die These des Verhaltensökonomen Matthias Sutter. Die Ungeduldigen, sagt er, fallen der Gesellschaft über die Gesundheitskosten früher oder später zur Last.

Britta Bürger: Zwei Kinder sitzen vor einer Tüte Gummibärchen und haben 15 Minuten Zeit zu entscheiden, ob sie die Tüte gleich aufessen oder bis morgen warten und dafür noch eine zweite bekommen. Dieses Experiment ist ein Klassiker, den der österreichische Verhaltensökonom Matthias Sutter in zig Varianten durchgespielt hat, mit dem Ergebnis, dass das geduldige Warten auf den nächsten Tag von Vorteil ist. Zwei Tüten Gummibärchen sind besser als nur eine – so schlicht und ergreifend dieses Beispiel ist, so verblüffend ist auch, was Matthias Sutter, Professor für angewandte Wirtschaftsforschung in Florenz und Innsbruck, was er davon ableitet. Geduldige Menschen seien gesünder, erfolgreicher im Beruf, weniger suchtgefährdet und stünden insgesamt besser da im Leben. Die "Entdeckung der Geduld" heißt sein neues Buch. Herr Sutter, ich grüße Sie in Innsbruck!

Matthias Sutter: Grüß Gott, Frau Bürger, liebe Grüße aus Tirol!

Bürger: Was war denn Ihre letzte Geduldsprobe?

Sutter: Wie so häufig im privaten Bereich. Ich habe vor circa zwei Wochen das Auto waschen wollen, mal wieder den ganzen Winterdreck wegtun. Und meine kleine Tochter, die ist neun Jahre alt, wollte unbedingt mitmachen, das erste Mal, und die wollte das lernen irgendwie. Ja, und dann hat sie so eine große Freude mit dem  Schlauch gehabt, dass gar nichts mehr weiter ging. Weil der Schlauch wurde dann zum Gartengießen benützt und zum die Straße-Abspritzen, aber das Auto hat wenig davon abbekommen. Und ich musste mich ein bisschen zusammennehmen, dass ich nicht sage, na komm, jetzt lass mich das machen, damit ich auch mal fertig werde. Auf der anderen Seite – das war einfach auch gut, weil sie wollte es lernen, und nur mit Geduld kann man einem Kind dann auch mal beibringen, wie es halt genau geht, wo man die Räder gut abspritzt und so weiter.

Bürger: Wie definieren Sie überhaupt Geduld?

Geduldig ist, wer auf schnelle Belohnungen verzichten kann

Sutter: Als Ökonomen gehen wir hier sehr nüchtern heran. Wir sagen eigentlich: Geduld misst, wenn jemand bei der Wahl zwischen einer kleineren Belohnung jetzt oder heute und alternativ einer größeren Belohnung morgen die morgige wählt. Also vereinfacht, Ihr Beispiel hat das schon gezeigt, ein Gummibärpäckchen heute oder zwei morgen. Oder zehn Euro heute oder elf morgen. Und die Geduldigeren sind die, die die zukünftige Auszahlung wählen.

Bürger: Der eingangs eben schon erwähnte Gummibärchen-Test, der geht ja zurück auf das sogenannte Marshmallow-Experiment des Psychologen Walter Mischel aus den 1960er-Jahren, das lief nach genau demselben Muster ab. Warten auf ein zweites Marshmallow und dafür doppelt so viel vernaschen können, oder beim einen gleich zuschnappen. Unter welchen Fragestellungen sind Wissenschaftler auf das Grundmuster dieses Experiments im Lauf der Jahrzehnte immer wieder zurückgekommen?

Sutter: Walter Mischels ursprüngliche Frage war ja nicht, was für langfristige Effekte die Geduld dieser Kinder auf ihren Lebenserfolg hat, sondern die ursprüngliche Frage war, wann lernen Kinder, zukunftsorientiert zu handeln, etwas auf in 15 Minuten oder auf morgen verschieben zu können. Und wie gehen sie mit Versuchungen um. Das ist ja ganz wunderbar, zuzusehen. Die halten dann zum Teil die Hände vors Gesicht, fangen an Kinderlieder singen oder drehen sich um, damit sie der Versuchung widerstehen können.

Und dann haben breite Bereiche der sozialwissenschaftlichen Forschung, Psychologie, aber eben auch die Ökonomie mittlerweile, haben gefunden, dass dieses Paradigma, dieses Experiment zeigen, messen kann, wie stark kann jemand zuwarten. Und daraus haben sich dann, angefangen von Walter Mischel, Langzeitstudien ergeben, die eben geschaut haben, was passiert denn mit den Kindern, die, als sie klein waren, vier, fünf, wenn sie später Erwachsene werden, was haben die für Eigenschaften, in ihrem Beruf, in ihrer finanziellen Situation, in ihrer Gesundheitssituation. Und da hat man spannende Zusammenhänge gefunden.

Bürger: Ja, machen Sie mal das an ein paar Beispielen fest, die Sie herausgefunden haben oder die für Sie als Ökonom eben auch besonders interessant sind.

Geduldige machen seltener Schulden

Sutter: Die Ökonomen interessieren sich ja beispielsweise bei zukunftsorientierten Fragen, wie stark investiert jemand in Ausbildung. Also Ausbildung heißt ja faktisch, Sie verzichten heute darauf, schnell irgendwo anders Geld zu verdienen und bleiben in der Schulbank oder in der Universitätsbank sitzen und können erst später dann einsteigen ins Berufsleben – allerdings dann mit normalerweise besseren Voraussetzungen für reichhaltigere, spannendere Berufe, die auch finanziell sich auszahlen. Und was ganz viele Langzeitstudien gefunden haben, war, dass Menschen, die in ihrer Kindheit, in der frühen Kindheit – machen wir es vereinfacht – auf das zweite Gummibärchenpäckchen warten konnten, die sind dann mit höherer Wahrscheinlichkeit sehr, sehr gut ausgebildet oder eben höher ausgebildet, haben damit deutlich finanziell bessere Ausstattungen in ihrem Leben, kommen, das kann man auch zeigen, weniger oft in finanzielle Schwierigkeiten, wenn es zum Beispiel um die Frage geht, ob am Ende des Monats noch etwas Geld da ist.

Und genauso interessiert Ökonomen heute auch, wie der Gesundheitszustand dieser Menschen aussieht, und zwar deshalb, weil die Gesundheitsausgaben in praktisch allen Gesellschaften einen Löwenanteil der öffentlichen Ausgaben ausmachen. Und was man hier zum Beispiel finden konnte, war, dass Kinder, die eben zuwarten können, später dann eben weniger wahrscheinlich rauchen, etwas weniger Übergewicht haben, weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen beispielsweise deswegen haben.

Bürger: Es geht dabei also immer um ein Abwägen zwischen Gegenwart und Zukunft. Welcher Schaden, wenn man das so sagen kann, erwächst also der Gesellschaft durch Ungeduld?

Sutter: Man kann ihn nicht bemessen in dem Sinne, dass ich Ihnen eine Zahl oder irgendeine Größenordnung angeben könnte. Aber wir wissen aus diesen ganzen langfristigen Studien, dass sich für den individuellen Erfolg auszahlt, Geduld und Ausdauer an den Tag zu legen. Etwas salopp formuliert, kann man das so formulieren, dass man sagt, mit viel Geduld und Ausdauer und vielleicht etwas weniger Intelligenz kann man es gleich weit bringen wie mit etwas mehr Intelligenz und halt deutlich weniger Geduld beispielsweise. Im Idealfall hat man immer beides.

Was wir zuerst mal betrachten, sind immer die individuellen Auswirkungen. Aber Sie haben vollkommen recht, dass dahinter natürlich gesellschaftliche Probleme dann stehen. Was nämlich heißt, wenn heute jeder alles sofort haben muss, wenn diese Studien zeigen, dass solche Menschen später mehr Gesundheitsprobleme haben, werden wir auch in unserem Gesellschaftssystem erhöhte Gesundheitskosten damit tragen.

Bessere Jobs durch mehr Geduld

Bürger: Die Entdeckung der Geduld ist unser Thema hier im Deutschlandradio Kultur, im Gespräch mit dem Verhaltensökonom Matthias Sutter. Sein gleichnamiges Buch liegt hier auf unserem Studiotisch. Im Grunde ist das ja ein Plädoyer für mehr Selbstkontrolle, was genau zum derzeitigen Trend der allumfassenden Selbstdisziplinierung passt. Fitness, gesunde Ernährung, die Vermessung sämtlicher Regungen des Körpers. Ist die von Ihnen ja regelrecht propagierte Geduld also noch ein Baustein dieser sich immer weiter selbst optimierenden Gesellschaft?

Sutter: Unter diesem Blickwinkel habe ich es nie betrachtet. Ich habe auch unter diesem Blickwinkel das Buch nicht geschrieben, sondern das Buch habe ich geschrieben, weil ich so fasziniert bin, wie hilfreich es ist – und wir wissen aus ganz vielen Studien, dass Geduld und Ausdauer jemandem hilft. Da geht es mir überhaupt nicht um Selbstoptimierung, dass man besser ins gesellschaftliche  Konzept passt, sondern es geht mir darum, wer würde nicht gern einen langen Atem haben, um dann eben besser ausgebildet zu sein, um gesünder insgesamt zu leben. Wer hält durch, dass er sich mehr bewegt, gesünder sich ernährt.

Bürger: Klingt aber doch ein bisschen lustfeindlich und einzig und allein auf ökonomischen Erfolg ausgerichtet.

Sutter: Das würde ich überhaupt nicht so sehen. Schauen Sie mal, wenn Sie es schaffen, sich top auszubilden, dann haben Sie spannendere Berufe mit höherer Arbeitsplatzzufriedenheit. Das wissen wir alle, und das macht doch Spaß. Also allein, wenn ich denke, was für ein Glück ich habe, in meinem Beruf arbeiten zu dürfen – da braucht man Geduld, bis man hinkommt, bis man eine gescheite Stelle hat, bis man seine Professur mal hat, und trotzdem ist es einfach eine tolle Sache, sich mit spannenden Fragen auseinandersetzen zu können. Und lustfeindlich ist das nicht.

Verlässlichkeit als Voraussetzung für Geduld

Bürger: Na ja, es steht schon das Gefühl vieler Menschen dagegen, dass sie das wahre Leben unter dem ökonomischen Druck immer in die Zukunft verschieben, bis es irgendwann zu spät ist, all das zu leben, was man wirklich möchte. Von welchen Faktoren hängt es eigentlich ab, ob sich ein Mensch zu  einem geduldigen oder ungeduldigen Wesen entwickelt? Liegt das in den Genen?

Sutter: Dazu ist noch nicht hinreichend viel bekannt. Also ich weiß, dass gegenwärtig mehrere Forschungsteams auf der ganzen Welt genau an diesen verhaltensgenetischen Fragestellungen arbeiten – gibt es eine biologische, also genetische Grundlage? Dazu wissen wir noch nichts. Das wird noch ein paar Jahre dauern, dann werden wir es wissen. Es wird irgendwas herauskommen, und trotzdem wird klar sein, dass die Rahmenbedingungen, unter denen man aufwächst, ein sehr wichtiger Punkt sind. Es gibt schöne Studien, die zeigen, dass beispielsweise  Verlässlichkeit für Geduld unfassbar wichtig ist.

Lassen Sie mich das kurz illustrieren. Wenn Sie in einem Experiment Kindern etwas versprechen, und dieses Versprechen dann brechen und Sie danach fragen, wollen sie ein Gummibärpäckchen jetzt oder zwei in 15 Minuten, dann nehmen praktisch alle das eine Gummibärpäckchen, weil sie sich nicht mehr darauf verlassen können, dass in 15 Minuten das zweite kommt. Wenn Sie einer anderen Gruppe von Kindern etwas versprechen, dieses Versprechen halten und denselben dann dieselbe Frage, ein Gummibärpäckchen jetzt oder zwei in 15 Minuten, zeigen, dann warten die meisten. Weil Verlässlichkeit ist für zukunftsorientiertes Handeln ganz, ganz wichtig. Und das, glaube ich, ist auch ein Ratschlag an Eltern.

Bürger: Lässt sich Geduld auch lernen?

Sutter: Ach, ich glaube, man lernt es vielfach von den Eltern. Es gibt viele Studien, die zeigen, dass geduldigere Eltern geduldigere Kinder haben. In dem Sinne glaube ich, dass man es lernen kann. Ich bin dann häufig gefragt worden, wie lerne ich es als Erwachsener? Und da muss ich einfach sagen, da habe ich noch nicht eine gute Antwort gefunden.

Bürger: "Die Entdeckung der Geduld. Ausdauer schlägt Talent", so heißt das Buch von Matthias Sutter. Erschienen ist es im Salzburger Ecowin-Verlag. Herr Sutter, ich danke Ihnen fürs Gespräch!

Sutter: Vielen Dank, Frau Bürger. Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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