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Montag, 18.12.2017

Mahlzeit | Beitrag vom 01.12.2017

Ökobilanz von HaustierenKlimakiller auf vier Pfoten

Von Udo Pollmer

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Ein Hund liegt auf einem Bett und guckt entspannt in die Kamera. (Unsplash/ Cheryl Senko)
Die Deutschen lieben ihre Haustiere. Ökologisch ganz schön bedenklich, spottet Udo Pollmer. (Unsplash/ Cheryl Senko)

Sie werden mit Leckereien verwöhnt, im Urlaub in Hotels untergebracht und bei Krankheit medizinisch versorgt: Deutsche lieben ihre Haustiere. Doch ökologisch vertretbar ist diese Liebe nicht, meint Udo Pollmer.

Viele Menschen wollen ihr Leben so gestalten, dass sie Umwelt und Klima schonen. Greenpeace hat sich dabei mit seinen "Tu-Was"-Tipps "für eine bessere Welt" hervorgetan. Tipp Nr. 78 riet den Hundehaltern, ihre Lieblinge ob ihres Fleischkonsums doch lieber durch Hühner zu ersetzen. Die legen bei geeigneter Fütterung wenigstens Eier. Leider sind Hühner nicht stubenrein zu kriegen, hält man sie im Käfig, ist es nur eine Frage der Zeit, bis Tierbefreier das Federvieh auf die Straße setzen, wo es entweder dem Verkehr oder dem Marder zum Opfer fällt.

Doch damit machte sich Greenpeace keine Freunde, es hagelte Proteste. So weit geht die Liebe zur Umwelt nun doch nicht, dass man bereit wäre, auf seine fleischfressenden Vierbeiner zu verzichten.

Ein Hund - fürs Klima so schlimm wie ein Geländewagen?

Wer Verzicht auf Fleisch fordert, kann den Speiseplan seiner Schmusetiere nicht außen vor lassen. Deshalb haben sich Forscher der Ökobilanz unserer Haustiere angenommen und dabei Erschütterndes zutage gefördert: allerorten Landverbrauch, Treibhausgase und dräuende Klimakatastrophen. Ein stattlicher Hund soll die Umwelt grad so belasten wie ein Geländewagen. Manch einer kauft diesen nur, um dem Hund ausreichend Platz zu bieten. Eine Katze soll mit zwei Tonnen Kohlendioxid im Jahr zu Buche schlagen – so wie ein Kleinwagen mit 16.000 Kilometern Fahrleistung.

Allein in Deutschland konsumieren die 20 Millionen Katzen und Hunde locker eine Million Tonnen Fleisch. Weltweit, heißt es, seien Millionen Quadratkilometer Agrarfläche nur dazu da, um darauf Futter für unsere Schmusetiere anzubauen. Dazu kommt jede Menge Wasser, beispielsweise zum Reinigen des Katzenklos, bergeweise Katzenstreu, Dosen und Plastikbeutel mit Nass- und Trockenfutter. Von den Arzneimitteln ganz zu schweigen, schließlich werden die Tiere heute bis zum bitteren Ende therapiert, statt sie zu gegebener Zeit einzuschläfern.

Schmusetiere ohne Nutzen

Während Nutzvieh Nahrung und Dünger produziert, lässt sich derart Vorteilhaftes von Hund und Katz nicht behaupten. Heimtiere werden bestattet statt gegessen – ihre Fäkalien sind nicht Dünger, sondern Müll. Ihr Fell wird nicht zu Leder verarbeitet und ihre Knochen liefern nicht mal Gelatine für Gummibärchen. In Wohlstandsgesellschaften wirkt das Heer der Schmusetiere auf die Ökobilanz gerade so wie Schadnager in den Armutsländern. Während viele Tierfreunde ihren Lieblingen bei Tisch die Leckerbissen reichen, bedienen sich die Nager im Getreidesilo lieber selbst.

Wenigstens belasten Hunde und Katzen die Umwelt nicht mit Methan, so wie Rinder, wenden Tierfreunde gern ein. Doch dabei übersehen sie, dass sich Methan in der Atmosphäre innerhalb weniger Jahre zu Kohlendioxid und Wasser zersetzt. Beides wiederum benötigt die Pflanze zum Wachsen, aus dem CO2 entsteht wieder organische Masse. Wird das Gras von einem Rind abgeweidet, beginnt der Kreislauf von neuem. Dies hat logischerweise keinen Einfluss aufs Klima.

Der Bestand an Rindern sinkt in Deutschland seit über 100 Jahren, einfach deshalb weil heute mit weniger Vieh mehr Milch produziert wird. Da die Methanmenge pro Rind immer gleich bleibt, egal ob es viel Milch oder nur wenig gibt, könnte man das rechnerische Methan-Defizit der modernen Nutztierhaltung gutschreiben. Da böte sich doch ein Emissionshandel an, um nicht zu sagen Kuhhandel: Um die Klimabilanz von Hund und Katz auszugleichen, verspeist der Halter eben mehr Cheeseburger.

Wenn verwilderter Katzen auf Jagd gehen

Damit ist noch nicht das Ende der ökologischen Fahnenstange erreicht: Kürzlich fragte das Wissenschaftsportal Spektrum.de, ob Katzen nicht noch schlimmer seien als der Klimawandel? Denn in Australien dezimieren Scharen verwilderter Katzen das einheimische Kleinvieh – nirgendwo ist die Tierwelt so bedroht wie auf diesem Kontinent. Die wilden Katzen suchen sich nämlich ihr Futter selbst und ruinieren damit das Ökosystem durchschlagender als die Stubentiger mit ihrem Dosenfutter.

Egal was man tut – es ist immer falsch. Bis sich der dichte Nebel, der die Ökobilanzen umwabert, gelichtet hat, bleibt uns Europäern wohl nur eins: Abwarten und Milchtrinken. Mahlzeit!


Literatur:

Anon: Tu Was Tipp 78: Einzug der Hühner. Greenpeace-Magazin 2010 , Heft 2, S. 21
Ponstingl J: Hund und Katze als Klimasünder. Süddeutsche.de 5. August 2017
Carstens P: Klimakiller Hund und Katze: So verringern Sie ihren CO2-Pfötchenabdruck. Geo.de 17. August 2017
Vale B: Time to Eat the Dog: The Real Guide to Sustainable Living. Thames & Hudson, London 2009
Okin GS: Environmental impacts of food consumption by dogs an cats. PLoS One 2017; 10: e0181301
Keckl G: Hybris Nachhaltigkeit. Die Milchwirtschaft 2011; 2: 824-829
Muller RA, Muller EA: Fugitive methane and the role of atmospheric half-life. Geoinformatics & Geostatistics: An Overview 2017; 5: e3
Lingenhöhl D: Füchse und Katzen schlimmer als Klimawandel? Spektrum.de vom 6. November 2017

 

 

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