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Lesart / Archiv | Beitrag vom 25.10.2014

NordkoreaSpekulationen ohne Erkenntnisgewinn

Rüdiger Frank: "Nordkorea. Innenansichten eines totalen Staates"

Von Martin Hyun

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Neu gestalteter Platz vor dem Mausoleum in Hauptstadt Pjöngjang (picture alliance / dpa / Kcna Handout  )
Der neu gestaltete Platz vom dem Mausoleum in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang (picture alliance / dpa / Kcna Handout )

Kaum ein Land ist uns heute so fremd und unbekannt wie Nordkorea - und das bleibt auch so nach der Lektüre von Rüdiger Franks Nordkorea-Buch, da der Autor die versprochenen Innenansichten nicht liefert.

Bereits der Titel ist irreführend. Statt einer Innenansicht liefert Rüdiger Frank nichts als eine weitere Außenansicht. Chronologisch arbeitet er auf, was Medien, Wissenschaftler und Think Tanks schon berichtet haben. Und vermerkt im Vorwort erfreut, dass auch seine Meinung "gehört" werde.

"Artikel und Interviews von mir erscheinen sowohl in der 'Süddeutschen Zeitung' wie in der 'Bild' ... Im September 2013 hat mich die 'Frankfurter Allgemeine Zeitung' als einen der fünfzig einflussreichsten Ökonomen Deutschlands gelistet, was offenbar meiner Arbeit über Nordkorea geschuldet ist."

Ansichten aus der Studentenzeit

Aber auch ein so gefeierter Ostasienwissenschaftler fischt manchmal im Trüben.

"Südkorea ist ebenso wie der Rest der Welt oftmals auf Spekulationen und zweifelhafte Gerüchte angewiesen, wenn es um das Verständnis der Lage in Nordkorea geht."

Und am Ende seines Buches räumt der von sich überzeugte Nordkorea-Experte ein:

"Ich greife hier vor allem auf meine eigenen Ansichten zurück, wobei ich meine Studentenzeit 1991/1992 als Ausgangsbasis verwende, um Veränderungen zu erkennen und zu bewerten."

Damals sagte er voraus,  Nordkorea werde innerhalb von sechs Monaten zusammenfallen. Heute weiß er, Totgesagte leben länger.

Kaum koreanische Quellen benutzt

Der Professor der Universität Wien beruft sich auf seine DDR-Biographie, die ihn dafür prädestiniere, das asiatische, kommunistisch regierte Land noch besser zu verstehen als Kollegen, die im kapitalistischen Westen sozialisiert wurden.

Es fragt sich aber, warum er dann englische und deutsche, jedoch kaum koreanische Quellen verwendet.

"Ich habe die Geschichte, Literatur, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Koreas studiert, kann koreanische Quellen lesen und mich mit den Menschen unterhalten".

Sein Buch beginnt standardmäßig: mit Koreas Geschichte, der japanischen Kolonialzeit, dem Krieg auf der Halbinsel 1950 – 1953 und der Teilung in Nord und Süd entlang des 38. Breitengrades.

Rolle der wirtschaftlichen Sonderzonen

Rüdiger Frank: "Nordkorea" (DVA)Rüdiger Frank: "Nordkorea" (DVA)Er widmet sich sodann den Ideologien des totalitären Staates, der nun von Kim Jong-un regiert wird, dem Enkel des Staatsgründers.  Kim Il-sung präsentierte sich als "Großer Führer", stilisierte sich als "Übermensch" und verlangte vom Volke "gottgleiche Verehrung", absolute Gefolgschaft und Treue.

"Die Gesellschaft gilt als soziopolitischer 'Körper', dessen 'Kopf' der Führer ist. Ohne Kopf, so bekommt man in Nordkorea zu hören, kann die Gesellschaft nicht überleben." 

Weiter setzt er sich mit den vier wirtschaftlichen Sonderzonen auseinander.

"Der zunehmende Wohlstand einer wachsenden mittelständischen Schicht in Nordkorea und die vor allem aus China ins Land fliesenden Informationen sind die Grundlage dafür, das auch in Nordkorea die monolithische Ideologie schwächer wird".

Es könnte sich bewahrheiten, wovor Vater Kim Jong-il schon im Jahr 1995 gewarnt hat.

Wiedervereinigung: keiner weiß, ob, wann und wie

Andererseits sei ausländischen Sanktionen nicht gelungen, die Loyalität der nordkoreanischen Privilegierten zu schwächen. Auch die Regierung in Pjöngjang ließ sich nicht von der UNO zwingen, Atomwaffen abzurüsten.

"Man argumentiert, dass man die Waffen zur Verteidigung gegen übermächtige Gegner brauche und dass Fälle wie etwa Libyen zeigten, was einem kleinen Land ohne solche Garantien passieren könne." (S.175)

Und natürlich darf das Thema Wiedervereinigung nicht fehlen. Sehr richtig stellt der Wiener Professor aus Ostdeutschland fest:

"Nordkorea ist nicht die DDR, und 1989 ist nicht 2014."

Weshalb ein Vergleich zwischen Deutschland und Korea "nicht sehr seriös" sei ...

"... da wir ja nicht wissen, ob, wann und unter welchen Umständen eine Vereinigung stattfinden wird."

Spekulationen ohne eigene Analyse

Es sind reine Spekulationen, die Rüdiger Frank bietet, dazu historische Fakten, aber eben keine eigene Analyse oder gar neue Erkenntnis. Das Puzzle an Informationen hätte auch ein Nicht-Wissenschaftler zusammenfügen können, der gründlich Zeitung gelesen hat. Solange Korea geteilt ist, wird der Norden den Wissenschaftlern aller Fachrichtungen, Rätsel aufgeben und selbsternannten Experten wie Rüdiger Frank Gehör verschaffen.

 

Rüdiger Frank: Nordkorea. Innenansichten eines totalen Staates
Deutsche Verlagsanstalt, München  September 2014
432 Seiten, 19,99 Euro, auch als ebook
Mehr zum Thema:

Nordkorea - Propagandamittel Geheimniskrämerei
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 15.10.2014)

Rüdiger Frank - Nordkorea. Innenansichten eines totalen Staates
(Deutschlandfunk, Andruck - Das Magazin für Politische Literatur, 22.09.2014)

Unbekanntes Land - Schnappschüsse aus Nordkorea
(Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 01.09.2014)

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